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Ritter Sport: Falsche Genossen

Alfred Ritter kauft Kakao für seine Bio-Schokolade in Nicaragua. Eine Kooperative entpuppt sich als korrupt. Von Hannes Koch

Natürliche Trocknung: Waslala ist ein Zentrum des Biokakao-Anbaus in Nicaragua.
Natürliche Trocknung: Waslala ist ein Zentrum des Biokakao-Anbaus in Nicaragua.
Foto: rtr

Die Hütte von Rosaura Mendez ähnelt einem Schlammloch. Zwei Wochen hat es im tropischen Bergland Nicaraguas stark geregnet, und das Wasser ist den Hang hinab durch das Haus der Bäuerin gelaufen. Was Mendez "Haus" nennt, ist ein Bretterverschlag, aufgeteilt in einen Wohnraum, zwei Schlafkammern und eine Küche. Den lehmigen Fußboden durchziehen Furchen, die das Regenwasser hinterlassen hat. In einer rußigen Pfanne über offenem Feuer schmurgelt Gallopinto, das traditionelle Frühstück aus Reis und roten Bohnen. Außer einer Vase mit bunten Plastikblumen gibt es in dieser Hütte nichts, was Mitteleuropäer nicht sofort als Müll entsorgen würden.

Rosaura Mendez lebt vom Kakao-Anbau. 50, 60 Bäume stehen auf dem Hügel hinter ihrer Behausung. Werden die Früchte reif und rot, liefert die Bäuerin die darin gewachsenen Kakao-Bohnen bei der Genossenschaft Cacaonica ab. "Aber die Kooperative zahlt nicht", klagt Mendez. Man erzählt sich, dass der Geschäftsführer Geld beiseite geschafft habe. Und dieses fehle, um während der Erntezeit Kakao anzukaufen. Mendez und andere Bauern gucken in die Röhre.

"Es ist wie bei einer löchrigen Pipeline", sagt Alfred Ritter. Er ist der Chef von Ritter Sport. Seit 1990 hat seine Schokoladenfabrik mehr als drei Millionen Euro in die Genossenschaft Cacaonica investiert. "Ein Teil unseres Geldes versickert, es erreicht die Bauern nicht", sagt Ritter. Auch mit der Lieferung haperte es lange Zeit. Alfred Ritter beschloss: So kann es nicht weitergehen.

Altlinke Fabrikanten

"30 Tonnen Kakao pro Jahr, das war weniger, als wir erhofft hatten", sagt Ritter in schwäbelndem Deutsch vor 100 Bauern, Regierungsvertretern, Genossenschaftlern und Entwicklungshelfern. Zwischen Palmen und Hibiskus in den grünen Hügeln um Matagalpa, anderthalb Autostunden nordöstlich der Hauptstadt Managua, hat die Firma aus Waldenbuch bei Stuttgart ihre Sammelstation für Kakao gebaut.

Das weiße Bürogebäude mit Säulen und überdachter Veranda thront am Hang über der weitläufigen Anlage. Zwei Lagerhallen bieten Platz für Tausende Säcke Kakao. Heute wird die Anlage eingeweiht; selbst die deutsche Botschafterin ist gekommen. Man singt die nicaraguanische Nationalhymne. Hausherr Ritter kündigt an: "Wir brauchen mehr Kakao, wir würden die Liefermenge gerne vervielfachen".

Als erster Massenhersteller versucht Ritter, vier Sorten Bio-Schokolade in den Supermärkten zu verkaufen. Der Bio-Boom in Deutschland und Europa ist in vollem Gange. Damit das Vorhaben funktioniert, muss der Nachschub zunehmen. Aus Nicaragua bezieht das deutsche Unternehmen einen großen Teil des hochwertigen, biologisch angebauten Kakaos, der nur in wenigen Gegenden dieser Erde wächst. Vor einigen Monaten hat Ritter deshalb im nicaraguanischen Radio durchsagen lassen, dass man den Bauern 3850 Dollar pro Tonne zahle, rund 1000 Dollar über dem Weltmarktpreis also. Seitdem rennen die Produzenten Ritter die Bude ein. Elf Genossenschaften liefern inzwischen an die deutsche Firma, die Genossenschaft Cacaonica ist nicht mehr allein. "Wir können wählen, bei welcher Kooperative wir künftig kaufen", sagt Ritter.

Dass das Unternehmen in dieser Art auftritt, ist neu. Die Veränderung hat auch etwas mit der persönlichen Entwicklung des Chefs zu tun. Runde John-Lennon-Brille, die Haare über dem Kragen, um den Hals eine gelbe Stoffkette mit rotem Anhänger - lange Zeit hat Alfred Ritter, genau wie seine Schwester Marli Hoppe-Ritter, einen Bogen um die Schokoladenfabrik gemacht. Als der Vater früh starb, setzten die Geschwister einen Geschäftsführer ein. Alfred Ritter eröffnete eine psychotherapeutische Praxis und gründete eine Firma für Ökoenergie.

Auf die Idee, Kakao in Nicaragua zu kaufen, kamen die Geschwister aus politischer Sympathie für die sandinistischen Revolutionäre, die 1979 die Diktatur besiegten. Nicht von ungefähr bezeichnet sich Marli Hoppe-Ritter als "Alt-68erin". Das Entwicklungsprojekt in Mittelamerika war ein Versuch, die ererbte und doch fremde Welt der Schokoladenproduktion mit den eigenen politischen Interessen zu harmonisieren. Nur in zweiter Linie ging es darum, irgendwann mal Geld mit nicaraguanischem Kakao zu verdienen. Aus gutem Gewissen flossen so Hunderttausende Euro, Jahr auf Jahr. Und bei Ritter war man zufrieden damit, dass jährlich 40 Tonnen Bio-Kakao in Deutschland ankamen, eine eher zu vernachlässigende Menge.

Schließlich aber übernahm Alfred Ritter vor zweieinhalb Jahren doch noch den Chefposten der Firma. Der Rollenwechsel änderte auch seinen Blick auf das Nicaragua-Projekt. Er wollte nicht noch einmal 18 Jahre lang Geld für etwas ausgeben, das schlecht funktioniert: "Entweder es klappt, oder es stirbt." Ritter hat sich vom Solidaritätsromantiker zum Schokoladen-Unternehmer gewandelt. Er weiß: Die Container mit den Kakao-Säcken müssen verlässlich in Honduras verladen und im Hamburger Hafen gelöscht werden. Sonst bleiben die Regale in den Supermärkten leer.

Die neue Lage hat sich bis zum kleinen Ort Waslala herumgesprochen. Hier, 20 Minuten Landrover-Fahrt von Rosaura Mendez' Kakao-Wäldchen entfernt, steht das Büro der Genossenschaft Cacaonica. Aus der angrenzenden Lagerhalle riecht es wie nach altem Essig. Es ist der schwere Duft getrockneter Kakaobohnen.

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Autor:  HANNES KOCH
Datum:  16 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
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