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08. Februar 2013

Schallplattenhersteller im Interview: „Ich gebe der CD noch zehn Jahre“

 Von 
Holger Neumann, Chef des ältesten Schallplattenherstellers Europas, der Pallas GmbH in Diepholz.  Foto: Pallas

Holger Neumann, Chef von Europas ältestem Schallplattenhersteller Pallas, über 180 Gramm schwere Vinylscheiben, die Sehnsüchte alter Männer und das Versagen der großen Plattenlabel.

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Holger Neumann, Chef von Europas ältestem Schallplattenhersteller Pallas, über 180 Gramm schwere Vinylscheiben, die Sehnsüchte alter Männer und das Versagen der großen Plattenlabel.

Der Bahnhofsvorplatz ist menschenleer. Für kurze Zeit hatte der Zug aus Osnabrück den Ort belebt, nun aber sind die Ankommenden wieder verschwunden. Zurück bleiben Stille und das einsame Taxi, das niemand wollte. Wer auf der Suche nach den Koordinaten der Schallplatten-Renaissance in Diepholz ankommt, fühlt sich seinem Ziel nie ferner. Dennoch sind es vom Bahnhof nur ein paar Gehminuten bis zu einem weiß verputzten Würfelbau, in dem monatlich 30 Tonnen Granulat aus Polyvinylchlorid zu Punk, Jazz, Klassik und Pop gepresst werden. Holger Neumann, ein großer schlanker Mann, der Mucke sagt, wenn er Musik meint, ist dort Chef in dritter Generation.

Herr Neumann, ist die Welt doch eine Scheibe?
Absolut. Rund und schwarz.

Sie haben es immer gewusst, oder?
Nein, das wäre gelogen. Aber vielleicht hatten wir so was wie den siebten Sinn. Familienunternehmen ticken eben anders.

Was hat das mit Ihrer Familie zu tun?
Bis wir 1986 unsere CD-Fertigung aufbauten, hatte der Betrieb fast vier Jahrzehnte Schallplatten gepresst. Mein Großvater hatte ihn gegründet, mein Vater fortgeführt. Schallplatten waren ihr Lebenswerk. Das schmeißt man nicht einfach weg. Die großen Labels haben es gemacht, ihre Plattenpressen von heute auf morgen verschrottet. Das konnten wir nicht. Deshalb haben wir unsere Pressen eingelagert. Es war eine Bauchentscheidung. Eine der besten in der Pallas-Geschichte.

Wird bei Ihnen noch immer mit den alten Maschinen produziert?
Ja. Mit schwedischen Toolex-Alpha-Automaten aus den Siebzigern. Neue Maschinen gibt es ja nicht. Unsere Automaten laufen heute wieder zweischichtig, immer öfter auch samstags. Im letzten Jahr haben wir etwa 3,3 Millionen Schallplatten ausgeliefert. Es läuft perfekt.

Haben Sie eine Erklärung für das Comeback der Vinyl-LP?
Ich denke, dass viele Musikliebhaber die seelenlosen Digital-Dateien satt haben und sich wieder nach der Grauzone zwischen den Einsen und Nullen sehnen. Wer Musik wirklich mag, kehrt fast zwangsläufig zur Vinylplatte zurück. Mit ihr bekommt die Musik wieder eine Seele.

Der Chef und die firma

Holger Neumann wurde 1960 in Diepholz geboren. Er ist Juniorchef der Pallas GmbH, wo bis heute Schallplatten gepresst werden. Der Familienbetrieb wurde 1949 von Karl Neumann gegründet und dann von dessen Sohn Rolf weitergeführt. Holger Neumann stieg 1986 als 25-Jähriger in den Familienbetrieb ein und baute damals die CD-Produktion auf. Seit 2003 lenkt er die Firma. Sie hat 110 Angestellte.
Die Schallplatte erlebt seit einigen Jahren ein beeindruckendes Comeback. Weltweit wurden 2012 etwa sieben Millionen Schallplatten verkauft. Insbesondere in den USA und in Deutschland explodierten die Verkaufszahlen. Hierzulande erreichten die Vinyl-Verkäufe im vergangenen Jahr sogar wieder die Millionen-Marke. Zugleich wurden aber noch immer rund 90 Millionen CDs verkauft.

