Mannheim. Der Mannheimer Ökonom Wolfgang Franz ist neuer Chef der Wirtschaftsweisen. Die fünf Mitglieder des Sachverständigenrates wählten den Präsidenten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung für drei Jahre an ihre Spitze.
Er ist der Nachfolger von Bert Rürup, der Ende Februar ausschied und im April zum Finanzmakler AWD geht.
Das Gremium: Seit 1963 holt sich die Bundesregierung professionellen Rat in Wirtschaftsfragen. So lange gibt es den Sachverständigenrat, der per Gesetz ins Leben gerufen wurde. Ihm gehören fünf Mitglieder an, die sogenannten Wirtschaftsweisen.
Die Gutachten: Sie erstellen jeden Herbst mit ihrem in Wiesbaden ansässigen Mitarbeiterstab ein Jahresgutachten. Auf hunderten Seiten werden darin die wirtschaftliche Lage analysiert, Konjunkturprognosen gewagt und Ratschläge für Wirtschaftsreformen erteilt. Außerdem fertigt der Rat Sonderexpertisen für die Regierung an, zuletzt zur Reform des Finanzsystems.
Die Mitglieder: Berufen werden die Sachverständigen vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Regierung für die Dauer von fünf Jahren. Mehrere Amtszeiten sind möglich. Für jeweils einen Posten haben Gewerkschaften und Arbeitgeber ein Vorschlagsrecht. Vier Jahrzehnte lang blieb der Rat eine Domäne deutscher Männer, ehe 2004 mit der Schweizerin Beatrice Weder di Mauro erstmals eine Frau und Ausländerin dazustieß.
Dem Expertengremium gehören neben Franz die Mainzer Wissenschaftlerin Beatrice Weder di Mauro, der Würzburger Ökonom Peter Bofinger und der Regensburger Volkswirtschaftler Wolfgang Wiegard an. Den Platz von Rürup nahm der Präsident des Essener Forschungsinstituts RWI, Christoph Schmidt, ein.
Franz gilt als ruhiger Vertreter seiner Zunft. Der neue Chef der Wirtschaftsweisen tritt - anders als sein omnipräsenter Vorgänger Bert Rürup - selten im Fernsehen auf. Unter Ökonomen genießt der 65-Jährige auch wegen seiner zurückhaltenden Art hohes Ansehen.
Mit Franz hat der fünfköpfige Sachverständigenrat sein erfahrenstes Mitglied an die Spitze gewählt. Seit 2003 sitzt er in dem Gremium, in das er auf Vorschlag der Arbeitgeber berufen wurde. Von 1994 bis 1999 gehörte er dem Rat schon einmal an. Damals hatten ihn noch die Gewerkschaften vorgeschlagen.
In der aktuellen Finanzkrise fährt der überzeugte Marktwirtschaftler einen klaren Kurs. Der Staat müsse wegen der Gefahr eines Kollapses des gesamten Finanzsektors den Banken helfen - "wenn auch zähneknirschend". Hilfen für Opel und andere in Not geratene Unternehmen lehnt Franz jedoch entschieden ab: "Wenn Opel gute Autos baut, dann wird sich ein privater Investor finden und Opel überleben, aber das muss der Markt entscheiden".
Einen Namen hat sich Franz vor allem als Arbeitsmarktexperte gemacht. Er promovierte 1974 an der Universität Mannheim über Arbeitsmarktanalysen, 1981 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Jugendarbeitslosigkeit.
Der Professor gilt zudem als Kenner der USA: Dort war er zwei Jahre an der berühmten Harvard Universität und am National Bureau of Economic Research tätig. Seit 1997 ist Franz Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), das er zu einer international beachteten Denkfabrik aufgebaut hat. Er lehrt zudem Volkswirtschaft an der Uni Mannheim.
Als Vorsitzender muss sich Franz auch mit wachsender Kritik aus der Politik am Sachverständigenrat auseinandersetzen und vor einem Bedeutungsverlust bewahren. Zu den schärfsten Kritikern gehört SPD-Fraktionschef Peter Struck, der dem Gremium Inkompetenz vorgeworfen und seine Auflösung gefordert hat: "Ich glaube denen kein Wort. Wenn man frühere Prognosen mit der eingetretenen Realität vergleicht, merkt man recht schnell, dass diese sogenannten Weisen vor allem viel heiße Luft produzieren". (rtr)
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