Rund 80 Prozent der Jugendlichen in Sierra Leone stehen ohne Arbeit auf der Straße. Doch selbst in diesem bürgerkriegsgeschädigten Land lassen sich mit wenig Aufwand dauerhafte Stellen schaffen. Dies zeigt in der Hauptstadt Freetown ein Müllabfuhr-Dienst.
Wenn Zainab Bangura frühmorgens ihre Arbeit beginnt, lassen sich die Temperaturen in Freetown noch einigermaßen ertragen. Nachdem die 23-Jährige ihre Arbeitshandschuhe angezogen hat, packt sie eine Schaufel und befördert Haushaltsmüll in einen Metallschubkarren. Er wird später zu einer der 30 Sammelstellen der Hauptstadt gebracht.
Als eine der wenigen Frauen, die in der Abfallentsorgung tätig sind, ist Zainab Bangura Mitglied einer Jugendgruppe, die seit 2006 dem Jugenddachverband Klin Salone angehört und sich an der Reinigung der Stadt Freetown beteiligt.
Noch immer beschwören die letzten Tage des Jahres 2006 bei Zainab Bangura unangenehme Erinnerungen herauf. Nach dem Kollaps des städtischen Abfallentsorgungsdienstes waren auch in ihrem Wohnquartier die Müllberge gewachsen. "Wir befürchteten, im Unrat zu ersticken", erzählt sie. In jenen Tagen musste unverzüglich gehandelt werden. Klin Salone bot seine Mitgliedsgruppen für einen Spontaneinsatz auf und befreite die Stadtbewohner aus der Notlage, welche die Tatenlosigkeit der Staatsbürokratie heraufbeschworen hatte.
Unterstützt durch die für Kooperationsprojekte zuständige deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (Gtz), konnte Klin Salone seine Dienstleistung dem Staat schmackhaft machen.
Klin Salone - der Name steht für Sauberes Sierra Leone - vertritt die Interessen der jungen Hauptstadtbewohner und sucht nach Möglichkeiten, ihnen im öffentlichen und privaten Sektor zu einer Beschäftigung zu verhelfen. Die Organisation hat in erster Linie der grassierenden Arbeitslosigkeit, von der rund 80 Prozent der Jugendlichen betroffen sind, den Kampf angesagt. Gegenwärtig sind 430 Jugendliche damit beauftragt, auf der Grundlage eines Dienstleistungsvertrags mit dem Staatsunternehmen Freetown Waste Management System (FWMS) die Hauptstadt sauber zu halten. Sie beladen an den Sammelorten Lastwagen, die den Abfall zu den Zentraldeponien befördern. Weitere 230 Jugendliche arbeiten ihnen zu. Sie sammeln den Abfall in den Stadtbezirken an fest vereinbarten Tagen und decken ihre Kosten durch Abonnements-Gebühren der Haushalte und Firmen.
Immer am Freitag gegen 10 Uhr ist die Beaconfield-Straße an der Reihe. Auch das Bauunternehmen Kingdom Construction nimmt den Service in Anspruch. "Dass früher die Mülltonnen geleert wurden, war stets reine Glückssache", sagt die Buchhalterin Kentrice Peterson. Jetzt zahlten die Kunden je nach Tonnengröße eine Monatsgebühr und könnten sicher sein, dass die Behälter pünktlich geleert und in Schubkarren zu den Sammelpunkten gebracht würden.
Dass Klin Salone eine schwierige Startphase hatte, will der Müllmann Moses Sandy, früher als Tagelöhner in einem Diamantenbergwerk tätig, nicht verhehlen. Sandy wurde am Anfang von aggressiven Passanten verspottet und sogar angegriffen. "Sie haben gesagt, dass die Müllentsorgung Aufgabe des Staates sei", erzählt er. Die Erkenntnis, dass sie den jungen Leuten und nicht dem Staat saubere Quartiere verdanken, führte mit der Zeit zu einem Stimmungswandel. Man begann, die jungen Leute zu schätzen.
In Sierra Leone herrscht ein enormer Bedarf an dauerhaften Arbeitsplätzen. Ohne berufliche Perspektiven für Jugendliche kann das Land nach einhelliger Meinung die angestrebte Stabilität schwerlich erreichen. Seit Ende des Konflikts ist es der Regierung nicht gelungen, den wirtschaftlichen Wiederaufbau schnell genug voranzubringen. Anleger bleiben aus, da die Investitionsbedingungen unattraktiv sind.
Sierra Leones Infrastruktur ist in weiten Teilen vernichtet. Die meisten Industriebetriebe waren im Krieg beschädigt oder zerstört worden. Nur ein kleiner Teil der Inlandsnachfrage kann durch die einheimische Produktion gedeckt werden, Zugang zu externen Märkten gibt es nicht. Auch die Finanz- und Bankenleistungen sind unzulänglich. Zwar hat sich die Regierung darauf verpflichtet, die Privatwirtschaft zu stärken und der Jugendbeschäftigung die Priorität einzuräumen; unklar ist jedoch, wo sie mit der Arbeit beginnen soll, gibt es doch so gut wie kein umfassendes Datenmaterial über das Wachstumspotenzial dieses Sektors.
Im Dachverband Klin Salone geht es tatsächlich längst nicht nur um Müll. Gerade lässt sich Musa Sesay, der für die Finanzen zuständig ist, Geschäftsprojekte vorstellen. "Frauen, die Lebensmittel verkaufen oder kleine Garküchen betreiben, beantragen bei uns verstärkt Kleinkredite", erklärt er. Gewerbe wie Schneiderei, Tierzucht, Altkleiderhandel und Seifenherstellung können nach Ansicht von Musa Sesay ebenfalls eine beträchtliche Rolle bei der Stellenschaffung übernehmen. Oftmals fehle jedoch das nötige Kapital, um den Kleinstbetrieb zu erweitern, gibt er zu bedenken.
Inzwischen hat Zainab Bangura in Freetown ihre Schicht beendet. Ihrer früheren Schneiderinnentätigkeit, die ihr nur unregelmäßig kärgliche Einkünfte sicherte, weint sie keine Träne nach, seit sie am Monatsende in ihrer Lohntüte umgerechnet 50 Dollar vorfindet. Sie gibt sich optimistisch, dass ihre Beschäftigung als Mitglied der Jugendgruppe gesichert ist.
Die Regierung hat mit der Weltbank einen Vertrag über 2,5 Millionen Dollar für den Müllsektor von Sierra Leone ausgehandelt. Als Gegenleistung wird das FWMS in ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit dem Namen Freetown Waste Management Company umgewandelt. Dessen Partner bleibt der Dachverband Klin Salone mit seinen jugendlichen Müllmännern und -frauen.
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