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11. Februar 2012

Schuh-Papst Heinrich Deichmann: "Ach ja, Zalando"

„Wenn wir nicht wachsen, werden es andere tun.“  Foto: Ruediger Fessel

Heinrich Deichmann, Europas Schuhverkäufer Nummer eins, über die neue Konkurrenz im Internet, Wachstumskritik und Minijobs - und 12,6 Millionen Euro Spenden.

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Wenn Heinrich Deichmann aus seinem Büro schaut, blickt er auf Essen-Borbeck. Es sind keine drei Kilometer bis dorthin, wo sein Großvater 1913 das erste Schuhgeschäft eröffnete. Heute steht der Name für Europas größtes Schuhhandelsunternehmen. Der, den der Boulevard gern den Schuh-Papst nennt, hat seine Wurzeln täglich vor Augen, und er sagt, dass ihm dies wichtig sei. Heinrich Deichmann, groß und mit festem Händedruck, spricht überraschend leise. Den Erfolg stellt der 49-Jährige nicht zur Schau. Sein Büro ist modern, aber schlicht. Es gibt eine kleine Sitzecke und Kaffee in grünen Bechern mit Deichmann-Logo. Dass er Schuhe der Tochter-Marke Roland trägt, habe nichts mit dem Interviewtermin zu tun, versichert er.

Herr Deichmann, lassen Sie uns über Frauen reden.

Ach du meine Güte. Ein schwieriges Thema. Reden wir lieber über Schuhe.

Sie könnten das besondere Verhältnis der Frauen zu Schuhen erklären.

Das macht die Sache nicht einfacher. Mit Sicherheit weiß ich nur, dass Frauen Schuhe nicht kaufen, weil sie sie brauchen, sondern weil sie ihnen gefallen. Vielleicht auch deshalb, weil Schuhe eine Frau immer vor der Erfahrung bewahren, dass die gewohnte Konfektionsgröße nicht mehr passt. Die Schuhgröße einer Frau ändert sich fast nie. Schuhe sind verlässliche Partner.

Was wäre das Unternehmen Deichmann ohne die Frauen?

Ganz sicher sehr viel kleiner. Wir hätten weniger Mitarbeiter und weniger Kunden. Im vergangenen Jahr haben wir weltweit 156 Millionen Paar Schuhe verkauft. In Deutschland hatten wir 28 Millionen zahlende Kunden, davon mindestens 17 Millionen Frauen.

Demnach funktioniert Ihr Discount-Konzept nach wie vor.

Zur Person

Der Chef: Heinrich Deichmann führt das Familienunternehmen in der dritten Generation. Der heute 49-Jährige studierte Betriebswirtschaft, Philosophie und Theologie. 1989 trat der Enkel des Firmengründers in das Unternehmen ein. Zehn Jahre später übernahm er den Chefsessel des Einzelhandelskonzerns. Heinrich Deichmann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Das Unternehmen: Gegründet wurde es von Heinrich Deichmann, als er 1913 in Essen sein erstes Schuhgeschäft eröffnete. Dessen Sohn, Heinz-Horst Deichmann, eigentlich promovierter Mediziner, führt die Firma zunächst nebenbei weiter. 1956 gibt er den Arztberuf auf, widmet sich ganz der Unternehmensführung und baut den Betrieb aus. 1974 wird die 100. Deichmann-Filiale eröffnet.

Aktuell: Heute betreibt die Deichmann-Gruppe in 21 europäischen Ländern und den USA etwa 3200 Filialen und beschäftigt 32500 Mitarbeiter. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 156 Millionen Paar Schuhe verkauft. Der Gesamtumsatz des Konzerns stieg 2011 um fünf Prozent auf 4,13 Milliarden Euro.

Deutschland: Hierzulande führt Deichmann knapp 1300 Geschäfte, davon 92 Filialen der Tochter-Marken Roland und MyShoes. Insgesamt verkaufte Deichmann in Deutschland im vergangenen Jahr 73 Millionen Paar Schuhe. Für das laufende Jahr sind hierzulande 60 Neueröffnungen geplant. Zugleich sollen 400 neue Jobs entstehen.

Deichmann ist kein Discounter. Dann müsste es uns ausschließlich um den niedrigen Preis gehen. Das ist nicht der Fall. Wir haben Designer, die unsere eigenen Kollektionen entwickeln und bieten qualitativ hochwertige und sehr modische Schuhe. Ich meine, suchen Sie in Deutschland ein Unternehmen, das mit Halle Berry oder Cindy Crawford arbeitet.

Manche nennen Sie dennoch den Schuh-Aldi.

In Bezug auf die Preise kann ich damit leben, aber nicht auf den Rest. Aldi bietet kein emotionales Markenerlebnis. Wir tun das. Wir sind eher der H&M der Schuhe.

H&M steht auch für große Filialen. Haben Schuhgeschäfte denn aber überhaupt noch eine Zukunft?

Absolut. Die Leute wollen Schuhe sehen, anfassen, anprobieren. Das ist ein Erlebnis, auf das ganz sicher auch in Zukunft viele Menschen nicht verzichten wollen. Läden werden nicht aussterben.

Sie kennen Robert Gentz?

Ehrlich gesagt, da muss ich kurz überlegen.

Bitte? Gentz ist der Chef von Zalando.

Ach ja.

Herr Deichmann, Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, dass Sie die Firma, die seit etwa zwei Jahren dabei ist, den Schuhmarkt auf den Kopf zu stellen, allenfalls beiläufig zur Kenntnis nehmen.

Viel mehr ist da wirklich nicht. Zalando fängt in einem Preisbereich an, wo wir aufhören. Außerdem ist für mich längst nicht sicher, dass das Geschäftsmodell dieses Unternehmens nachhaltig funktioniert. Zalando macht zweifellos viel Umsatz, hat allerdings vermutlich auch sehr hohe Retourenraten und immense Kosten. In den USA gibt es das Original – Zappos. Auch die machen Riesenumsätze, verdienen nur wenig und sind bereits von ihren Gründern verkauft worden.

Heißt das, das Online-Geschäft wäre zu vernachlässigen?

Das wäre leichtsinnig. Deichmann war der erste Schuhhändler in Deutschland, der schon im Jahre 2000 einen Online-Shop eröffnet hat, und zweifellos wird das Internet auch im Schuhhandel eine bleibende Bedeutung haben. Wir nutzen die Synergien zwischen stationärem Geschäft und Online-Kanälen. Man kann also zum Beispiel online bestellte Ware im Laden zurückgeben. Darüber hinaus gibt es uns die Möglichkeit, mit neuen Modetrends zu experimentieren.

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