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23. Januar 2013

Siemens Konjunktur: Siemens sucht den Anschluss

 Von Jakob Schlandt
Hightech aus Berlin: Schaufelrad einer Gasturbine, die Siemens in Moabit fertigt.  Foto: dpa/Rainer Jensen

Der Technologie-Konzern wollte wachsen, doch bei der Expansion hat er sich verzettelt. Jetzt muss gespart werden. Die Einnahmen liegen hinter dem angestrebten Ziel. Siemens-Chef Peter Löscher muss sich bei der heutigen Hautversammlung deftige Kritik gefallen lassen.

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Siemens ist Münchens größtes Unternehmen, Berlins größter Arbeitgeber und weltweit Synonym für Spitzentechnik aus Deutschland. Doch wieder einmal wird bei Siemens vieles durcheinandergewirbelt. Vor allem, weil dort nicht ganz so spitzenmäßig verdient wird, wie es die Investoren erwarten und die Führung es anstrebt. Nachdem der Konzern exzellent aus der Krise gekommen war, ist er nun zurückgefallen. Auf der Hauptversammlung am Mittwoch muss sich Peter Löscher, Österreicher und der erste externe Kandidat, der bei Siemens zum Chef gemacht wurde, von den Aktionären deftige Kritik gefallen lassen. Noch zwei erfolglose Jahre, und sein Plan, bei Siemens in Rente zu gehen, endet mit einem Rauswurf.

Löscher hat nach seinem Amtsantritt 2007 erfolgreich ausgemistet, Siemens musste sich noch vom Schmiergeldskandal erholen. Dann drückte Löscher auf die Tube und gab als Ziel aus, pro Jahr mindestens 100 Milliarden Euro einzunehmen, eine Steigerung um fast die Hälfte, wenn man die beschlossene Abspaltung der Licht-Tochter Osram berücksichtigt. Siemens hat sich bei der Expansion Experten zufolge aber verzettelt. Die Gewinnmarge ist gefallen. Und manch Abenteuer wie der Ausflug ins Solargeschäft endete sogar komplett im Desaster.

Stark in Zukunftsbranchen

Löscher, der derzeit auch im wortwörtlichen Sinn in einer Baustelle residiert (die Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz in München wird renoviert) musste im vergangenen Sommer umsteuern: Nicht expandieren, sondern knausern, heißt es jetzt. Sechs Milliarden Euro will der Konzern einsparen. Wolfgang Donies, Analyst der NordLB, sagt dennoch: „Die grundsätzliche Story von Siemens ist intakt.“ Der Konzern sei besonders stark in Zukunftsbranchen wie Gesundheit und Energie und habe auch die nötige Größe und Erfahrung, um seine Position noch auszubauen. Noch besser wäre es freilich, wenn Siemens endlich einmal diese hervorragende Ausgangsposition nutzen würde.

Ein verlorenes Jahrzehnt: Was war der Siemens-Vorstand nicht stolz, als für das Geschäftsjahr 2010/11 eine Umsatzrendite von 12,8 Prozent verkündet werden konnte. Das heißt: Vor Steuern blieben von einem Euro Umsatz 12,8 Cent in der Kasse. Damit war man ganz nah dran am großen US-Konkurrenten GE. 2012 dann der Rückschlag: Trotz ordentlicher Konjunktur sank die Marge auf 9,5 Prozent (netto sogar nur 5,9 Prozent). Der Gewinn enttäuschte deshalb ebenfalls. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. 2013 ist sogar in den Geschäftsbereichen, die im Konzern bleiben, ein Umsatzrückgang möglich, denn die Aufträge lagen zuletzt unter Vorjahresniveau. Den Aktionären gefällt Siemens deshalb zur Zeit überhaupt nicht. Das Zwischenhoch von Anfang 2011 mit einem Kurs von knapp 100 Euro ist in weite Ferne geraten. Siemens liegt sowohl beim Umsatz als auch beim Aktienkurs nur etwas über dem Niveau von 2004. Bald muss man von einem verlorenen Jahrzehnt für Deutschlands Spitzenkonzern sprechen.

Milliardengräber: Ein großer Fehler war es, umfangreiche Garantien beim Bau von Umspannplattformen auf hoher See zu geben. Doch zwei der High-Tech-Anlagen gingen extrem verzögert ans Netz und mussten teuer nachgerüstet werden. Das brockte Siemens rund eine halbe Milliarde Euro Verlust ein. Einen Verlust mit Ansage erlitt Siemens mit dem Solargeschäft, aus dem sich der Konzern nun verabschiedet hat. 259 Millionen Euro mussten auf die israelische Firma Solel abgeschrieben werden, die solarthermische Anlagen bauen sollte. Schon 2009, als Siemens Solel kaufte, war absehbar, dass die Konkurrenz-Technik Photovoltaik drastisch billiger wird und deshalb solarthermische Anlagen massive Konkurrenz bekommen. So ist es auch gekommen, Solel wurde fast zum Totalverlust. Abschreibungen auf das Iran-Geschäft und die Atomkraft-Sparte schlagen ebenfalls zu Buche. Mit etwa 100 Millionen Euro sind die verzögerten Auslieferungen der neuen ICE-Generation in Deutschland dagegen (noch) recht billig. Doch der Image-Schaden ist in diesem Fall sehr hoch.

Hin und Her: Siemens konzentriert sich auf seine vier Kernsparten Energie, Industrie, Infrastruktur & Städte sowie Medizintechnik. Der Anteil der Umwelttechniken am Umsatz nähert sich der 50-Prozent-Schwelle. Siemens ist weltweit stark und kann vom Aufschwung der Schwellenländer profitieren. Schaut man genauer hin, finden sich jedoch zahlreiche ungeordnete Baustellen. Osram, das sparen muss und mit der Umstellung auf LED-Beleuchtung kämpft, soll abgespaltet werden. Doch eigentlich passt die Licht-Tochter gut ins Siemens-Portfolios. In anderen Bereichen geht es mal vor, dann wieder zurück, zum Beispiel in der Medizintechnik. Es wird munter zugekauft, verkauft, umstrukturiert, ohne dass es richtig vorwärts geht.

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