Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

05. Januar 2015

Sharing Economy: "Silicon Valley hat ein Arschlochproblem“

 Von 
Hoch gehandelt bei Investoren, trotzdem permanent in den Negativschlagzeilen: Taxi-Konkurrent Uber.  Foto: dpa

Digitalexperte Sascha Lobo spricht im FR-Interview über rücksichtslose kalifornische Start-ups, die drohende Rückkehr des Manchester-Kapitalismus und das Versagen der Politik.

Drucken per Mail

Die Umwälzung ganzer Branchen durch die sogenannte Sharing Economy hat gerade erst begonnen. Ausgestattet mit Milliarden von Dollar von Risikokapitalgebern breiten sich Firmen wie der Fahrtenvermittler Uber oder der Wohnungsvermittler Airbnb in rasanter Geschwindigkeit global aus. Vordergründig stellen sie das Teilen vor das Anhäufen von Besitztümern – das ist das Motto der neuen Ökonomie des Teilens. Doch tatsächlich drohe mit ihnen ein Rückfall in den späten Manchester-Kapitalismus, warnt der Autor Sascha Lobo, Deutschlands bekanntester Digitalexperte. Die Plattformen veränderten fundamental, wie wir arbeiten.

Herr Lobo, der Fahrtenvermittler Uber und die Wohnungsplattform Airbnb sehen sich als Teil der Sharing Economy, die das Teilen über das Anhäufen von Besitztümern stellt. Wenden sich die Menschen vom Eigentum ab?
Der Begriff Sharing Economy ist ein sehr cleverer PR-Begriff, weil er etwas sehr gutes und freundliches, das Teilen, mit der Wirtschaft verbindet. Man hat den Eindruck, da würde eine Art Menschenfreundlichkeit verarbeitet. Tatsächlich geht es aber um eine sehr viel größere Veränderung der ganzen Ökonomie. Ich nenne das Plattformkapitalismus, weil ich glaube, dass dieser Begriff der Entwicklung gerechter wird – mit dem Teilen hat sie nur eingeschränkt zu tun.

Wie kommen Sie auf den Begriff Plattformkapitalismus?
Es bilden sich neue Marktplätze auf Speed heraus. Diese Plattformen haben viel größere Potenziale als gewöhnliche Marktplätze: Sie funktionieren fast immer nach dem Muster, dass es nicht darum geht, der Beste in einem Spiel zu sein, sondern der Einzige. Das heißt: Den Markt selbst kontrollieren zu können, um genau festlegen zu können, wer wann wo was kriegt. Airbnb und Uber mögen da die Vorzeige-Start-ups sein – tatsächlich ist es keine neue Entwicklung.

Mehr dazu

An welche Plattformen denken Sie da?
Schon Google hat mit der Suchmaschine zugleich eine Plattform geschaffen, und zwar für Werbung im Internet. Da Google den Standard für eine bestimmte Form der Internet-Werbung geschaffen hat, ist es sehr, sehr schwer, neben Google zu bestehen. Man braucht ein Quasi-Monopol oder eine sehr marktbeherrschende Stellung, um einen solchen Standard zu schaffen. Davon profitiert in der Regel das Marktplatz-Unternehmen am meisten. Eine ganze Reihe anderer Leute profitieren auch. Aber die Plattform kontrolliert, wie die Geschäfte auf dem Marktplatz stattfinden und kann am meisten Honig daraus saugen.

Neue Plattformen wie Uber verändern auch, wie wir arbeiten. Angestellte werden zu Mikro-Unternehmern, Plattformen wie Uber nennen sie ihre „Partner“.
Das ist für mich die zentrale Entwicklung, der Kern der sogenannten Sharing Economy. Die Plattformen haben die Angebotsabgabe extrem vereinfacht. Uber ist ein sehr gutes Beispiel. Bislang konnten nur Taxiunternehmen Transportdienstleistungen anbieten. Nun habe ich eine Plattform, auf der jeder, der zufällig irgendwo lang fährt, mit einem Knopfdruck auf seinem Smartphone ein Angebot abgeben kann. Das führt zu einer Flut von Angeboten. Plötzlich strömen Leute auf den Markt, die keinen wirtschaftlichen Druck haben. Menschen, die einfach zufällig von A nach B fahren und sagen, ob ich da jetzt fünf Euro nehme für jemanden, der mitfährt, oder sieben oder drei, ist eigentlich gar nicht so wichtig. Doch wenn die in Massen auf den Markt strömen, dann drücken sie die Preise auch für diejenigen, die unter Druck stehen zu fahren, da sie das Fahren für Uber als ihren Beruf begreifen.