Das klingt sehr nach Nostalgie und den Sehnsüchten alter Männer, die noch mal die Cover ihrer Jugendzeit in den Händen halten wollen.
Das gehört dazu, klar. Vor Jahren haben wir sämtliche Stones-Alben produziert. 14 Platten zu jeweils 10.000 Stück. Die Nevermind-LP von Nirvana mit dem tauchenden Baby wird immer wieder nachbestellt. Wir bekommen aber auch immer mehr Aufträge von jungen Bands und Labels. Sogar die Major-Labels wagen sich langsam weiter in den Vinylbereich. Eigentlich geht alles außer Volksmusik und Schlager.

Da geht Ihnen aber ausgerechnet eine sehr kauffreudige Klientel verloren.
Glücklicherweise kauft die noch CDs. Außerdem geht es da nur um Deutschland. Das lässt sich verkraften.

Wohin liefern Sie denn so?
Wir verkaufen 60 Prozent unserer Platten in Europa, den Rest in den USA, Asien und Australien. Allein in die USA haben wir im letzten Jahr mehrere Hunderttausend LPs geliefert. Etwa jede sechste der dort verkauften Platten kam von uns. Gerade produzieren wir die Led-Zeppelin-Vinyl-Box. Zuletzt haben wir das Dreifach-Album von Neil Young gefahren.

"Betrieb mit der längsten Erfahrung"

Neil Young lässt seine Platten in der niedersächsischen Provinz pressen?
Ja. Es gibt in ganz Europa noch fünf nennenswerte Schallplattenhersteller. Wird sind der Betrieb mit der längsten Erfahrung.
Bleiben wir noch etwas bei Neil Young. In seiner Autobiografie beklagt er, dass eine CD nur fünf Prozent des Klangvolumens einer Langspielplatte liefert. Er sagt, die Musikindustrie sei selbst schuld an ihrem Niedergang. Seit Einführung der CD und des Downloads habe Qualität keine Bedeutung mehr.
Da kann man dem Meister schwer widersprechen. Ich weiß nicht, ob es wirklich fünf Prozent sind. Aber Fakt ist, dass die Vinylplatte eine Klangtiefe liefert, die die CD niemals erreicht hat.

Ist es nicht eine Religionsfrage, welche Scheibe besser klingt?
Nein. Jeder, der ein halbwegs intaktes Gehör hat, kommt zu dieser Erkenntnis. Hinzu kommt, dass sich die Qualität der Schallplatte in den letzten Jahren noch einmal um nahezu 100 Prozent verbessert hat.

Aber die CD galt doch einst als Revolution.
Das war sie ohne Zweifel. Die CD war einfacher, handlicher und unempfindlicher, was das Abspielen betrifft. Schon, weil sich in einem Auto schlecht ein Plattenspieler installieren lässt, war die CD schwer im Vorteil. Vor allem aber war es nach Jahrzehnten der Schallplatte die erste und sehnlichst erwartete technische Neuerung. Alle waren euphorisch und wie besoffen vor Begeisterung.

Eine LP kostete damals 18 Mark, die CD dann plötzlich 30. Hat man die Einführung der CD auch genutzt, um ordentlich abzukassieren?
Definitiv. Man hat ja auch die Player in den Markt gedrückt. Die Plattenspieler verschwanden aus den Regalen. Das heißt, der Kunde hatte sehr schnell gar keine Chance mehr, an der CD vorbei zu kommen. Parallel wurde ein derartiger CD-Hype erzeugt, dass kaum einer den eiligst ausgestellten Totenschein für die Schallplatte hinterfragte.

Und möglicherweise wären Sie ohne die CD heute gar nicht der Juniorchef.
Das ist gut möglich. Die Schallplatte war damals für einen 25-Jährigen nicht gerade eine Herausforderung.

Sie produzieren nach wie vor auch Compact Discs?
Sicher. Da geht es noch immer um Mengen im zweistelligen Millionenbereich. Aber die Preise sind im Keller. Wegen der unheimlich großen Überkapazitäten in ganz Europa sind nur noch Preise zu erzielen, die betriebswirtschaftlich teilweise gar nicht mehr nachzuvollziehen sind. Die großen Labels haben sich den Markt selbst kaputt gemacht.

