Moskau. Russische Milliardäre sind Optimisten. "Zum Quartalsende gibt es große Fortschritte. Das wird ein Unterschied wie Tag und Nacht sein", freute sich Oleg Deripaska, 41, einer der jüngsten Oligarchen und der reichste Mann Russlands, kürzlich in einem Interview. Aber das klingt mehr nach Hoffnung unterm Galgen.
Das Kapital Deripaskas, dessen Aktiva noch im vergangenen Frühling auf einen Wert von mehr als 28 Milliarden Dollar beziffert wurden, ist auf sieben Milliarden Dollar geschrumpft. Dazu kommen nach Angaben der Zeitung Kommersant inzwischen 27 bis 28 Milliarden Dollar Schulden.
Allein sein Konzern Rusal, der weltweit größte Aluminiumproduzent, steht mittlerweile mit 16,3 Milliarden Dollar in der Kreide. Die größten Gläubiger sind mit sieben Milliarden Dollar ausländische Banken.
Aber nicht nur Deripaska droht der Bankrott. Der russische Bankier Andrej Scharanow schätzte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, Russlands 87 Milliardäre hätten seit April 2007 über 260 Milliarden Dollar verloren. So sei FC-Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch statt 23,5 Milliarden nur noch 1,3 Milliarden schwer, Biathlon-Mäzen Michail Prochorow statt 21,5 noch sechs Milliarden. Dabei gilt Prochorow als einer, der mit allen Wassern gewaschen ist. Noch im April hatte er Deripaska seine Anteile an Rusal und Norilskij Nikel für satte sieben Milliarden Dollar angedreht.
Der Absturz des russischen Aktienindex RTS um fast 80 Prozent hat alle Moskauer Großanleger getroffen. Aber noch schwerer wiegen die Schulden, die ein Großteil des russischen Business in den letzten Jahren sorglos bis tolldreist anhäufte. Laut der Wirtschaftzeitung Wedomosti müssen russische Firmen binnen 15 Monaten allein ausländischen Banken Milliarden Dollar zurückzahlen.
Der Staat bietet gerne Hilfe an
"Am dreckigsten ergeht es den Gierigsten. Jenen, die kopflos Kredite bei den Banken aufnahmen, um Konkurrenten und Aktiva auf der ganzen Welt aufzukaufen", feixt die kremlnahe Zeitung Iswestija. Gerade Deripaska sollte sich angesprochen fühlen, der in Russland als besonders aggressiver Investor und Fachmann für feindliche Übernahmen gilt. Aber er spielte Monopoly mit gepumpten Geld.
Unlängst hat Deripaska Präsident Dmitrij Medwedjew um Finanzhilfe gebeten. Und der Staat greift seinen Oligarchen gern unter die Arme, gibt ihnen Kredite, kauft ihre Aktien. Allerdings vermuten russische Beobachter dahinter wachsende Gelüste, nach der Gas- und einem Großteil der Ölbranche nun auch die russische Erz- und Metallindustrie unter seine Kontrolle zu bringen.
Laut Wedomosti basteln kremlnahe Oligarchen und Topbeamte an einer riesigen Rohstoffholding mit 25 Prozent staatlicher Beteiligung, in der Deripaskas Rusal nur noch elf bis 14 Prozent der Aktien kontrollieren würde.
Vor ein paar Jahren verglich Deripaska das Interesse der Staatsführung an russischen Privatbetrieben noch mit dem Spieltrieb von Kindern. "Sie kennen doch Kinder. Wenn sie ein Spielzeug in die Hand bekommen, spielen sie eine Zeitlang damit, dann geben sie es wieder ab." Doch bald könnten Derispaska als kleiner Junge dastehen, dem der große Bruder sein Spielzeug aus der Hand genommen hat. Und nicht nur er.
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