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Solidarität gegen Conti: Hilfe, die Franzosen kommen - zu spät

Franzosen im Arbeitskampf fackeln nicht, wenn es um Jobs geht. 1300 Arbeiter aus Clairoix wollen deutsche Kollegen im Protest gegen die Pläne des Autozulieferers Continental unterstützen. Doch das geht erst mal schief. Von Tobias Schwab

Frustrierte Arbeiter von Continental hinterlassen in Clairoix einen Scherbenhaufen.
Frustrierte Arbeiter von Continental hinterlassen in Clairoix einen Scherbenhaufen.
Foto: rtr

Die Lektion der französischen Kollegen in Sachen Protest ging ein wenig daneben: Mehrere hundert Beschäftigte von Continental haben vor der Hauptversammlung des Unternehmens gegen die geplanten Werksschließungen protestiert. An der Demonstration wollten auch 1200 französische Conti-Arbeiter teilnehmen, die nach randale-artigen Protesten in einer Regionalverwaltung bei Paris mit einem Sonderzug nach Hannover anreisten. Doch ihr Zug kam verspätet an.

Der Protest richtet sich gegen die Schließung von Conti-Reifen-Werken am Stammsitz Hannover und im nordfranzösischen Clairoix. Franzosen im Arbeitskampf fackeln nicht lange, wenn es um ihre Jobs geht. Topmanager von Firmen wie Sony, Caterpillar, Scapa und 3M bekamen das in den vergangenen Wochen schon zu spüren. Beschäftigte nahmen die Chefs in Geiselhaft, um Zugeständnisse zu erzwingen. Dennoch geht die Polizei in Hannover von einer friedlichen Veranstaltung aus.

Siemens-Belegschaft wehrt sich

Der Betriebsfrieden bei Siemens wird in der Wirtschaftskrise auf die Probe gestellt. Konzernchef Peter Löscher müsse die Gewinnziele angesichts globaler Rezession auf ein realistisches Niveau korrigieren, das Personal bei strategischen Investitionen mitreden lassen und dem Primat des Shareholder Value-Gedankens abschwören, forderten Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler und seine Stellvertreterin Birgit Steinborn in München. Zur Durchsetzung dieser Ziele "ist Konfrontationsbereitschaft da", stellte Steinborn klar.

Hintergrund des Aufbegehrens ist die auch bei Siemens immer mehr um sich greifende Kurzarbeit. "Die Geschwindigkeit der Beschäftigungs- einbrüche ist dramatisch", sagt Steinborn. Für rund 20.000 der hierzulande 130.000 Siemensianer sei Kurzarbeit schon am Laufen oder fest vereinbart. Das hat auch Siemens- Personalchef Siegfried Russwurm eingeräumt. Schon von Juni an werde wegen fehlender Aufträge gut jeder siebte Siemensianer kurzarbeiten. Betriebsrätin Steinborn fürchtet für Ende des Jahres zusätzliche Kurzarbeit.

Entlassungen seien zwar vertraglich bis September 2010 ausgeschlossen. Das heiße allerdings nicht, dass niemand zum "freiwilligen" Weggang bewogen und frei werdende Stellen nicht mehr besetzt würden. "Siemens wird seit Jahren zunehmend an den Interessen kurzfristiger Aktien- spekulation ausgerichtet", kritisiert Betriebsrat Adler. Das müsse sich gründlich ändern. Er und Steinborn wollen für die Dauer der Krise unter anderem ein Verbot von Überstunden durchsetzen und neue Möglichkeiten von Teilzeitarbeit schaffen. Siemens spielt in Deutschland eine wichtige Rolle, dortige Veränderungen sind immer auch ein Fingerzeig für die deutsche Wirtschaft insgesamt. tma

Auch bei Conti-Arbeitern ist die Wut groß. Der Autozulieferer will zum Jahresende nicht nur die Reifenproduktion in Hannover-Stöcken einstellen, sondern auch das nordfranzösische Werk Clairoix dicht machen. "Finanzgangster" schimpfte der französische Gewerkschaftsführer Pierre Rubeck die Conti-Manager deshalb. Der Vorstand führe einen "sozialen Krieg" gegen die Beschäftigten. Die suchten in den vergangenen Wochen ihren eigenen Ausdruck. Zunächst blockierten sie Werkstore, dann flogen Eier auf Chefs, schließlich brannten Reifen.