"Es gibt keine Fortentwicklung"

Inwiefern?
Das beste Beispiel sind die Bravo-Hits. Anfangs war das eine Doppel-CD mit 40 Titeln. Davon waren 38 Top-Acts und zwei Newcomer. Heute ist es so, dass damit 38 Newcomer und zwei Top-Titel geliefert werden. Ist doch klar, dass sich da der eine oder andere die beiden Top-Titel offiziell als Download kauft und sich die CD spart. Der Markt für physische Tonträger stirbt aus. Zumal die CD ja auch nichts besser kann als ein Download. Es gibt keine Fortentwicklung. Das Ende ist erreicht.

Bleibt die Vinyl-Platte verschont?
Ich hoffe, glaube es aber auch. Die Schallplatte hat ihre Nische gefunden. Sie bietet Qualität und nicht zuletzt auch ein tolles Cover. Das ist wichtig. Ich halte etwas in den Händen, was einen Wert darstellt. Vinyl macht Musik wieder wertvoll.

Tatsächlich erobern Schallplatten die Regale großer Märkte, kleine Platten-Läden eröffnen. Die CD dagegen verliert Terrain. Wann wird Pallas den letzten Silberling produzieren?
Das weiß ich nicht. Mit Sicherheit werden in den nächsten Jahren in Europa viele CD-Werke schließen müssen. Ich gebe der CD noch zehn Jahre. Schon in zwei Jahren werden wir mit Schallplatten so viel Umsatz machen wie mit den CDs.

Wie viel verdienen Sie eigentlich an einer Vinyl-Platte?
Etwa achtmal so viel wie an einer CD.

Und wie viel kosten die Scheiben in der Herstellung?
Eine CD kostet je nach Auflagenhöhe 15 bis 20 Cent, eine Vinylscheibe etwa einen Euro.

Da verdienen Sie aber ganz ordentlich. Immerhin werden für eine LP im Laden heute 18 bis 30 Euro verlangt.
Als Hersteller sind wir der kleinste Faktor in der Kette zwischen Plattenpresse und Ladenregal. Der Handel hat den Retro-Trend der Schallplatte erkannt und schlägt drauf. Wir verdienen an einer Platte heute nicht mehr als vor 20 Jahren.
Und warum muss eine Platte heute unbedingt 180 Gramm wiegen? Das machen Sie doch nur, um doch zwei, drei Cent mehr zu verdienen.
Falsch. Um möglichst viele Höhen und Tiefen unterbringen zu können, ist für die Rille einfach eine gewisse Materialmenge nötig. Das Optimum dafür hat sich über die Jahre bei 180 Gramm eingependelt. Das ist aber nicht neu. 180-Gramm-Platten gab es schon in den Siebzigern. Inzwischen ist das Qualitätsmerkmal.

"CD ist Massenware"

Bietet das Premiumsegment eine dauerhafte Chance für die Schallplatte?
Ich glaube, dass das so ist. Die CD ist längst kein Hightech-Produkt mehr, sondern eine Massenware. Dadurch bekommt die Vinylplatte Exklusivität. Wir haben für Japan eine sehr aufwendige Box mit 15 Klassik-Platten hergestellt. Die Auflage war auf 3000 Stück limitiert und zu 80 Prozent schon vor Erscheinen verkauft. Stückpreis um die 1000 Euro in Japan. Was an der CD gespart wird, wird bei Vinyl ausgegeben.

Wird die LP noch einmal mehr als eine Nische besetzen?
Das wird schwer sein. Denn die LP steht klar im Widerspruch zum hypermobilen Zeitgeist. Für junge Leute ist Musik Untermalung, eine Platte will jedoch im Mittelpunkt stehen, sie verlangt Ruhe und Zuwendung. Insofern glaube ich nicht, dass die Schallplatte für die jüngere Generation der wichtigste Musiklieferant sein wird. Aber wenn wieder bewusster Musik gehört wird, hat die Schallplatte gute Chancen. Also je schlechter das Fernsehprogramm, um so besser für uns.

Sie produzieren bis heute mit den alten Maschinen. Was, wenn die am Ende sind?
Das ist tatsächlich ein Problem. Wenn heute ein Teil kaputtgeht, wird es einzeln nachgebaut.

Vernünftigerweise könnten sich die letzten Hersteller Europas zusammenzutun, um gemeinsam die Neuentwicklung von Plattenpressen zu initiieren.
Das ist illusorisch. Ich habe es versucht. Aber jeder kämpft für sich.

Bis der Letzte gewinnt?
So ist es. Ich habe vorige Woche drei alte Automaten in England aufgetrieben und gekauft. Vielleicht die letzten, die noch zu bekommen waren.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach

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