kalaydo.de Anzeigen

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

08. Februar 2011

Riskante Geschäfte: BGH rüffelt Deutsche Bank

Die Deutsche Bank hat rund 200 Mittelständlern und Kommunen Zinsswaps verkauft. Foto: dpa

Der Bundesgerichtshof fährt im Rechtstreit um riskante Zinswetten eine harte Linie gegen die Deutsche Bank. Eine Verurteilung des Bankhauses könnte weitreichende Folgen haben. „Das löst eine zweite Finanzkrise aus“, warnt ein Anwalt der Bank.

Drucken per Mail
Swaps

Die Deutsche Bank empfahl dem Mittelständler Ille Spread Ladder Swaps. Bei diesen riskanten Wetten kommt es auf die Differenz (Spread) zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen an. Die Erwartung bei den Swaps (englisch: tauschen) war, dass die langfristigen Zinsen stärker steigen als die kurzfristigen. Doch es kam anders. Nun verlangt Ille von der Bank 540.000 Euro Schadenersatz.

Der Deutschen Bank droht im Streit über den Verkauf riskanter Zinswetten eine Niederlage vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Das höchste deutsche Berufungsgericht fährt offenbar eine härtere Linie und verpflichtet Banken zu besserer Beratung und Aufklärung ihrer Kunden.

Der Vorsitzende Richter Ulrich Wiechers ließ in der Verhandlung am Dienstag erkennen, dass das größte deutsche Geldhaus seine Fürsorgepflicht gleich zweifach verletzt habe. Die Bank hatte dem Hygienebedarfshersteller Ille aus Altenstadt in Hessen einen riskanten „Spread Ladder Swap“ verkauft. Ille wollte damit Zinsen sparen, stieg nach zwei Jahren aber mit gut 540.000 Euro Verlust aus dem Geschäft aus.

„Das löst eine Finanzkrise aus“

Ein für die Deutsche Bank negatives Urteil könnte für die Branche weitreichende Folgen haben. „Dann lösen Sie eine zweite Finanzkrise aus“, warnte der Rechtsvertreter der Bank, Reiner Hall, den Senat. Der BGH schüfe damit eine neuartige Pflicht für die Banken zur Aufklärung über ihre Renditen, auf die sich alle Kunden berufen könnten, deren Spekulationen schiefgegangen seien. „Da kämen Milliardenforderungen auf die Banken zu.“ Die Haltung des Gerichts sei lebensfremd.

Der BGH monierte, dass die Deutsche Bank versäumt habe, Ille über die für das Unternehmen ungünstige Struktur des Zinsswaps aufzuklären. Ille musste erst einen „negativen Marktwert“ von 80000 Euro aufholen, mit dem die Bank ihre Kosten abdeckte, das Risiko absicherte − und ihren Gewinn vorab abschöpfte. Wiechers sagte, sie habe nicht genug getan, diesen Interessenkonflikt mit dem Kunden aufzulösen. Bei der Beratung müsse sich die Bank „allein am Kundeninteresse“ ausrichten.

Wiechers bezeichnete das Produkt in der mündlichen Verhandlung als „hoch kompliziertes Finanztermingeschäft“ mit zweifacher Hebelwirkung, das der Unternehmer nicht ohne weiteres habe nachvollziehen können. „Es handelte sich um eine Art spekulative Wette.“ Zudem sei fraglich, ob die Bank ausdrücklich genug auf das „theoretisch unbegrenzte Verlustrisiko des Kunden“ hingewiesen habe. „Vielleicht hätte es von der Bank daher eher heißen müssen: Finger weg“, sagte Wiechers.

Deutsche-Bank-Anwalt Hall sagte, um die Zinsformel zu verstehen, sei kein Studium notwendig. „Jeder Kunde ist bei einem solchen Geschäft aufklärungsbedürftig“, widersprach Ille-Rechtsvertreter Norbert Gross.

