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01. Juni 2012

Spielothek Merkur-Gründer: "Die Parteien rufen an und wollen Geld"

Paul Gauselmann ist der "Automatenkönig". Foto: ddp

Paul Gauselmann hat es als „Automatenkönig“ zum Milliardär gebracht. Im Interview spricht er über seinen Aufstieg, Spielsucht und das Verhältnis zu Justiz und Politik.

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Ausgesprochen höflich, exzellent in Samt und Seide gekleidet: Ein sehr feiner älterer Herr ist Paul Gauselmann, der Automatenkönig. Vielleicht hat das kompensatorische Gründe, schließlich steht das Gewerbe, mit dem er es zum Milliardär brachte, nicht im besten Ruf. Trotz der harten Kritik, die ihm so oft entgegenschlägt, scheint er mit sich im Reinen zu sein. Und der 77-Jährige möchte, dass die Welt das weiß. „Ich bin nicht schlechter als andere“, sagt er im Interview. Bevor der Fotograf Bilder macht, steckt er sich den kleinen Pin seines Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse an, das ihm 2003 auf Vorschlag des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement für sein soziales Engagement verliehen wurde. Seine Gegner, die Geldspielautomaten für hochgradig spielsüchtig machend halten, sind mit dieser Auszeichnung natürlich überhaupt nicht einverstanden.

Herr Gauselmann, eines Ihrer Lieblingsspiele ist Schach. Da ist das Glück außen vor. Misstrauen Sie dem Glück?
Ach wo. Ich schätze das Spiel, das stimmt. Aber ich mag Zufallsspiele auch. Jeden Abend spiele ich ein paar Runden Backgammon gegen den Computer. Da vergisst man den ganzen Quatsch um sich herum und kann abschalten.

Wer gewinnt bei Ihren einsamen Duellen?
Ich, meistens jedenfalls.

Sie sind bekannt als der Automatenkönig Deutschlands, wahlweise auch Automatenpapst oder Daddelkönig. Wie sind Sie zum Geschäft mit Spielautomaten gekommen?
Durch, Sie ahnen es, das Glück oder den Zufall, wie man es sieht. 1956 bin ich als Techniker zu einer Firma gewechselt, die amerikanische Wurlitzer-Musikboxen importierte. Die haben mir das doppelte Gehalt geboten, ich war 22 und hatte zwei Kinder. Spiele habe ich schon immer geliebt.

Schließlich haben Sie sich selbstständig gemacht und eigene Automaten entwickelt.
Ich habe so ein Anführer-Gen. Vielleicht, weil ich bei meiner Tante und meinem Onkel groß geworden bin, als einziger unter meinen Geschwistern. Ich hatte deshalb immer den Wunsch zu beweisen, was in mir steckt. Meine Tante hat gesagt: Du musst der Beste sein. Daran habe ich mich gehalten. Der eigene Geldspielautomat ist eigentlich nur aus der Not heraus entstanden. Ich habe 1972 etwas gegen einen Hersteller gesagt, der einen sehr erfolgreichen Automaten im Programm hatte, den ich unbedingt auch haben wollte. Da hat er mich als Kunden gesperrt, das war ein schwerer Schlag. Ich habe mir geschworen: Das passiert mir nie wieder. Und so habe ich mich entschieden, meine eigenen Spielautomaten zu entwickeln. 1976 ist der Merkur B erschienen, das war der Durchbruch.

Im Spielautomaten-Paradies: Ein Mitarbeiter der Gauselmann AG montiert Spielmaschinen.
Im Spielautomaten-Paradies: Ein Mitarbeiter der Gauselmann AG montiert Spielmaschinen.
Foto: dpa/dpaweb

Der Staat bestimmt, welche Glücksspiele erlaubt sind. Und damit auch, ob und wie viel Sie verdienen können. Haben Sie auch in diesem Fall entschieden, mit Lobby-Arbeit Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?
Da muss ich ein bisschen zurückgreifen. 1953 gab es auch schon Gewinnspielautomaten. Die beliebtesten hießen damals Lohntütenschlucker. Ein Spiel kostete einen Groschen, der Gewinn war eine Mark. Das klingt nach wenig. Aber man verlor im Schnitt acht Stundenlöhne in einer Stunde – das ist viel! Heute liegt der Aufwand bei einem halben durchschnittlichen Stundenlohn pro Stunde. Also: Damals wollte der Innenminister das ganze Automatenspiel wieder abzuschaffen. Und die Branche sagte ob der Bedrängnis: Wir machen ein Angebot und beschränken uns auf zwei Geräte pro Raum. Damit war die Spielhalle tot. Automaten gab es nur noch in Kneipen.

