Knapp 90 Millionen Fass Öl zu je 159 Liter werden pro Tag auf der Welt verbraucht. Eine Menge, mit der mehr als 10.000 große Schwimmbäder gefüllt werden könnten. Ohne ihren Schmierstoff würde die Weltwirtschaft zum Erliegen kommen: Verkehr, Handel und Chemieindustrie würden zusammenbrechen, Millionen Menschen frieren; Preissteigerungen treffen fast alle. So ist der Zuwachs auf mehr als 100 Dollar pro Fass der für Europa wichtigsten Sorte Brent zu Beginn der Woche ein Alarmsignal für die Weltwirtschaft.
Aktueller Auslöser sind die Unruhen in Ägypten. Dort wird zwar nur wenig Öl gefördert, aber die Unterbrechung des Suez-Kanals und einer wichtigen Pipeline würden die globalen Ölströme empfindlich treffen. Das ölwirtschaftliche Horrorszenario wäre ein Übergreifen der Unruhen auf wichtige Förderländer wie Libyen und vor allem Saudi-Arabien, den größten Produzenten der Welt.
Die Ägypten-Krise ist aber keinesfalls der einzige Grund für den Preisanstieg. Der Verbrauch ist schon vergangenes Jahr viel schneller geklettert als erwartet – um 2,7 Millionen Fass pro Tag. Das Vorkrisenniveau, als der Ölpreis sogar einen Rekordstand von 147 Dollar pro Fass erreichte, ist weit überschritten. Michael Bräuninger, Experte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), sagt: „Das überraschend starke Wachstum ist der wichtigste Effekt, der den Ölpreis so stark nach oben getrieben hat.“ Zwar hat auch der Verbrauchsanstieg in China und anderen Schwellenländern die Erwartungen übertroffen. Verblüffend ist aber vor allem, dass auch die westlichen Industriestaaten trotz schwachen Wachstums mehr Öl importieren.
Zocker halten sich zurück
Saudi-Arabien könnte nun leicht einige Millionen Fass pro Tag zusätzlich fördern und will das im Fall einer Krise auch tun. Doch das Ölkartell Opec, an dessen Spitze die Saudis stehen, verknappt das Angebot künstlich etwas. Darüber hinaus wird es immer schwieriger, an neue Vorräte zu kommen. In der Nordsee und in Mexiko zum Beispiel sinkt die Förderung schon sehr schnell. Andererseits lockt der hohe Ölpreis auch Investoren an, die sich in immer gefährlicheres Terrain wagen. Josef Auer, Ölexperte der Deutschen Bank, sagt: „Der hohe Ölpreis wird auch das Angebot beeinflussen. Vor allem Tiefseevorkommen vor Afrika und Brasilien werden derzeit mit hohem Aufwand und großen Investitionen erschlossen.“
Spekulanten scheinen im aktuellen Preisauftrieb nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Sie haben ihre Wetten auf steigende Preise zuletzt deutlich zurückgefahren. Größer ist der Effekt von Investoren, die sich immer stärker für den Ölmarkt interessieren, weil die niedrigen Leitzinsen das Zocken mit Rohstoffen besonders interessant machen. Sogar Kleinanleger mischen inzwischen mit.
Im Gegensatz zu den Spekulanten investieren sie vor allem in Terminkontrakte und Derivate, die bei steigenden Preisen Gewinn abwerfen. Handelsübliche Preisformeln sorgen dafür, dass die hochgezockten Kurse auch Einfluss auf die tatsächlich von physischen Abnehmern gezahlten Preise nehmen. Ist mit weiteren Sprüngen zu rechnen? Hier gehen die Einschätzungen weit auseinander. Während der unabhängige Experte Steffen Bukold drastische Preissprünge für möglich hält (siehe Interview), sind andere Experten optimistischer, dass die Lage nicht eskaliert. Mehr als 120 Dollar pro Fass veranschlagt kaum ein Bankhaus für die kommenden Jahre als realistisch. Ölexperte Auer von der Deutschen Bank sagt: „Für dieses Jahr erwarten wir, dass der Ölpreis eher sinkt und knapp unter 100 Dollar pro Fass notieren wird – vorausgesetzt natürlich, die politische Lage beruhigt sich wieder.“
Folgen für die Weltwirtschaft
Die nicht zu Hektik neigende Internationale Energie-Agentur gab sich gestern besorgt. Vize-Chef Richard Jones sagte, schon ein Verbleib der Ölpreise auf dem jetzigen Niveau sei „ein großer Anlass zur Besorgnis“, negative Folgen für die Weltwirtschaft seien zu befürchten. Die Opec forderte er durch die Blume dazu auf, die Produktion zu erhöhen. Am Beispiel Deutschland, das im Vergleich zu anderen Ländern sogar recht wenig Öl pro erwirtschaftetem Euro verbraucht, lässt sich die zusätzliche Belastung gut illustrieren.
Hierzulande wurden 2010 etwa 2,5 Millionen Fass pro Tag verbraucht, die fast komplett importiert werden müssen. Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der Krise, kostete ein Barrel statt derzeit 73 Euro zeitweise rund 35 Euro. Der Volkswirtschaft gehen also zusätzlich 95 Millionen Euro für den Kauf von Öl verloren – Tag für Tag.
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