Die drastischen Umsatzrückgänge, die der deutsche Einzelhandel im vergangenen Jahr verzeichnen musste, sind nach Ansicht von Ulrich Dalibor, Chef der Verdi-Bundesfachgruppe Einzelhandel, nicht überraschend gekommen: Die schwache bis sogar rückläufige Binnennachfrage hänge direkt mit den seit Jahren von der Politik gewollten stagnierenden Einkommen zusammen, sagte Dalibor zur Frankfurter Rundschau.
Am Dienstag veröffentlichte Zahlen des Statistischen Bundesamtes und der Handelsverbands HDE zeigen, dass die deutschen Einzelhändler im Rezessionsjahr 2009 den stärksten Umsatzrückgang seit der Wiedervereinigung eingefahren haben. Die Einnahmen sanken nominal um 2,4 Prozent und real um 1,8 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das war das größte Minus seit Beginn der gesamtdeutschen Statistik 1994.
Diese negative Entwicklung sei einer Politik geschuldet, die die Arbeitnehmer seit Jahren zum Maßhalten bei den Lohnzuwächsen auffordere, sagte Dalibor. Inzwischen bilde Deutschland im europäischen Vergleich bei der Einkommensentwicklung das Schlusslicht. "Wir haben da richtig verloren." Dies führe sogar dazu, dass die Gewerkschaften benachbarter Länder wegen der in Deutschland absackenden Löhne "unter Druck geraten".
Zudem befände sich Deutschland "auf dem Weg zu einer Discountgesellschaft", sagte der Gewerkschafter. Die Discounter setzten nicht nur Hersteller und Lieferanten unter Druck, sondern seien auch Trendsetter bei den Löhnen. Dort, wo es Dumpingpreise gebe, beständen meist auch Dumpinglöhne. Dabei gehe es nicht mehr allein um ausgehebelte Tarifverträge oder um Leiharbeit, sondern um sich greife auch das Instrument des Werkvertrags: "Der unterbietet dann auch noch Zeitarbeitsverträge."
Die Rechnung des HDE, der Brennstoffe, Autohandel und Arzneien herausnimmt, sieht etwas anders aus als die des Bundesamtes: Der HDE geht von einem nominalen Umsatzrückgang von 1,6 Prozent aus, preisbereinigt betrug er 1,9 Prozent. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth sprach von "schmerzlichen, aber keinesfalls dramatischen" Rückgängen. Auch 2010, so Genth, werde "kein Zuckerschlecken", dem Handel stehe ein schwieriges Jahr bevor, da die Arbeitslosigkeit steigen und damit die Konsumfreude bremsen dürfte.
Starke Einbußen meldete 2009 vor allem der Versandhandel, wo die Erlöse um 4,3 Prozent sanken - nicht zuletzt wegen der Pleite des Versandhauses Quelle. Der Lebensmittelhandel setzte 1,8 Prozent weniger um, der Handel mit Nicht-Nahrungsmitteln in Waren- und Kaufhäusern verbuchte ein Minus von fünf Prozent. Nur mit pharmazeutischen Produkten, Kosmetik und Medizin machte die Branche ein Umsatzplus von 2,3 Prozent. Während das für den Handel wichtige Weihnachtsgeschäft schwächer als erwartet verlaufen war, sei der Winterschlussverkauf dagegen gut angelaufen, sagte Genth.
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