Sascha Lobo.  Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Andererseits schaffen diese Plattformen eine neue Flexibilität, die von vielen als befreiend empfunden wird. Anstatt an feste Arbeitszeiten gebunden zu sein, kann man sich einfach aus der App ausloggen. Es gibt Personen, die sagen: Ich habe 30 von 48 Stunden gearbeitet, aber das ist nicht schlimm.
Dass Flexibilität für einen Arbeitnehmer auch etwas Gutes sein kann, habe ich 2006 in meinem Buch „Wir nennen es Arbeit“ darzustellen versucht. Aber – und das ist der große Punkt – damit es etwas Gutes sein kann, muss die Flexibilität mit einer Freiwilligkeit einhergehen. Das bedeutet: Ich als Arbeitnehmer, als jemand, der beruflich Arbeit leistet, muss mir diese Flexibilität aussuchen können. 30 Stunden innerhalb von 48 Stunden zu arbeiten, kann mal eine interessante Erfahrung sein. Es hört sich für mich aber eher nach dem 19. Jahrhundert an, dem späten Manchester-Kapitalismus. Das ist nicht die Art und Weise, wie man regelmäßig sein Leben leben möchte, und zwar, so würde ich meinen, unabhängig davon, welche Arbeit man hat. Insofern ist eine Flexibilisierung zunächst etwas Gutes, birgt aber das große Gefahrenpotenzial, die Arbeitnehmer als Verschiebemasse zu missbrauchen. Insofern wäre mein Ansatz zu sagen: Flexibilität gut und schön, aber eben nur dann, wenn sie nicht als peitschendes Effizienzinstrument in den Händen von Leuten wie Uber-Chef Travis Kalanick stattfindet.

In den USA haben die Uber-Fahrer bereits gestreikt, obwohl sie eigentlich gar nicht von Uber angestellt sind, sondern Selbstständige sind.
Ein Anzeichen dafür, dass es so nicht weitergeht. So oft haben Angestellte von Start-ups in den vergangenen Jahren noch nicht gestreikt.

Wie könnte die Politik eingreifen?
Vorstellbar ist ein Mindestlohn für Selbstständige. Ich kann mir auch ein bestimmtes Basis-Set an sozialer Absicherung für Selbstständige vorstellen, das dann zum Teil durch die Auftraggeber abgedeckt werden müsste. Das sind alles Mechaniken, über die man reden muss, um eine hochflexible Arbeitswelt trotzdem noch menschenwürdig zu gestalten. So wie in Deutschland und in Europa die Politik gerade agiert, bin ich sehr zuversichtlich, dass sie exakt die richtigen und fantastischen Instrumente schaffen wird in der nächsten Zeit, so dass in kaum mehr als 25 bis 30 Jahren die ideale Lösung für 2015 gefunden sein wird.

Die Langsamkeit des politischen Prozesses im Vergleich zur rasanten technologischen Entwicklung ist einer der zentralen Kritikpunkte von Konzernen wie Uber und Airbnb. Tatsächlich stammen die Gesetze etwa für die Personenbeförderung fast ausnahmslos aus einer Zeit, in der es kein Internet gab. Sind sie veraltet?
Es ist wahr, dass eine bestimmte Anzahl von Gesetzen zur Regulierung der Wirtschaft veraltet ist. Natürlich braucht man in bestimmten Bereichen eine Modernisierung. Ich glaube aber, dass viele von diesen Unternehmen, gerade Uber, einen großen Fehler machen, wenn sie glauben, dass die Gesetze sich gefälligst ihrem Geschäftsmodell zu beugen haben und sie sich nicht an diese zu halten haben, wenn sie ihnen nicht passen. Gesetze sind nicht zum Schutz von Uber da. Gesetze sind zum Schutz der Gesellschaft da. Die aggressive Haltung, die hinter Uber steht, wird maßgeblich geprägt von dem Gründer Travis Kalanick. Das ist ein Mann, der Schwierigkeiten hätte, einen Sympathiewettbewerb gegen eine Landmine zu gewinnen. Ein ganz klassisches Arschloch. Das kann man so sagen. Der Begriff ist auch durch die ehrwürdige Zeitschrift „Economist“ ins Spiel gebracht worden, die dem Silicon Valley ein Arschlochproblem attestierte. Viel von der disruptiven Kraft, die die Gesellschaft voranbringen könnte, wird von solchen Unternehmen ins Bösartige und ins Destruktive verkehrt. Da gibt es eine Unerbittlichkeit und Arroganz, die sehr, sehr schädlich ist.

