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Tariferhöhungen: Schummelei bei Strompreisen

Eine solche Preiserhöhungswelle hat es noch nie gegeben: Zum Jahresende erhöhen 344 Versorger ihre Tarife - und begründen das mit einer höherer Öko-Umlage.

Beim Internettarifportal Verivox herrschte gestern Hochbetrieb: Teils im Minutentakt gingen Nachrichten über kräftige Preiserhöhungen der deutschen Versorger ein, schließlich läuft die Verkündungsfrist am Sonnabend aus. Am späten Nachmittag stand dann fest: Eine solche Preiserhöhungswelle hat es noch nie gegeben. 344 Versorger in Deutschland erhöhen zum Jahreswechsel ihre Tarife. 22 Millionen Haushalte sind betroffen, mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Im Schnitt liegt die Steigerung bei sieben Prozent. Preissprünge gibt es bei kleinen Stadtwerken ebenso wie großen Versorgern.

Stromsparer, aufgepasst: Die Konzerne langen diesmal kräftig zu.
Stromsparer, aufgepasst: Die Konzerne langen diesmal kräftig zu.
Foto: dpa

Die Begründung ist stets die gleiche: Die deutliche Steigerung der Öko-Strom-Kosten, ausgelöst vor allem durch den Boom bei Solaranlagen. Auf den ersten Blick ist das berechtigt. Schließlich steigt die Umlage für die Einspeisung von Öko-Kraftwerken von zwei Cent in diesem Jahr auf 3,53 Cent 2011, dazu kommt noch die Mehrwertsteuer. Das würde ein Plus von sieben bis acht Prozent bei den Strompreisen ausmachen – und damit ziemlich genau die Preiswelle widerspiegeln.

Bei genauerer Betrachtung kommen Zweifel, ob allein dem Öko-Strom-Boom die Schuld zugeschoben werden kann. Zum einen langen einige Lieferanten deutlich kräftiger zu. EnBW erhöht zum Beispiel seinen Online-Tarif um zwölf Prozent. Vattenfall verlangt in Berlin und Hamburg rund zehn Prozent mehr. Den Rekord hielt gestern die Emscher Lippe Energie GmbH aus Nordrhein-Westfalen mit einer Tarifsteigerung von 14,1 Prozent. Aus den Verivox-Daten geht hervor: Rund 90 Anbieter gingen um acht oder mehr Prozent nach oben.

Damit nicht genug. Der Frankfurter Rundschau liegen Informationen aus Energiehändlerkreisen vor, die belegen: Die Großhandelspreise für Strom sinken von 2010 auf 2011 kräftig und müssten eigentlich einen Teil der steigenden Öko-Strom-Kosten auffangen. Der größte deutsche Kraftwerksbetreiber Eon hat demnach seinen Strom zur Lieferung im Jahr 2010 im Schnitt für 6,8 Cent pro Kilowattstunde verkauft. Stromlieferungen für 2011, deren Verkauf nahezu abgeschlossen ist, brachten Eon deutlich weniger ein: nur 5,9 Cent pro Kilowattstunde.

Etwas geringer ist der Preisverfall laut den Insidern bei der Nummer zwei RWE: 2010 konnten pro Kilowattstunde 6,5 Cent erlöst werden, für 2011 liegt der Durchschnittspreis bei 6,0 Cent. Auch bei EnBW sind die Preise im Jahresvergleich etwas gesunken. Zusammen erzeugen die drei Firmen etwa zwei Drittel des deutschen Stroms.

Bundesverband für Erneuerbare Energie ärgert sich

Beim Bundesverband für Erneuerbare Energie (BEE) ist man nun verärgert über die einseitige Begründung der Preissteigerungen: „Die sinkenden Einkaufspreise für Strom im Großhandel sind auch Resultat des Ausbaus der Erneuerbaren.“ Schließlich drückten sie bei hoher Produktion die Preise für Strom aus konventionellen Kraftwerken. „Dieser Effekt aber wird von vielen Anbietern überhaupt nicht berücksichtigt, die Preiserhöhungen werden allein mit der Öko-Strom-Umlage begründet“, sagte BEE-Chef Björn Klusmann der FR. Energieexperte Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) sagte ebenfalls, die Öko-Strom-Abgabe müsse nicht voll weitergegeben werden.

Dennoch steht wohl fest, dass der Umbau des deutschen Energiesystems auch in den kommenden Jahren zu deutlichen Preissteigerungen führen wird. Zum einen sollen weiter viele neue Öko-Strom-Kraftwerke gebaut werden. Die Umlage könnte nach Schätzungen der Netzbetreiber 2012 auf bis zu 4,4 Cent steigen. Hinzu kommen weitere Kosten, zum Beispiel für neue Stromleitungen.

Um rund 60 Prozent sind die Stromkosten für die Verbraucher in den letzten zehn Jahren gestiegen, heißt es beim VZBV. Holger Krawinkel schätzt, dass es so weitergehen wird: „Es ist davon auszugehen, dass es in den kommenden zehn Jahren mindestens ebenfalls 60 Prozent nach oben gehen wird mit den Preisen.“ Das würde Strompreissteigerungen von etwa fünf Prozent pro Jahr bedeuten. „Wir brauchen deshalb ein Klimaschutzmonitoring, also eine zentrale Stelle, die überwacht, das die Kosten nicht aus dem Ruder laufen“, forderte der VZBV-Experte.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  19 | 11 | 2010
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