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19. August 2013

Samsung verklagt: Handy-Montage in 33 Sekunden

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Nicht nur Apple ist wegen der Arbeitsbedingungen bei Zulieferern in der Kritik. Auch Samsung gerät zunehmend in den Fokus.  Foto: rtr

Zehn Stunden lang stehen, bis zu 15 Stunden täglich arbeiten, und das 27 Tage am Stück: Brasilien verklagt Samsung wegen haarsträubender Arbeitsbedingungen in seinem Werk in Manaus.

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Rio de Janeiro –  

Angestellte, die zehn Stunden lang stehen müssen, die bis zu 15 Stunden täglich arbeiten, die 27 Tage lang keinen einzigen Tag Pause haben: Die brasilianischen Behörden werfen dem südkoreanischen Elektronik-Konzern Samsung vor, in seinem Werk in Manaus unter haarsträubenden Bedingungen zu produzieren. Das Arbeitsministerium hat die Firma auf umgerechnet 82 Millionen Euro verklagt.

Die Klage fußt auf drei Inspektionen der Behörden, deren Ergebnisse teils in Filmaufnahmen dokumentiert sind. Danach muss ein Samsung-Angestellter in nur sechs Sekunden ein Mobil-Telefon, ein Ladegerät, zwei Gebrauchsanweisungen und die Kopfhörer in eine Schachtel verpacken. Die Verpackung wird von einem anderen Arbeiter an zwei Punkten gescannt und mit einem Etikett versehen – 6800 Mal die gleiche Tätigkeit pro Arbeitstag. Für die Montage des Handys stehen 32,7 Sekunden Zeit zur Verfügung, die Herstellung eines Smartphones darf knapp anderthalb Minuten dauern. Für das Verpacken eines Fernsehers gewährt der Takt des Fließbands 4,8 Sekunden.

In der Klage schreibt die Staatsanwaltschaft, das Arbeitstempo schade der Gesundheit der Belegschaft. Arbeitstage von bis zu 15 Stunden seien nicht selten, die Angestellten würden zu Überstunden gezwungen, die Pausen von insgesamt 20 Minuten pro Schicht seien zu kurz, und wenn sie überschritten würden, gebe es Lohnabzug.

Die Samsung-Leute müssten oft das Wochenende und an gesetzlichen Feiertagen durcharbeiten, die Arbeitsplätze seien so gestaltet, dass sich die Leute nicht hinsetzen könnten. Die Zahl der repetitiven Bewegungen pro Minute, zu denen die Arbeiter durch den Fließband-Takt gezwungen sind, sei dreimal höher als der übliche Grenzwert.

„Diese Verstöße gegen grundlegende Rechte der Arbeiter waren Gegenstand von Dutzenden Anzeigen im Mai 2011, im Mai 2013 und im Juni 2013, was unter Beweis stellt, dass die Beklagte nicht die geringste Absicht hat, die Arbeitsgesetzgebung zu erfüllen und ihre Produktionsbedingungen entsprechend anzupassen“, heißt es in der Klage. Die rund 82 Millionen Euro, auf die die Firma verklagt wird, erschienen zwar hoch, entsprächen aber nur dem Gewinn, den der südkoreanische Konzern weltweit an zwei Arbeitstagen erwirtschafte. Seit 1996 sei Samsung von den Behörden 162 Mal ermahnt worden, sich an die Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften zu halten. Gegen Samsung Manaus laufen außerdem noch rund 1200 individuelle Klagen, die heutige oder ehemalige Angestellte angestrengt haben.

Samsung versicherte, die Anschuldigungen prüfen zu wollen. „Wir untersuchen die Klage genau und werden mit den Behörden zusammenarbeiten“, teilte das Unternehmen mit. „Wir fühlen uns verpflichtet, unseren Mitarbeitern weltweit Arbeitsbedingungen zu geben, die die höchsten Standards im Hinblick auf Sicherheit, Gesundheit und Wohlergehen erfüllen“, hieß es weiter.

Auf der Homepage des Unternehmens werden seitenlang die Werte beschworen, die Samsung verfolge, etwa gerechte Entlohnung und Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeiten. „Wir bemühen uns, die Lebensqualität unserer Mitarbeiter zu erhöhen“, heißt es. Und: „Wir sind ein Unternehmen mit sozialer Verantwortung.“

Die beklagte Samsung-Fabrik beschäftigt rund 5600 Leute und steht in der Sonderproduktionszone Manaus, die in den Sechzigern geschaffen wurde, um die Wirtschaft in der entlegenen Urwald-Metropole anzukurbeln. Der Standort-Nachteil – Manaus hat keine Straßenverbindung zum Rest Brasiliens und ist rund 3000 Kilometer von den Märkten in Süd-Brasilien entfernt – wird durch kräftige Steuernachlässe ausgeglichen, die die Produktion rentabel machen. Samsung beliefert von Manaus aus den gesamten Lateinamerika-Markt. Die Koreaner haben in Brasilien noch eine zweite Fabrik, die ebenfalls wegen der Arbeitsbedingungen bereits in der Kritik stand.

Von den rund 225 Millionen Smartphones, die von April bis Juni weltweit verkauft wurden, stammen 71,3 Millionen von Samsung, so die US-Marktforschungsfirma Gartner, die auf die IT-Branche spezialisiert ist. Apple kam auf 31,9 Millionen und verliert selbst in den USA Marktanteile an die Koreaner.

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