Wer profitiert besonders vom überraschend starken Wirtschaftsaufschwung in Deutschland? Nein, nicht die Einkommen der abhängig Beschäftigten. Das Volkseinkommen, das sich aus dem Arbeitnehmerentgelt und den Unternehmens- und Vermögenseinkommen zusammensetzt, hat gegenüber dem Vorjahresquartal um 8,3 Prozent zugenommen, wie das Statistische Bundesamt bekanntgab. Während das Arbeitnehmerentgelt aber lediglich um 2,5 Prozent angestiegen sei, hätten die Unternehmens- und Vermögenseinkommen einen „sehr deutlichen Zuwachs“ von 21,9 Prozent verzeichnet.
Eine solche Ungleichbehandlung zu Beginn eines Aufschwunges ist nichts Ungewöhnliches und eigentlich auch nicht problematisch, da der Aufschwung die Löhne anziehen lässt und in den Folgeperioden wieder für einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit sorgt. Das Problem in Deutschland ist aber, dass das im vergangenen Aufschwung nicht geklappt hat, weshalb die Gewinnquote sich von ihrem langjährigen Mittelwert bei rund 30 Prozent gemessen am Volkseinkommen gelöst und immer neue Rekorde erklommen hat.
Nach dem sehr guten zweiten Quartal liegt die Gewinnquote wieder bei 34,1 Prozent. Das zeigt, dass die Rückkehr zum alten Mittelwert nur ein krisenbedingter Ausrutscher war. Da das Gros der Lohnquote konsumiert, das Gros der Gewinnquote gespart wird, wird die Binnennachfrage nicht anziehen, solange sich der Trend nicht umkehrt.
Das sehen inzwischen auch die ersten Volkswirte öffentlich ein, weshalb sie immer öfter „neutrale“ Lohnerhöhungen fordern, die das Verhältnis zwischen Lohn- und Gewinnquote stabilisieren, den Verteilungsspielraum ausschöpfen, wie es so schön heißt.
„Lohnerhöhungen von knapp drei Prozent sind neutral“, sagt Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Dekabank. Doch da die ersten großen Tarifrunden erst in einem Jahr anstehen, dürfte die Gewinnquote zunächst weiter steigen, mutmaßt Scheuerle. Das sei kein Beinbruch, da die Kapazitäten der Firmen noch immer nicht ganz ausgelastet seien, also Beschäftigte nicht voll beansprucht würden. Erst wenn für sie wieder ausreichend Arbeit vorhanden sei, können die Löhne anständig steigen, so Scheuerle.
Die zunächst weiter moderate Lohnentwicklung kommt den Aktionären zugute. Vom weltweiten Aufschwung, insbesondere in Asien, profitieren vor allem die exportorientierten Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex. Im zweiten Quartal 2010 steigerten sie ihre Verkäufe um zwölf Prozent. Inzwischen liegt ihr Umsatz schon wieder auf dem Rekordniveau von Ende 2007. Die hervorragenden Zahlen lassen die Analysten immer optimistischer werden: Glaubten sie vor einem halben Jahr noch, dass die 30 Dax-Konzerne 2010 etwa 900 Milliarden Euro einnehmen würden, so liegen die Umsatzerwartungen inzwischen bei fast 950 Milliarden – das wäre ein Plus von acht Prozent gegenüber 2009.
Firmen werden immer rentabler
Noch stärker als die Umsätze steigen aber die Gewinne. Denn die Unternehmen haben in den vergangenen Monaten restrukturiert und Kosten gesenkt. Fürs Gesamtjahr rechnen Aktienanalysten derzeit damit, dass die Dax-Konzerne nach Abzug von Steuern 50 bis 60 Prozent mehr verdienen als 2009. „Dabei werden die Gewinne allerdings gebremst durch die Ausgaben für die Restrukturierung“, so Commerzbank-Analyst Markus Wallner, „Entlassungen oder Stilllegungen kosten erst einmal Geld.“ Den 50 kleineren Firmen aus dem Börsenindex M-Dax wird 2010 sogar eine Steigerung der Überschüsse von 150 Prozent zugetraut.
Für 2011 glaubt das Gros der Analysten an ein Profit-Plus von über zehn Prozent, die M-Dax-Firmen sollen noch einmal fast ein Drittel mehr verdienen – wenn es nicht zu einer Neuauflage der Krise kommt. „In vielen Branchen wird auch im kommenden Jahr gelten, dass die Umsätze merklich zulegen, die Lohnkosten aber noch nicht mitziehen“, meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Dies wird die Gewinne weiter ordentlich steigen lassen und den Aktienmarkt stützen.“
Dabei dürften die Umsätze weiter deutlich langsamer zulegen als die Gewinne. Das bedeutet: Pro Euro Umsatz bleibt immer mehr als Gewinn bei den Firmen, sie werden rentabler. In Deutschland ist dies ein langjähriger Trend. Lag die Umsatzrendite (Anteil des Gewinns am Umsatz) aller deutschen Unternehmen laut Bundesbank 1997 noch bei 3,4 Prozent, so erreichte sie 2007 ein Rekordhoch von 5,1.
Im zweiten Quartal 2010 schafften Rendite-Stars wie FMC, Merck oder Eon bereits wieder Werte über acht Prozent, Linde, Siemens und Beiersdorf brachten es auf mehr als sieben Prozent.
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