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Sonnenstrom: Zu hochgerechnet

Das DIW zweifelt an den berühmten 77 Milliarden Euro Kosten für den Solarstrom. Die Zahl erscheint den Forschern viel zu hoch. Wie kommt's? Von Oliver Ristau

Wie teuer die Förderung von Solarenergie die Bürger in Zukunft zu stehen kommt, ist heftig umstritten.
Wie teuer die Förderung von Solarenergie die Bürger in Zukunft zu stehen kommt, ist heftig umstritten.
Foto: dpa

Die Zahl ist gewaltig: 77 Milliarden Euro sollen die Verbraucher innerhalb der kommenden 25 Jahre angeblich für die Förderung des Sonnenstroms bezahlen. Das hat zumindest das RWI-Institut aus Essen ausgerechnet und publiziert. Seit Wochen wird über die Zukunft der Solarbranche zwischen Managern, Verbraucherschützern und Politikern gestritten - die ganze Debatte basiert auf den 77 Milliarden. Doch Experten haben massive Zweifel an der Verlässlichkeit dieser Berechnungen.

"Diese Zahlen sind viel zu hoch", sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Energieabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der Frankfurter Rundschau. "Wir erwarten über den Gesamtzeitraum Ausgaben von maximal 50 Milliarden Euro." Das entspräche einem Betrag von im Durchschnitt zwei Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Die 2018 auslaufenden Beihilfen für die Steinkohle liegen jährlich mit 2,2 Milliarden Euro immer noch darüber.

Förderung der Sonnenenergie

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gewährt Betreibern von Solaran-lage eine Vergütung, die für 20 Jahre

gezahlt und auf alle Stromkunden umgelegt wird. Sie beträgt aktuell für große Anlagen 33 Cent und für Standard-Dachanlagen 43 Cent je Kilowattstunde

Die Vergütungen für Neuanlagen werden jährlich um acht bis zehn Prozent gesenkt, so dass 2010 solare Großkraftwerke mit 29,7 Cent und Dachanlagen mit 39,6 Cent gefördert werden. Mit der jährlichen Absenkung soll Solarstrom wettbewerbsfähig gemacht werden, da Produzenten mit Preisnachlässen nachziehen müssen.

Spätestens 2015 soll der Sonnenstrom laut Umweltministerium nicht mehr teurer als Haushaltsstrom sein. Wenn die Vergütungen rascher gesenkt werden, könnte das noch schneller geschehen.

Die Kostenentwicklung für die Solarenergie ist aber nicht linear. Die Beträge werden in den kommenden Jahren zunächst ansteigen, weil die Zahl der langfristig geförderten Solaranlagen wächst.

Dem DIW zufolge ist 2013 etwa mit rund vier Milliarden Euro zu rechnen nach 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. 2015 sinken die Belastungen aber wieder merklich, weil immer mehr Solarkraftwerke aus der Förderung hinausfallen und neue, wettbewerbsfähige Kraftwerke nicht mehr auf die Subvention angewiesen sind.

Das DIW stützt seine Aussagen auf Prognosen der deutschen Stromnetzbetreiber - und die gelten als eher kritisch gegenüber der Solarbranche. Sie erwarten einen jährlichen Zuwachs von rund 1000 Megawatt Leistung in Deutschland bis 2015. Das deckt sich in etwa mit den Annahmen des Bundesumweltministeriums, das mit einer Zunahme von 1200 Megawatt pro Jahr rechnet.

Nach Meinung des RWI sind diese Prognosen aber viel zu konservativ. Das Institut rechnet mit dem Doppelten bis Dreifachen. 2013 sollen demnach 3150 Megawatt neu in Deutschland installiert werden. Das wären allein in jenem Jahr mehr als alle bis Ende 2007 errichteten Solarkraftwerke in Deutschland zusammen. Auch die aktuelle Wirtschaftskrise wirke sich nicht dämpfend auf die Branche aus, begründet Manuel Frondel, Chef der Energieabteilung beim RWI, seinen Optimismus. Gegenüber der Frankfurter Rundschau kündigte er aber an, "die Berechnungen anzupassen", wenn es anders komme.

Doch die Kritik entzündet sich auch daran, dass Frondels Team entlastende Faktoren offenbar viel zu gering bewertet. Denn durch die Erzeugung von Solarstrom werden Kosten für die Produktion und den Transport von Strom aus Kohle- und Kernkraftwerken vermieden.

So setzt das RWI die Kosten für den eingesparten Strom in 2009 mit 5,2 Cent pro Kilowattstunde an. Diese werden gegen die Vergütungen von 43 Cent pro Kilowattstunde verrechnet, die für die Einspeisung von Solarstrom aus Standardanlagen 2009 gezahlt werden. Das Ergebnis wird mit der erwarteten Solarstrommenge multipliziert, so dass das RWI für alle Anlagen, die 2009 an das Netz gehen, eine Belastung von 600 Millionen Euro errechnet.

Tatsächlich aber ist die Belastung geringer. An der Börse müssen für Strom zu Spitzenverbrauchszeiten nicht 5,2 sondern 7 Cent bezahlt werden. Allein dadurch würde die RWI-Rechnung schon um 30 Millionen Euro geringer ausfallen. Keine Berücksichtigung finden zudem die vermiedenen Netzgebühren. Denn dort, wo der Solarstrom eingespeist wird, wird er derzeit in der Regel auch verbraucht. Dafür muss kein Strom aus fernen Kraftwerken beschafft werden. Entsprechend spart Solarstrom die Kosten für den Netztransport. Die Netzbetreiber gehen für dieses Jahr von Ersparnissen in Höhe von 45 Millionen Euro aus.

Außerdem lässt das RWI unberücksichtigt, dass nicht alle neuen Solaranlagen mit der Maximalvergütung bezahlt werden. Große Anlagen, die mindestens zehn Prozent des Marktes ausmachen, erhalten ein Drittel weniger. Die Beispiele zeigen, wie wichtig die Berechnungsmethode für die Abschätzung der Gesamtkosten ist. Jeder zusätzliche Cent summiert sich angesichts vieler Milliarden Kilowattstunden zu riesigen Summen.

Autor:  Oliver Ristau
Datum:  27 | 8 | 2009
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