Uber und Airbnb kommen überall mit dem Gesetz in Konflikt. Im Silicon Valley gibt es Stimmen, die sagen, Demokratie sei eine überholte Technologie. Hat das Silicon Valley ein Demokratieproblem?
Ich denke, wenn man genauer hinsieht, sieht man einen großen Unterschied zwischen den europäischen und deutschen Start-ups einerseits und den kalifornischen Start-ups andererseits. Die kalifornische Ideologie hat sehr direkte Auswirkungen auf das Geschäftsgebaren der Start-ups. Es ist eigentlich eine extreme Technikgläubigkeit gepaart mit einer hippieesken, libertären Einstellung. So sehr ich auch persönlich mit dem Hippietum sympathisiere, denke ich, dass sich da ein Bastard herausgebildet hat. Das hat Richard Barbrook in den 90er Jahren sehr gut skizziert, dass da quasi das „worst of both worlds“ zusammenkommt; also das Schlechte am Hippietum mit dem Schlechten an der digitalen Radikalität. Im Ergebnis hat sich so eine rücksichtslose Technikkaste gebildet, die vorgibt, die Welt verbessern zu wollen, aber extrem gefährlich ist.

Der bekannte Start-up-Investor Peter Thiel sagt, eine bessere Welt werde viel mehr durch die Technologie geschaffen, als durch die Politik.
Wenn Peter Thiel davon spricht, dass er die Welt verbessern möchte, meint er, dass er seine Welt verbessern möchte. Er ist nicht bereit, die Perspektiven anderer Leute einzunehmen. Ich mache mir große Sorgen, wenn ein Multimilliardär seine Welt verbessern möchte, nach seinen Prinzipien, und dann auch noch sagt, Demokratie hindere ihn daran, seine Geschäftsmodelle richtig durchzuziehen – denn das ist der Klartext, der hinter der Rede von Demokratie als überholter Technologie steht. Wenn Leute ankommen und sagen, wir können das algorithmisch von außen viel besser regulieren als die doofe Demokratie, dann ist das eine Hybris, die am Ende insbesondere denen schaden wird, die schon lange den Schaden davontragen: Das sind all diejenigen, die sich nicht wehren können; die, die ärmer sind als Herr Thiel – was im Zweifel fast alle sind. Das sind diejenigen, die bisher schon Schwierigkeiten hatten, in der Gesellschaft zu bestehen. Und wenn ein Peter Thiel mir erzählt, dass es völlig normal und cool ist, 30 Stunden innerhalb von 48 Stunden zu arbeiten, dann ist das aus seiner Perspektive vielleicht etwas, was seinen Börsenkurs beflügelt. Aus der Perspektive von jemandem, der am anderen Ende sitzt, ist es destruktiv und zerstörerisch.

Das Interview führte FR-Autor Jonas Rest. Mehr daraus ist kommenden Donnerstag in der ARD-Sendung „Panorama“ mit dem Schwerpunkt Sharing Economy zu sehen: „Panorama“, Donnerstag, 8. Januar 2015, 21.45 Uhr.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Führungskräfte

Verkrustete Strukturen

Von Stephanie Borgert |

Warum ambitionierte Manager oft scheitern Mehr...

Geld

Raus aus den Tresoren!

Bargeld muss ein öffentliches Gut werden Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen