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11. März 2014

Saatgutverordnung: EU-Parlament rettet Artenvielfalt

 Von 
Wunder der Natur.  Foto: Imago

Die Europaabgeordneten haben den umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission für eine neue Saatgutverordnung gekippt. Er gefährdet seltene Sorten und damit die Artenvielfalt.

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Die Europaabgeordneten haben den umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission für eine neue Saatgutverordnung gekippt. Er gefährdet seltene Sorten und damit die Artenvielfalt.

Feldschönheiten

Kaiser-Wilhelm-Apfel: Wurde 1865 in Monheim bei Bonn gezüchtet. 1875 soll er Kaiser Wilhelm gemundet haben und hatte seinen Namen weg.

Bananenapfel Gföhlerwald: Süße Frucht aus Österreich, gedeiht auch in rauen Lagen.

Bamberger Hörnchen: Die festkochende Kartoffel schmeckt nussig. Die Slow-Food-Bewegung liebt sie.
Hinrichs Riesen: Alte Buschbohnensorte, die allmählich verschwindet.

Blauensteiners Spitzapfel: Ein Obst aus Österreich, das wegen seines hohen Ertrags geschätzt wird. Ein Baum liefert rund tausend Kilo Obst oder 600 Liter Apfelsaft.

Mehr Feldschönheiten unter: www.dreschflegel.de und www.arche-noah.at

Kaiser Friedrich muss noch nicht abdanken, jedenfalls nicht an der Bohnenstange. Auch Kaiser Wilhelm darf am Apfelbaum weiter blühen und die Kartoffel Blauer Schwede kann ebenfalls weiter unter die Erde. Die Früchte zählen zu den seltenen Feldschönheiten in Europa. Und sie dürfen weiter angebaut werden. Das Europaparlament hat am Dienstag einen Vorstoß von EU-Gesundheitskommissar Toni Borg zurückgewiesen, die Zulassung für Saatgut in der Europäischen Union neu zu regeln. Biobauern und alternative Züchter fürchteten das Ende vieler althergebrachter Obst-, Gemüse- und Getreidesorten.

„Eine Zwangsregistrierung hätte viele seltene Saatgutarten bedroht“, so der CSU-Europaabgeordnete Albert Deß. Die SPD-Abgeordnete Ulrike Rodust erklärte: „Die EU-Kommission hat Zeit gewonnen, einen neuen Vorschlag auszuarbeiten, der die Artenvielfalt stärker berücksichtigt.“ Und der Grünen-Parlamentarier Manfred Häusling forderte: „Die Kommission muss nun endlich eine neue Vorlage machen, die Aspekte der Biodiversität ins Zentrum stellt, statt weiter vorwiegend auf einheitliches Saatgut zu setzen.“

Die EU-Kommission wollte in Europa mehr Ordnung auf dem Feld. Im zentralen Register der CPVO in Frankreich sollte künftig das Saatgut gelistet werden, das noch auf Europas Feldern ausgebracht werden darf. Aber Biobauern und Umweltschützer machten mobil gegen den Plan von EU-Gesundheitskommissar Toni Borg.

„Die Zulassung bedeutet Kosten und Bürokratie. Das lohnt sich für diese alten Sorten meistens nicht“, so Iga Niznik von Arche Noah. „Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt“ nennt sich die österreichische Initiative, für die Niznik arbeitet. In der Genbank von Arche Noah schlummern seltene Sorten wie Kaiser Friedrich, aber auch die Samen von exotischen Sorten wie dem „Bananenapfel Gföhlerwald“. Woher diese Sorte kommt, kann heute niemand mehr sagen. Sicher ist nur: Sie schmeckt süßlich gut und gedeiht auch in rauen Lagen. Niznik fürchtete durch Borgs Vorstoß eine große Armut auf Europas Feldern. Zwar reagierte der Gesundheitskommissar. So waren Hobbygärtner von der Regelung ausgeschlossen und für seltene alte Sorten sollte es Ausnahmen geben. „Aber“, so Niznik, „wenn ich zwei alte Sorten kreuze, dann hab ich auch eine Neue.“

Mehr dazu

Das stimmt. Und das war schon im 19. Jahrhundert im Erbsengarten des züchtenden Mönchs Gregor Mendel so. Nur, dass der kein fünfzehnseitiges Formular ausfüllen musste, wie es die EU-Kommission nun für neue seltene Sorten vorsah. Borgs regulatorischer Irrgarten wurde so bald zum Sinnbild für den Regelungswahn der EU-Kommission. Doch geht es um weit mehr als allein den Erhalt der Artenvielfalt. „Die Verordnung führt zu einer weiteren Konzentration auf dem Saatgutmarkt“, so die Aktivistin Niznik.

Der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling kann das bestätigen. Er hat eine Studie erstellen lassen. Demnach sind Europas Felder schon heute in der Hand von wenigen großen Saatgutkonzernen. Und die Bauern auch.

Im Gemüseanbau etwa dominiert das Unternehmen Monsanto 24 Prozent des Saatgutmarktes. Bei Tomaten liefern Monsanto, Syngenta, Limagrain, Bayer und Rijkzwaan 45 Prozent des Saatguts. Beim Mais sind es ebenfalls nur fünf große Saatgutkonzerne, darunter der deutsche Anbieter KWS, die gut die Hälfte der Aussaat verkaufen. „Die unausgegorenen Vorschläge zur EU-Saatgutverordnung haben nicht nur die Vielfalt auf Äckern und im Gartenbeet bedroht, sondern auch die Vielfalt der Saatzuchtbetriebe“, sagte Häusling.

Im Mai sind Europawahlen, im Oktober kommt eine neue EU-Kommission. Aber Häusling ahnt, dass das Thema dann wieder aufblüht. Seine Vermutung: „Die wollten das emotionale Thema nur aus dem Wahlkampf raushaben“. Kaiser Friedrich und seine Getreuen müssen also weiter um ihre Existenzberechtigung auf Europas Feldern fürchten.

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