Das kam überraschend. Nach Angaben aus Unternehmenskreisen hat die britische Regierung bei der geplanten Megafusion der Rüstungs- und Luftfahrtkonzerne EADS und BAE-Systems in letzter Minute noch eingelenkt.
Der Knackpunkt des Deals ist der Einfluss der beteiligten Staaten auf die Geschicke des geplanten neuen Unternehmens. London wehrte sich zunächst gegen starke Mitspracherechte von Paris und Berlin. Doch nun sind die Briten offenbar bereit, einen Anteil des deutschen und des französischen Staates von jeweils neun Prozent zu akzeptieren.
Medienberichten zufolge wurden dem Fusionsprojekt in Regierungskreisen kaum noch Chancen gegeben. Die Nachrichtenagentur dpa meldete schon das endgültiges Scheitern der Verhandlungen, Reuters will gar aus Unternehmenskreisen erfahren haben, dass EADS gar rechtliche Schritte wegen Marktmanipulation ernsthaft in Betracht ziehe.
Annäherung zwischen Paris und London
EADS teilte hingegen mit, Frankreich und Großbritannien hätten sich angenähert. Es gebe erhebliche Fortschritte bei den Verhandlungen über die Begrenzung der Staatsanteile. Damit ist der Deal zwar bei weitem noch nicht unter Dach und Fach. Aber die Voraussetzung für die Verlängerung einer Frist, die am Mittwoch um 18 Uhr abläuft, könnte gegeben sein. Nach britischen Börsenregeln müssen beide Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt erklären, ob sie die Pläne für eine Verschmelzung weiterverfolgen. Dies ist aber nur sinnvoll, wenn es Lösungen bei grundsätzlichen Fragen gibt.
Streit um Staatsbeteiligungen
Thomas Enders, EADS-Chef, und Ian King, BAE-Boss, verhandelten Dienstagnachmittag darüber, wie es weitergehen soll. Am Abend ist in den Verhandlungen um die geplante Fusion von EADS und BAE Kreisen zufolge eine neue Hürde aufgetreten. Grund sei die Weigerung der Bundesregierung, einem von Großbritannien und Frankreich favorisierten Entwurf für den Umgang mit den Staatsbeteiligungen zuzustimmen, sagten mehrere mit dem Vorgang Vertraute am Dienstag.
„Es gibt eine Blockade“, sagte ein Insider. Die Bundesregierung wollte sich auf Anfrage nicht äußern. EADS war zunächst nicht zu erreichen.
Das größte Problem ist nach Einschätzung von Insidern, dass die französische Regierung es sich offenhalten will, ihren Anteil an dem geplanten Luftfahrt- und Rüstungsriesen von neun auf 13 Prozent zu erhöhen. Das wäre möglich, wenn der Staat im Zuge der Fusion sein bestehendes Aktienpaket aufstockt, indem er die EADS-Anteile kauft, die der französische Mischkonzern Lagardère derzeit noch hält.
In der Nacht zu Mittwoch zeigte sich Bundesverteidigungsminister erstaunt“ über Berichte, die von einem Scheitern der Fusion zwischen EADS und BAE Systems wegen eines angeblichen deutschen Widerstandes sprachen.
Weitreichende Konsequenzen
Ein solcher Schritt hätte weitreichende Konsequenzen. Berlin müsste dann nachziehen und ebenfalls auf 13 Prozent aufstocken. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass in dem fusionierten Konzern die Balance zwischen Deutschland und Frankreich gewahrt bleiben muss, so wie es bei EADS seit mehr als einem Jahrzehnt praktiziert wird. Derzeit werden die deutschen Interessen in dem Unternehmen vor allem durch den Großaktionär Daimler vertreten, der aber seine Anteile abstoßen will.
Die deutsche und die französische Seite kämen mit den aufgestockten Aktienpaketen gemeinsam auf 26 Prozent. Sie würden damit die Grenze von einem Viertel der Anteile für eine Sperrminorität überschreiten und könnten somit maßgebliche Entscheidungen blockieren.
Entscheidung bis 18 Uhr
Am Mittwochmorgen wollte sich die Konzerne nicht äußern, ob sie eine Verlängerung der Übernahmefrist beantragen wollen. „Eine Mitteilung am Morgen ist nicht geplant“, sagte eine EADS-Sprecher.
Bis 18.00 Uhr müssen beide Konzerne entscheiden, ob sie ihr rund 45 Milliarden Dollar schweres Zusammengehen zum weltgrößten Rüstungs- und Raumfahrtkonzern vorantreiben wollen.
49.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
Für die Bundesregierung geht es bei dem Poker vor allem darum, die EADS-Jobs in Deutschland zu halten. Eine Garantie für die rund 49.000 Arbeitsplätze hatte Enders bereits bei einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Bundestags in Aussicht gestellt.
Auf dem Nato-Verteidigungsministertreffen in Brüssel am Dienstag wurde offiziell nicht über den Deal geredet. Doch ist klar: Frankreich und Großbritannien geht es bei den Verhandlungen auch darum, die Schlagkraft und Eigenständigkeit ihrer Armeen zu gewährleisten. Ein nationaler Champion in der Rüstungsindustrie ist eine verlängerte Werkbank der nationalen Militärstrategie.
Sorge um britische Alleingänge
Großbritannien wünscht von BAE vor allem die Entwicklung der neuen Generation von U-Booten der Astute-Klasse. Zudem soll der Konzern bereitstehen für Innovationen im Bereich des Cyberwars. Eine deutsch-französische Sperrminorität aber könnte britische Alleingänge in der Rüstungsentwicklung blockieren. Frankreich setzt bei EADS neben klassischen Rüstungsgütern vor allem auf Raketentechnik für seine Atomwaffen.
Mit der rund 35 Milliarden Euro schweren Fusion würde der weltweit größte Luftfahrt- und Rüstungskonzern entstehen. (aktualisiert mit rtr)
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