Die Chemie-Gewerkschaft IG BCE will in der kommenden Tarifrunde nur für Stammbeschäftigte einen Gehaltszuschlag durchsetzen. Der Vorstand empfiehlt eine Lohnforderung von sechs bis sieben Prozent. Und warum versucht die Gewerkschaft nicht, eine gleiche Bezahlung von Leiharbeitern durchzusetzen?
„Die gesamtwirtschaftliche Lage ist gut, die Chemie steht noch besser da“, begründet IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis die Lohnforderung. Die Branche habe das Vorkrisenniveau erreicht, und zu verdanken sei dies im Wesentlichen den 550.000 Beschäftigten. Denn sie hätten in der Krise Kurzarbeit akzeptiert, in vielen Betrieben seien zudem tarifliche Öffnungsklauseln genutzt worden, die Einkommenskürzungen bei gleicher Arbeitszeit erlauben. „Das ist unser Aufschwung“, befand Vassiliadis.
Bemerkenswert ist, dass die Gewerkschaft auch Sparprogramme der Unternehmen lobt: Viele Firmen könnten für 2010 mit einem „guten bis sehr guten Jahresergebnis rechnen“, heißt es in dem Beschluss des Vorstands. „Dazu haben auch die entschlossenen Kosteneinsparungsmaßnahmen zu Beginn der Krise beigetragen.“
Die Arbeitgeber weisen die Forderung scharf zurück: „Die IG BCE muss darauf achten, die Bodenhaftung nicht zu verlieren“, sagt Hans Paul Frey, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). Er fordert die Gewerkschaft auf, „augenblicklich auf die Euphoriebremse“ zu treten. „Einen echten Aufschwung mit Zuwächsen gegenüber dem Vorkrisenniveau gibt es schlicht und einfach nicht.“
Erleichtert dürften die Arbeitgeber sein, dass die Gewerkschaft in der Tarifrunde nicht versuchen will, eine gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Festangestellten durchzusetzen. Genau das ist der IG Metall in der Stahlindustrie gelungen.
Auch Vassiliadis prangert den Missbrauch von Zeitarbeit an: „Wir haben ein Defizit an Fairness und Gerechtigkeit in Deutschland, für das symbolhaft der Boom der Leiharbeit steht“, erklärte er. Und: „Wir wollen keinen XXL-Aufschwung mit XXL-Leiharbeit.“ Aus seiner Sicht ist jedoch zunächst die Politik in der Pflicht: Die Bundesregierung müsse gesetzliche „Eckpunkte“ für das Equal-Pay-Prinzip schaffen. Darauf könne die Tarifpolitik dann aufbauen. Im Übrigen spiele die Zeitarbeit in der Chemiebranche eine geringere Rolle als etwa in der Metallindustrie. Laut IG BCE waren 2009 rund 1,2 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Leihkräfte, also rund 6600 Menschen.
Die Gewerkschaft hat das Thema Leiharbeit in eine Arbeitsgruppe verlagert: Ab Januar will sie dort zusammen mit Arbeitgeber-Vertretern darüber reden, wie Missbrauch zu verhindern ist. Zudem strebe die Gewerkschaft betriebliche Lösungen an.
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