„Verlustgeschäft für Kunden“

Gross zitierte aus einem internen Memorandum der Bank. Darin würden Mitarbeiter angewiesen, die Gestaltungsmöglichkeiten des Vertrags so zu nutzen, dass es „aller Wahrscheinlichkeit zu einem Verlustgeschäft für den Kunden“ werde. „Es sollte ein Negativ-Geschäft werden. Nur so kann man an dem Kunden Geld verdienen“, sagte der Ille-Anwalt.

Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte, es sei noch unklar, inwieweit auch andere Swap-Geschäfte von dem Urteil betroffen sind. „Der Streitwert sämtlicher Gerichtsverfahren, welche die Deutsche Bank betreffen, ist sehr begrenzt“, betonte er.

Die Deutsche Bank hat rund 200 Mittelständlern und Kommunen Zinsswaps verkauft, die sich mit Beginn der Finanzkrise negativ entwickelten. Bei Städten und Gemeinden waren die Vorinstanzen meist davon ausgegangen, dass diese noch weniger Erfahrung mit derart komplizierten Finanzprodukten hätten als die Unternehmer. Dennoch hatte die Bank den Großteil Dutzender Verfahren in der ersten und zweiten Instanz gewonnen.

Andere Institute, die ähnliche Produkte verkauft haben, warten mit Spannung auf die BGH-Entscheidung, die am 22. März verkündet werden soll.

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
Steueroasen
Beliebtes Steuerparadies: Cook Inseln.

Die Enttarnung geheimer Geschäfte in Steueroasen beschäftigt Politik und Wirtschaft. Berichte und Hintergründe finden Sie in der Offshore Leaks-Themensammlung.

FR-Forum Entwicklung
Das "Forum Entwicklung" ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Die FR diskutiert mit Polarexperte Arved Fuchs, Prof. Claudia Kempfert und Dr. Stephan Paulus.

Mitreden

Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut - und der Staat stützt die Konjunktur. Reden Sie mit.

Smartphone-Markt
Anzeige
Animation

Die weltweite Ausbeutung der Schiefergas-Reserven könnte den Energiemarkt nachhaltig verändern: Animation mit Infos zu Vorkommen weltweit und der umstrittenen Fördermethode "Fracking".

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
FR-Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.

FR-Spezial
Die IG Metall will in Kürze entscheiden, ob sie zu Warnstreiks in der Stahlindustrie aufruft.

Kurzarbeit, Jobabbau - wie sozial unsere Marktwirtschaft noch ist. Und: Hartz IV - Nachwirkungen der großen Sozialreform.

Frauen in die Aufsichtsräte

Die EU will, dass 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein sollen. Für Vorstände gilt das nicht. Eine gute Lösung?

22% Ja, finde ich gut. Die Unternehmen ernennen von sich aus keine Frauen.
67% Nein, ich bin dagegen. Die Qualifikation ist wichtiger als das Geschlecht.
11% Ist egal, für die Wirtschaft ist das nicht entscheidend.

Euro-Krise

Das Märchen von den Griechen

Von Stephan Kaufmann | 22 Kommentare
Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen.

Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen. Es geht um „Lügen“, „Sorgen“ und der teuren „Rettung“. Dahinter verbergen sich knallharte Interessen. Mehr...

Anzeige
Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Anzeige
Lesetipp
        

Festlich gestimmt: Die Deutschen geben jährlich knapp 19 Milliarden Euro nur für Weihnachtsgeschenke aus.

Was Sie kaufen müssen, um den Euro zu retten - und wie Sie den Krisenländern helfen können.

Wirtschaft-Spezial

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

In eigener Sache

Die Zukunft der Frankfurter Rundschau ist gesichert. Die Eigentümer betonen, es gibt keinen Einfluss auf das gewachsene politische Profil. Chefredakteur Festerling blickt nach vorne: "Wir haben einiges vor."