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15. November 2013

Rohstoffe aus Peru: Ätzende Nachbarn

 Von 
Auf der Suche nach Gold und Kupfer: Der Bergbau hinterlässt in den Anden Krater, die mehrere hundert Meter tief sind.  Foto: Florian Kopp/Misereor

Der Abbau von Gold, Kupfer und Zinn führt in Peru zu großen Umweltschäden und raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage. Die Campesinos wehren sich gegen weitere Mega-Projekte.

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Lima/Cajamarca –  

Don Felipe Flores hat einen mächtigen Nachbarn, der ganze Berge versetzen kann. Den Glauben dran, dass auch ihm das irgendwie von Nutzen sein könnte, hat Flores aber längst verloren. Der 41-jährige Campesino lebt am Rande von Yanacocha, der größten Gold- und Kupfermine des amerikanischen Kontinents. Auf über 3500 Metern Höhe sprengt und baggert die Newmont Mining Corporation dort im offenen Tagebau, schichtet den rohstoffreichen Schutt dann Lage für Lage zu mächtigen Halden auf. Um sie schließlich mit hochgiftigem Zyanid – dessen Einsatz in Deutschland verboten ist – zu berieseln und das Anden-Gold auszulaugen.

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34 Millionen Unzen Gold hat Newmont seit 1993 aus den Bergen im nordperuanischen Departement Cajamarca geholt. Gewinn hat Flores davon nicht. Im Gegenteil, er zahlt einen hohen Preis. Das Trinkwasser, das er vor wenigen Jahren noch aus umliegenden Quellen schöpfen konnte, ist nun mit Schwermetallen belastet. In 20-Liter-Kanistern muss er das Trinkwasser für die fünfköpfige Familie jetzt herankarren, teuer eingekauft in der 18 Kilometer entfernten Provinzstadt Cajamarca.

„Unsere Erde hier gibt kaum noch etwas her“, klagt der Kleinbauer und zeigt auf die Flächen, auf denen er Kartoffeln und Bohnen anbaut und früher ordentliche Ernten eingefahren hat. Wie ihm ergeht es allen Campesinos in La Pajuela. Weil die Erträge der vom Bergbau belasteten Böden nur noch mager ausfallen, versuchen sie, mehr schlecht als recht mit Milchwirtschaft über die Runden zu kommen. „Aber jetzt drückt uns die Molkerei die Preise, weil unsere Milch verseucht ist.“ Immer wieder, erzählt Flores, verendeten auch Tiere, die Wasser aus dem Rio Grande saufen. Vor nicht allzu langer Zeit seien es sogar 17 Schafe auf einen Schlag gewesen.

Saure Abwässer, tote Flüsse

Dennoch wollen sich Flores und seine Kollegen von der Mine, die sich immer weiter ins Land frisst, nicht vertreiben lassen. „Der Druck, unser Land zu verkaufen steigt ständig, aber wir betreiben áuf diesem Boden seit Generationen Landwirtschaft und werden bleiben“, gibt sich der Campesino kämpferisch.
Es ist die gigantische globale Nachfrage nach Metallen – vor allem für die Elektronikindustrie und den Automobilbau – die das weltweite Bergbau-Business anheizt. Als eines der Länder mit den größten Vorkommen ist Peru dabei auch längst im Fokus der deutschen Politik und Wirtschaft.

Der Wert peruanischer Rohstoffexporte ist nach Daten von UN Comtrade zwischen den Jahren 2000 und 2010 um das 25-Fache gestiegen. Damit der Nachschub für die deutsche Industrie auch in Zukunft gesichert ist, hat das Bundeswirtschaftsministerium mit den Partnern in Lima bereits den Vertrag für eine Rohstoffpartnerschaft ausverhandelt, der von den Regierungen in Kürze unterzeichnet werden soll.

Bereits jetzt sind in Peru nach Angaben des Energieministeriums für 15 Prozent der Landesfläche Schürfrechte vergeben. Allein in diesem Jahr wurden 47 Anträge für neue Minen oder Erweiterungen bestehender Tagebaue gestellt. „Bei den Projekten werden die Menschenrechte auf Wasser, Nahrung und Gesundheit sowie faire Gerichtsverfahren oft massiv verletzt“, sagt Pablo Sánchez von der Nichtregierungsorganisation Grufides, die vom Bergbau betroffene Gemeinden berät. Wie im Fall der Mine Yanacocha seien die sauren Bergbau-Abwässer mit einem hohen Gehalt an gelösten Schwermetallen ein großes Problem. „Der Rio Grande ist praktisch tot, es gibt keine Fische mehr“, sagt Ingenieur Sánchez. „Dabei haben die Menschen hier früher auch von den Forellen gelebt.“

Ökologische und soziale Probleme des Bergbaus

Bei Newmont Mining sehen sie das ganz anders. Selbstbewusst führt Scott Lewis, Direktor der Umweltabteilung des US-Unternehmens, durch das eigene Labor, wo gerade Wasserproben eingetroffen sind. „Viermal pro Schicht analysieren wir unsere Abwässer. Was wir nach der Aufbereitung in den Rio Grande einleiten, erfüllt die gesetzlichen Anforderungen und ist Landwirtschaft und Viehzucht geeignet“, versichert Lewis. Von Tieren, die im Umfeld der Mine immer wieder verenden, sei ihnen nichts zu Ohren gekommen, erklären Mitarbeiter der Umweltabteilung des Unternehmens. Wenn Kühe und Schafe verendeten, liege das vor allem an „Parasiten oder Epidemien“. Alle Beschwerden würden im Übrigen ernstgenommen, Newmont habe dafür Kontaktstellen in allen Gemeinden. „Aber wir können nur reagieren, wenn wir auch von Klagen erfahren.“

