Herr Birnbaum was halten Sie von der Energiepolitik der schwarz-gelben Traumkoalition?
Die Zeit seit der Wahl im letzten September hätte effizienter genutzt werden können. Das für Juli versprochene energiepolitische Gesamtkonzept könnte schon erheblich weiter sein.
Was erwarten Sie von dem Konzept?
Wir brauchen ein Energiekonzept aus einem Guss. Es muss sicherstellen, dass sich der nötige klimafreundliche Umbau in der Energiewirtschaft marktwirtschaftlich effizient vollzieht. Das heißt: möglichst preiswert, nicht extrem teuer. Kapital ist knapp, und die Bürger und die Industrie dürfen nicht überfordert werden. Das geht am besten, wenn die Kernkraftwerke länger laufen. Es ist die kostengünstigste Methode, die CO2-Belastung zu senken und volkswirtschaftliches Vermögen zu erhalten.
Wie viele Jahre Laufzeit-Plus erwarten Sie?
Technisch sind 28 Jahre machbar. Voriges Jahr hätten wir beinahe in den Niederlanden ein Kernkraftwerk gekauft, das mit unseren Anlagen in Biblis baugleich ist. Es darf 60 Jahre am Netz bleiben, hierzulande ist laut Atomkonsens mit 32 Schluss. Was am Ende in Deutschland herauskommt, ist eine Frage der anstehenden Verhandlungen.
Sind acht Jahre mehr Laufzeit für sie akzeptabel, wie Bundesumweltminister Röttgen will?
Die Politik muss ein Gesamtpaket vorlegen. Für dessen Akzeptanz sind die Laufzeiten entscheidend, aber auch, was darin noch enthalten ist. Etwa, ob eine Brennelementsteuer kommt, die die vier großen Stromversorger 2,3 Milliarden Euro pro Jahr kosten soll. Oder ob man stattdessen eine Fondslösung für eine Laufzeitverlängerung wählt, die gezielt zur Förderung der erneuerbaren Energien genutzt werden kann.
Sie attackieren die Brennelementsteuer: Dabei sind Sie doch einverstanden, vom zusätzlichen Atom-Gewinn etwas abzugeben...
Richtig, aber wenn der Staat uns jetzt kurzfristig Finanzmittel abschöpft, werden wir unsere Investitionsplanung neu anschauen müssen. Dazu gehören der Ausbau der Stromnetze und die Vehemenz, mit der wir die erneuerbaren Energien oder neue effiziente Gaskraftwerke vorantreiben. Zusatzeinnahmen aus der Laufzeitverlängerung würden erst in einigen Jahren anfallen, die Steuer aber träfe uns sofort. Sie würde außerdem im allgemeinen Haushalt aufgehen. Eine Abschöpfung der Gewinne aus der Laufzeitverlängerung in einen Fond war zugunsten der Erneuerbaren vorgesehen - aus unserer Sicht viel sinnvoller als eine neue Steuer.
Sie würden die Steuer nicht auf die Strompreise abwälzen?
Die Nutzung der Kernenergie dämpft die Entwicklung der Strompreise an der Börse, denn die günstigeren Kraftwerke sind dann länger am Netz. Die Frage der Wälzbarkeit einer neuen Steuer entscheidet sich am Markt und steht nicht im Belieben der Anbieter.
Werden Sie die Strompreise senken, wenn die Laufzeitverlängerung kommt?
Wir werden die niedrigeren Kosten, die wir in der Stromproduktion dann haben, an die Kunden weiter geben. Das läuft automatisch über die Börse. Pro Haushalt kommen renommierte Forschungsinstitute mittelfristig auf bis zu 150 Euro im Jahr.
Warum hat Schwarz-Gelb die Brennelemente-Steuer aus dem Hut gezogen?
Der Bund braucht Geld. Das hat mit einem Energiekonzept nichts zu tun.
Die Bundesregierung will bis 2050 die Stromversorgung voll auf erneuerbare Energiequellen umgestellt haben. Ist das möglich?
Theoretisch ist das vorstellbar, allerdings wären die Kosten dafür sehr hoch. Wie hoch, das hängt eben am Energiekonzept.
Könnte man das auch schaffen, wenn es beim Atomausstieg bleibt?
Das ist schwer vorstellbar, zudem würde alles noch viel teurer. Wir sollten unseren Blick lieber auf die nächsten zehn, 15 Jahre richten, denn wir müssen entscheiden, was wir jetzt tun. Da hakt es an vielen Stellen beim Vorantreiben der erneuerbaren Energien.
Können Sie das belegen? Bei einem Atom- und Kohleriesen wie RWE liegt ja immer der Verdacht nahe, dass Sie könnten, aber nicht wollen, weil das die Gewinne der herkömmlichen Kraftwerke gefährdet.
Diesen Vorwurf halte ich für falsch. Ich nenne Ihnen drei von dutzenden Beispielen. Erstens: Wir können die deutschen Offshore-Windparks, die weit vor der Küste liegen, nur schwer betreiben, weil es für die Wartungsmannschaften noch keine vernünftigen Offshore-Arbeitszeitverordnungen gibt. Zweitens ist es aberwitzig, dass neuerdings für den Stromtransport zu und von Pumpspeicherkraftwerken jeweils Netzgebühren bezahlt werden müssen - also doppelt. Das macht den Neubau dieser Anlagen unwirtschaftlich. Dabei reden alle davon, wie dringend wir sie brauchen, um die Schwankungen bei Wind- und Solarstrom auszugleichen, denn sie agieren ja als Speicher. Drittes Beispiel: Biogas. Für Großanlagen gibt es keine Förderung. Also stellt man zehn weniger effiziente kleine Anlagen nebeneinander, was viel mehr Kosten bringt. Und die zahlt der Verbraucher.
RWE ist aufgrund seiner vielen Kohlekraftwerke der größte CO2-Produzent Europas. Wie schnell schaffen Sie den Umstieg auf klimafreundlichen Strom?
Wir planen, bis 2025 drei Viertel unserer installierten Kraftwerksleistung auf Basis von Kernkraft, erneuerbaren Energien und Gas zu betreiben. In Deutschland sind wir schon jetzt einer der größten Windkraft-Erzeuger, und in der Nord- und Ostsee planen wir Windparks mit hunderten Windmühlen. Aber die Hemmnisse sind, wie gesagt groß.
Welche Rolle spielt die Kohleverstromung für RWE noch?
Sie liefert zu einem großen Teil die Gewinne, um unseren Kraftwerkspark auf neue, CO2-arme Energieträger umzustellen. Die alten Kraftwerke verdienen das Geld, damit wir in neue, vor allem auch erneuerbare Energien investieren können.
Welche Zukunft hat der Kohlestrom für Sie?
Zwei Kraftwerke werden in Deutschland zurzeit fertiggestellt, sie sind schon vor langer Zeit geplant worden. Unter den jetzigen Rahmenbedingungen ist es derzeit in der EU nicht wirtschaftlich, neue Kohlekraftwerke in Angriff zu nehmen.
Sie sind im Gespräch als möglicher Nachfolger von RWE-Chef Jürgen Großmann, dessen Amtszeit 2012 endet. Streben Sie den Posten an?
Die Personalspekulationen zur Nachfolge und zu Kronprinzen in der Presse helfen unserem Hause nicht weiter. Wir sind eine Demokratie, es gibt keine Prinzen mehr, Kronprinzen schon gar nicht. Im Ernst: Kein Kommentar.
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