Rund 6,4 Millionen Deutsche sind völlig verschuldet. Das geht aus dem aktuellen Schuldneratlas 2011 der Creditreform hervor. Der Wirtschaftsauskunftei zufolge kann fast jeder zehnte Deutsche über 18 seine Rechnungen nicht mehr bezahlen und hat keine Möglichkeit, das nötige Geld in absehbarer Zeit zu beschaffen.
Dabei sind vor allem Männer bereit, finanzielle Risiken einzugehen: knapp zwei Drittel der Schuldner sind männlich, Tendenz steigend. Im Durchschnitt stehen sie Schuldner mit 33.700 Euro in der Kreide - das macht einen Gesamtschuldenberg von 216 Milliarden Euro.
Im Durchschnitt stehen die 6,41 Millionen Schuldner mit 33.700 Euro in der Kreide - das macht einen Gesamtschuldenberg von 216 Milliarden Euro. Im Vergleich zu den vergangen Jahren sank die Schuldnerquote jedoch - von 10,85 Prozent im Jahr 2007 auf 9,38 dieses Jahr.
Dass 2011 weniger Deutsche verschuldet sind als im Vorjahr, liegt allein an den Frauen. Während die Zahl der überschuldeten Männer um 1,2 Prozent auf 41, Millionen stieg, sank die der betroffenen Frauen um 5,3 Prozent auf 2,31 Millionen.
Die Ossis sind deutlich weniger verschuldet als die Wessis: in den neuen Bundesländern liegt die Schuldenquote bei 9,209 Prozent, in den alten bei 9,4. Die solidesten Finanzen haben die Bewohner des Bundeslandes Bayern (Schuldnerquote 6,88 Prozent), gefolgt von Baden-Württemberg und Sachsen. Schlusslichter im Schuldneratlas sind Sachsen-Anhalt, Berlin und Bremen (13,92 Prozent).
Entgegen dem Gesamttrend steigt die Zahl der überschuldeten Senioren auf 110.000. Im Jahr 2007 waren es in der Altersgruppe der über 70-Jährigen noch 78.000 - das entspricht einem Anstieg um 42 Prozent.
Im Vergleich zu Großbritannien und den USA steht Deutschland noch gut da. Während hierzulande jeder zehnte Erwachsene seine Rechnungen nicht mehr begleichen kann, ist es in Großbritannien jeder sechste, in den USA gar jeder fünfte Bürger. Hinzu kommt, dass die Schuldnerquote in Deutschland im Vergleich zu 2004 um 3,7 Prozent zurückging. In Großbritannien stieg sie im selben Zeitraum um gut 100 Prozent, in den USA um 52 Prozent.
Weil die Konjunktur brummte und die Zahl der Arbeitslosen niedrig blieb, ging die Zahl der Schuldner insgesamt im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht zurück (minus 1,3 Prozent), doch was die jungen Deutschen angeht, zeichnet sich deutlich ein gegenläufiger Trend ab. So sind inzwischen mehr als ein Viertel der Schuldner unter 30 Jahren. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen stieg die Schuldnerquote auf 11,35 Prozent. Im Vorjahr hatte sie noch bei 10,75 Prozent gelegen. Auch was die Gruppe der 18- und 19-Jährigen angeht, spricht der Bericht von einem "besorgniserregenden Anstieg" um fast einen halben Prozentpunkt.
Aufklärung an Schulen gefordert
Für die Experten von der Schuldnerberatung ist das keine Überraschung. "Den jungen Leuten fehlt eine finanzielle Allgemeinbildung", stellt die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatungsstellen, Claudia, Kurzbuch, fest. "Es gibt 20-Jährige, die studieren an der Universität, aber können noch nicht einmal eine Banküberweisung ausfüllen." Der Umgang mit Geld müsse an den Schulen behandelt werden, fordert sie. Bisher habe nur Bayern dieses Thema im Rahmenlehrplan verankert.
Kurzbuch macht jedoch auch die Wirtschaft für die wachsende Verschuldung der Jugend verantwortlich. "Die Banken und Handelsunternehmen umwerben gezielt junge Leute und nutzen deren Blauäugigkeit aus", so die Schuldnerberaterin. Da würden 18-Jährigen ohne festes Gehalt Kredite in fünfstelliger Höhe angeboten oder junge Menschen in die Fußgängerzonen geschickt, um Abonnements und Versicherungsverträge an Gleichaltrige zu verramschen. "Die Unternehmen müssten viel vorsichtiger sein, aber sie wissen ja, dass oft Familienangehörige für die jungen Schuldner einstehen."
"In Ruhe das Kleingedruckte lesen"
Auch der prekäre Arbeitsmarkt für junge Beschäftige - geringe Einstiegslöhne, befristete Verträge, unbezahlte Praktika - ist aus Sicht der Expertin mitverantwortlich. Um nicht in die Schuldenfalle zu tappen, sollten junge Leute vor allem nicht vorschnell entscheiden - lieber jeden Vertrag mit nach Hause nehmen, in Ruhe das Kleingedruckte lesen und ältere Verwandte, Freunde oder unabhängige Beratungsstellen hinzuziehen, rät Kurzbuch.
Doch nicht nur die Jugend bereitet den Autoren des Berichtes Sorge, sondern auch die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Schuldner dauerhaft in der Schuldenfalle stecken - ohne Hoffnung, ihre Lage aus eigener Kraft verbessern zu können. Die Experten sprechen von einer wachsenden struktuellen Überschuldung, die unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung ist.
Briten stehen schlimmer da
Im Vergleich zu Großbritannien und den USA steht Deutschland zwar noch gut da. Während hierzulande jeder zehnte Erwachsene seine Rechnungen nicht mehr begleichen kann, ist es in Großbritannien jeder sechste, in den USA gar jeder fünfte Bürger. Hinzu kommt, dass die Schuldnerquote in Deutschland im Vergleich zu 2004 um 3,7 Prozent zurückging. In den USA stieg sie im selben Zeitraum um mehr gut 52 Prozent, in Großbritannien gar um mehr als 100 Prozent.
Um eine ähnliche Entwicklung in Deutschland zu verhindern, sind Politik und Gesellschaft gleichermaßen gefragt. Der Bericht hat dazu eine Reihe von Vorschlägen parat, vom Ausbau der Schuldnerberatung über eine verantwortungsbewusstere Kreditvergabe bis zum Abbau der Arbeitslosigkeit.
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