Das auffälligste Merkmal der öffentlichen Person Theo Albrecht war seine Unsichtbarkeit. Über sein Privatleben ist kaum mehr bekannt als die äußeren Lebensdaten, und auf den wenigen publizierten Fotos wirkt er unscheinbar wie Willy Loman, der Handlungsreisende aus dem berühmten Stück von Arthur Miller. Buschige Brauen, große Brillengläser, ein freundlicher Blick.
Theo Albrecht, einer der erfolgreichsten Unternehmer der deutschen Nachkriegsgeschichte und als Inhaber der Discount-Kette Aldi Nord einer der reichsten Männer Deutschlands, ist am vergangenen Samstag in Essen im Alter von 88 Jahren gestorben.
Das Aldi-Prinzip der Brüder Karl (Aldi Süd) und Theo Albrecht (Aldi Nord) lässt sich ganz im Sinne der Unternehmer-Philosophie auf eine einfache Formel reduzieren: hohe Qualität, tiefe Preise, wenig Auswahl, schlichte Präsentation.
Die Albrecht Discounter (Aldi) sind ein Global Player, das Netz mit mehr als 9000 Filialen in Europa, den USA und Australien wächst besonders im Ausland. Das Wachstumspotenzial auf dem deutschen Markt gilt unter Handelsforschern hingegen als nahezu ausgeschöpft. Aldi Süd bewerten Branchenkenner als innovativer und experimentierfreudiger, der Nord-Konzern hat sich laut Manager-Magazin eher der „reinen Lehre“ des Hard-Discount verschrieben.
Der sogenannte Aldi-Äquator zieht sich durch Nordrhein-Westfalen und Hessen, Aldi-Nord hat seinen Firmensitz in Essen, Aldi-Süd in Mülheim an der Ruhr. Der Gesamtjahresumsatz beträgt geschätzt 40 Milliarden Euro. FR
Seine Lebensgeschichte lässt sich als paradigmatische Biografie des deutschen Wirtschaftswunders erzählen. Als Sohn eines Bergmanns 1922 in Essen geboren, wuchs er im Essener Arbeiterviertel Schonnebeck auf. Seine Mutter führte dort einen kleinen Lebensmittelladen, in dem er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann absolvierte. 1946 übernahm er mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Karl das elterliche Geschäft. In den folgenden Jahren bauten sie den Betrieb zu einer Kette mit 13 Filialen aus.
Wenn die Brüder je so etwas wie eine Krämerseele besessen haben, verstanden sie es früh, diese mit visionären Vorstellungen vom Lebensmittelhandel zu kombinieren. 1960 führten sie bereits 300 Filialen mit einem Umsatz von 90 Millionen Mark.
Während der Einzelhandel noch nach dem Muster dörflicher und kleinstädtischer Nachbarschaftsbeziehungen organisiert war, schufen die Brüder ein Discount-Imperium, das mit seinem eher schmucklosen Erscheinungsbild und der Aufforderung an den Kunden, die Ware selbst auszupacken, den Handel revolutionierte. Den ästhetischen Minimalismus ihrer Ladeneinrichtungen verknüpften sie mit einem Pragmatismus, der ein gutes Verhältnis von Preis und Qualität suggerierte.
Aldi wurde zum Volksladen mit dem Charme einer Fabriketage, und die Kunden schienen einverstanden mit einer Verkaufsphilosophie, die darauf aus war, den Lebensstandard zu decken, ohne ihn veredeln zu wollen. Geiz war für sie nicht geil, aber Sparsamkeit erschien ihnen zweckmäßig. Noch vor der Kulturrevolution der 68er verabschiedeten sich die Brüder vom schönen Schein der Ware und setzten auf die Attraktivität des bloßen Gebrauchswerts.
1961 erfolgte die geschäftliche Trennung der Brüder. Karl führte das Handelsimperium Aldi Süd, Theo übernahm den Norden. Das Geheimnis des frühen Erfolgs der Aldi-Brüder dürfte nicht zuletzt darin bestanden haben, das amerikanische Dicount-Prinzip an die deutschen Verbrauchergewohnheiten anzupassen. Das hielt die Brüder nicht davon ab, in Amerika selbst aktiv zu werden. Während Karl sich mit Aldi-Süd in den USA versuchte, brachte Theo die Supermarktkette Trader Joe’s an den Markt.
Trotz seiner internationalen Aktivitäten blieb Theo Albrecht aber stets seiner Heimatstadt Essen verbunden, wo der Firmensitz von Aldi Nord angesiedelt blieb.
Seine öffentliche Zurückhaltung, auch das ein Prinzip des amerikanischen Unternehmertums, behielt Theo Albrecht im hohen Alter bei. Und während immer mal wieder über einen lebenslangen Bruderzwist spekuliert wurde, gingen Karl und Theo Albrecht auch im Alter noch gemeinsame Wege. So brachten sie Teile ihres Vermögens in zwei Familienstiftungen ein. Im Jahr 2009 schätzte man das Privatvermögen von Theo Albrecht auf 16,75 Milliarden Euro. Das Manager-Magazin sah ihn damit als Nummer Zwei der Liste der reichsten Deutschen, übertroffen nur von seinem Bruder Karl.
Der Grund für den Rückzug aus der Öffentlichkeit dürfte die spektakuläre Entführung Theo Albrechts gewesen sein, der 1971 von einem Düsseldorfer Anwalt und einem Kleinkriminellen 17 Tage lang gefangen gehalten wurde. Weil Theo Albrecht ihnen am Tag der Entführung aber zu schlecht gekleidet erschien, so will es jedenfalls die Legende, hatten sich die Täter von ihm vor dem Überfall zunächst den Ausweis zeigen lassen. Die Lösegeldzahlung von sieben Millionen Mark, die vom damaligen Essener Ruhrbischof Franz Kardinal Hengsbach übergeben wurde, stellte die höchste Lösegeldsumme dar, die bis dahin in der Bundesrepublik gezahlt worden war.
Theo Albrecht verkörpert wie nur wenige den Typus des bundesrepublikanischen Unternehmers der Aufbauphase, der anstelle von äußerer Eleganz auf Pflicht und Beharrungsvermögen setzte.
Theo Albrecht hinterlässt seine Frau Cilly und die Söhne Theo junior und Berthold, die ebenfalls für Aldi Nord tätig sind. Das Unternehmen jedoch wird von Managern im Sinne des Firmengründers geführt, die im Konzern Karriere machten.
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