Sie haben die Spielhalle mehr als 20 Jahre später wiederbelebt.
Ich dachte mir: Wenn man das fein macht, auf dem Niveau eines Drei- bis Vier-Sterne-Hotels, dann wird das auch akzeptiert. Juristisch möglich gemacht hat es der Kniff, einfach Trennwände zwischen den Geräten aufzustellen, so entstanden mehrere juristische Räume in einem tatsächlich vorhandenen. Zwischen 1974 und 1984 haben wir deshalb unendlich viel prozessiert. Schließlich wurden die Räume mit zehn Geräten vom Bundesverwaltungsgericht erlaubt, weil die sich die staatlichen Spielkasinos angeschaut haben und feststellten: Dort gibt es Säle mit über 100 Automaten, das ist Ungleichbehandlung.

Trennwände, Prozesse und juristische Finten: Das hat Ihnen immer wieder den Vorwurf eingebracht, ein Trickser zu sein, der sein Geschäft ohne große Rücksicht verfolgt.
Die ganze Evolution funktioniert so. Neue Ideen haben immer viele Gegner, bevor sie zur Normalität werden. Ja, ich habe darauf hingearbeitet, dass Gesetze geändert wurden. Das stimmt. Aber ich stehe zum Zufallsspiel und halte es nicht für etwas Schlechtes, sondern für ein Vergnügen. Fast alle unsere Kunden haben nichts mit Spielsucht zu tun, sondern unterhalten sich gut bei uns.

Zur Person

Paul Gauselmann, Jahrgang 1934, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. 1957 beschließt der gelernte Fernmelderevisor, nebenbei Automaten auf eigene Rechnung aufzustellen, 1964 macht er sich endgültig selbstständig.

Zocker-Imperium: 1977 gelingt ihm der Durchbruch mit einem selbst entwickelten Geldspielgerät. Die Gauselmann-Gruppe expandiert rasend und ist innerhalb weniger Jahre nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa Branchenführer. Auch heute noch sind Bau und Entwicklung von Automaten wichtigstes Geschäft der Gruppe, das Unternehmen betreibt aber auch zahlreiche Spielhallen.

Mitarbeiter: Gauselmann leitet seine Firma als Vorstandschef immer noch selbst, die Söhne haben aber wichtige Aufgaben übernommen. Neben dem Automaten- und Spielhallengeschäft investiert das Unternehmen inzwischen stark ins Internet. Insgesamt arbeiten 6300 Mitarbeiter für den Konzern. Sitz ist das westfälische Espelkamp.

Die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland reicht Schätzungen zufolge von 100.000 bis zum Vielfachen. Automaten gelten als Suchtrisiko Nummer eins. Basiert Ihr Geschäft auf dem Schaden Ihrer Kunden?
Wir bezweifeln, dass das Automatenspiel das Hauptproblem ist. Bleiben wir mal bei den staatlichen Studien, die nicht von uns in Auftrag gegeben wurden. 2007 kam eine vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Studie auf gut 100000 Spielsüchtige, davon 30 Prozent bei uns, 13 Prozent bei Lotto, der Rest bei den anderen. Lotto und wir machen aber 80 Prozent des Umsatzes. Pro umgesetztem Euro verursachen wir nach Lotto die geringsten Probleme.

Andere Studien kommen zu dramatischeren Ergebnissen. Die Uniklinik Würzburg behauptet, dass die Glücksspielindustrie 56 Prozent ihrer Umsätze mit Suchtkranken mache. Fakt bleibt in jedem Fall: Sie leben auch von Spielsüchtigen, die ebenso in ihrem Umfeld hohe soziale Schäden anrichten.
Aber das Ausmaß ist nur sehr gering. Der Schaden durch Alkohol ist jährlich etwa 100 Mal so hoch. Was ich ja zugebe: Es gibt einige erwachsene Menschen, die dauerhaft die Kontrolle verlieren. Aber die machen nur einen Bruchteil unserer Kunden aus. Glauben Sie mir: Uns ist daran gelegen, pathologisches Spielen zu reduzieren, weil es auch nicht gut für unser Ansehen ist. Und wir tun auch viel dagegen.

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