Für César Augusto Aliaga Díaz, Vizepräsident der Regionalregierung von Cajamarca, liegen die „ökologischen und sozialen Probleme des Bergbaus auf der Hand“. Der Abbau mineralischer Rohstoffe habe der Region zwar wirtschaftliches Wachstum beschert, aber auch immense Folgelasten. Vor allem die Wasserversorgung der Region sei stark betroffen, sagt Díaz. Anhand einer Karte erläutert er, dass die Mine, die sich über eine Fläche von rund 251 Quadratkilometer erstreckt, im Quellgebiet wichtiger Flüsse liegt. Vom Rio Grande beispielsweise seien 70 Prozent der Wasserversorgung von Cajamarca abhängig. „Das Flussbett aber wäre wegen des großen Wasserverbrauchs der Mine leer, wenn Yanacocha nicht Grundwasser reinpumpen würde“, sagt Díaz.

Mit dem Bergbau brächten die Menschen nichts Gutes mehr in Verbindung, weiß der Politiker. Vor allem aber trauten die Menschen den vom Unternehmen veröffentlichten Schadstoff-Analysen nicht. „Deshalb haben wir jetzt umgerechnet gut zwei Millionen Euro bereitgestellt, um ein eigenes Labor für Wasseranalysen aufzubauen.“

Polizei im Dienste der Mine

Mitverantwortung

Das katholische Hilfswerk Misereor unterstützt in Peru unter anderem die Nichtregierungs-organisation Grufides, die vom Bergbau betroffene Gemeinden begleitet. Aktuell sichert die aus einer katholischen Studentengemeinde hervorgegangene NGO die Verteidigung von Campesinos, die aufgrund ihres Widerstandes gegen das Conga-Projekt wegen der „Störung der öffentlichen Ordnung“ vor Gericht stehen.

Mit einer Studie über menschenrechtliche Probleme im peruanischen Rohstoffsektor lenkt Misereor die Aufmerksamkeit auch auf die Mitverantwortung der deutschen Politik und hiesiger Firmen. Der am Donnerstag veröffentlichte Report ist im Netz zugänglich: www.misereor.de/ bergbau-peru.

Mit allen Mitteln stellt sich die Regionalregierung deshalb auch gegen das Conga-Projekt. 3,5 Milliarden Euro will das Yanacocha-Konsortium in zwei neue Minen investieren, um 330 Tonnen Gold und 1,4 Millionen Tonnen Kupfer abzubauen. Dafür will Yanacocha Wasser aus vier Hochland-Lagunen ableiten und in künstlichen Reservoirs sammeln. „Für die Ökologie der Region wäre es eine Katastrophe, die Feuchtgebiete trockenzulegen“, warnt Regionalpolitiker Díaz.

Fast 80 Prozent der Bevölkerung sind denn auch gegen das Mega-Projekt, das Staatspräsident Ollanta Humala dennoch durchdrücken will. Bei Großvorhaben hat allein die Zentralregierung zu entscheiden. Im Sommer vergangenen Jahres eskalierte der Konflikt um Conga. Als die Gegner die Zufahrt zur Yanacocha-Mine tagelang blockierten, eskalierte die Lage. Humala verhängte den Ausnahmezustand, schickte Polizei und Armee nach Cajamarca. Hubschrauber kreisten im Tiefflug über der Stadt, Schüsse fielen, fünf Zivilisten kamen zu Tode. „Die Polizei hat geprügelt und Menschen willkürlich festgenommen“, erzählt Pablo Sanchez von Grufides. Er und seine Mitstreiter haben die Übergriffe teilweise per Video dokumentiert. Die Bilder zeigen auch, dass die schwer bewaffneten Sicherheitskräfte in Bussen des Minenbetreibers Yanacocha zum Einsatz gefahren wurden.

„Es ist üblich und höchst problematisch, dass Polizeikräfte in Peru Firmeninteressen verteidigen“, sagt Eduardo Vega Luna, „Ombudsmann des Volkes“ bei der peruanischen Regierung. Weil Polizisten schlecht bezahlt würden, arbeiteten sie im Nebenjob oft für Minenbetreiber. Die sozialen Spannungen im Land hätten deutlich zugenommen, so Vega Luna. „Von den aktuell rund 250 Konflikten stehen 60 Prozent im Zusammenhang mit Bergbau.“

Campesino Flores hat da seine eigenen Erfahrungen mit dem mächtigen Nachbarn und der Polizei. Weil er sich nicht alles gefallen lässt, hat er sich schon des Öfteren auf der Polizeiwache wiedergefunden. „Die behandeln uns wie Terroristen“, sagt Flores. Dabei hätte er gar nichts einzuwenden gegen den Bergbau. „Wenn nur Wasser und Böden sauber blieben und ich von meiner Hände Arbeit leben und meinen Kindern eine gute Ausbildung finanzieren könnte.“

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