Und am Dienstag erst machten sich wütende Beschäftigte über den Begrüßungspavillon ihres Werkes her, nachdem sie zuvor das Gebäude der Regionalverwaltung in Compiegne gestürmt und Büros verwüstet hatten. Auslöser war ein Gerichtsentscheid, nach dem Conti das Werk Clairoix mit 1120 Arbeitsplätzen schließen darf. Die Gewerkschaften wollten das gerichtlich verhindern und führten an, Conti habe sich nicht an frühere Absprachen gehalten.

Internationaler Protest bei Continental in Hannover

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"Continental stürzt unsere Familien ins Elend. Wir sind jetzt keine Schafe mehr, sondern Löwen", warnte Gewerkschafter Xavier Mathieu. Der deutschen Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE), die zur heutigen Demo vor der Conti-Hauptversammlung aufgerufen hat, imponiert das Gebrüll ganz und gar nicht. "Das ist nicht unser Stil", sagt IG BCE-Sprecher Rudi Heim. "Wir wollen die Aktionäre mit Argumenten überzeugen."

Angst, die Franzosen könnten vor dem Hannover Congress Centrum (HCC) eigene Protestformen entfalten, plagt die IG BCE nicht. "Wir gehen von einer friedlichen Kundgebung aus", betont Heim, der insgesamt 3000 Teilnehmer erwartet. Kollege Rubeck habe bei der Euro-Betriebsratssitzung versichert, dass sich die Franzosen an die "deutschen Gepflogenheiten und Regeln" halten wollten.

Martina Stern, Sprecherin des Polizeipräsidiums der niedersächsischen Landeshauptstadt, weiß nun auch, was "Vermummungsverbot" auf Französisch heißt. Denn frankophil will die Polizei die "Gäste" begrüßen. Sie hat die Grundzüge des deutschen Demonstrationsrechtes übersetzen und auf ein Infoblatt drucken lassen. "Das überreichen wir ihnen freundlich am Bahnsteig", sagt Stern. Mehr will sie zur polizeilichen Strategie nicht verraten. Nur soviel noch: "Wir sind präsent, unübersehbar, und auf alle Eventualitäten vorbereitet."

Continental selbst sieht dem Protest der Beschäftigten gelassen entgegen. "Der findet auf einem öffentlichen Platz statt, da ist die Polizei zuständig", sagt Unternehmenssprecherin Antje Lewe. "Und in die Hauptversammlung kommen nur Aktionäre rein." Dafür sorgt die Security. Die immerhin lässt Conti die aus gegebenem Anlass in größerer Mannstärke an den Eingängen des Congress Center aufziehen. Draußen, glaubt Lewe indes, würden sich die Franzosen bestimmt etwas Besonderes einfallen lassen. "Die haben doch eine andere Demonstrationskultur."

Ein bisschen immerhin will sich die IG BCE auf französische Lebensart einlassen und alle Teilnehmer heute früh mit Kaffee und frischen Croissants versorgen - bevor die Kundgebung unter dem Motto "Der Name verpflichtet. Wir sind Conti" beginnt. "Dann werden wir Solidarität beweisen und zeigen, dass wir uns nicht auseinander dividieren lassen", sagt Heim. Mehr nicht. Denn nach acht Stunden Zugfahrt und zwei Kilometer Fußmarsch HCC seien die Franzosen doch auch bestimmt schon erschöpft und abgekämpft. (mit dpa)

Autor:  TOBIAS SCHWAB
Datum:  23 | 4 | 2009
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