Jetzt muss endlich mal Schluss sein mit der Lohnzurückhaltung! Das fordern inzwischen nicht nur gewerkschaftsnahe Ökonomen. Auch Chefvolkswirte aus Banken und Forschungsinstituten sind zu der Einsicht gelangt, dass es an der Zeit ist, Arbeitnehmern höhere Einkommen zu gewähren. Gestern hat sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf ihre Seite geschlagen: „In der Tat sollten in der Aufschwungphase die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch davon profitieren“, formulierte die CDU-Politikerin.
Im vergangenen Aufschwung hat das nicht geklappt. Auch auf lange Sicht mussten sich Beschäftigte in Deutschland mit bescheidenen Zuwächsen begnügen: Die Bruttostundenlöhne sind hierzulande seit 2000 so langsam gestiegen wie in keinem anderen EU-Staat. In Deutschland legten sie um knapp 22 Prozent zu, im gesamten Euroraum betrug das Plus dagegen fast 30 Prozent, so das Statistische Bundesamt. Die jahrelange Kampagne von Arbeitgebern und Ökonomen für Lohnzurückhaltung hat sich für die Unternehmen also ausgezahlt.
Auch die Klagen über hohe Sozialabgaben zeigten Wirkung: Die Lohnnebenkosten stiegen in Deutschland nur um neun Prozent – im gesamten Euroraum betrug das Plus 33 Prozent! Hierzulande sind nicht nur die Beiträge zur gesetzlichen Sozialversicherung gesunken. Die Firmen haben auch freiwillige Leistungen gekürzt. Forschern zufolge wurden vielerorts ausgerechnet Zuschüsse zur Altersvorsorge gekappt.
Und wie geht es weiter? Werden Arbeitnehmer künftig mehr Geld auf dem Konto haben? In Industrien wie der Stahlbranche sind die Chancen gut, denn hier gibt es noch starke Gewerkschaften. Im wachsenden Dienstleistungssektor sind Verdi und Co jedoch vielerorts zu schwach, um spürbare Lohnzuschläge durchsetzen zu können. Hier wird es nur dann eine lohnpolitische Wende geben, wenn die Politik handelt: Sie kann Mindestlöhne einführen, Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklären und die gleiche Bezahlung von Leiharbeitern gesetzlich verankern. Arbeitsministerin von der Leyen kann also selbst dazu beitragen, dass Arbeitnehmer vom Aufschwung profitieren.
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