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Spitzelaffäre: Der Staat im Staate Telekom

Wie eine republikweit vernetzte Abteilung durchdrehte -und dem Konzern seinen größten Skandal bescherte.

Überwachungskameras sind vor der Zentrale der Deutschen Telekom.
Überwachungskameras sind vor der Zentrale der Deutschen Telekom.
Foto: ap

Mit aller Macht will die Telekom im größten Skandal ihrer Geschichte den Eindruck vermeiden, die Bespitzelungen und der Datenmissbrauch seien von höchster Stelle angeordnet worden. Ron Sommer, Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel hätten zwar nach undichten Stellen suchen lassen, solche Methoden aber niemals gebilligt, heißt es.

Schuld sei die Abteilung Konzernsicherheit. Ein finsterer Staat im Staate Telekom, mit Hunderten früheren Mitarbeitern aus Polizei, Geheimdienst und Bundeswehr. Informell vernetzt mit den Späh-Abteilungen anderer Großunternehmen im ganzen Land. Mächtig, undurchschaubar und autonom soll die Abteilung Sicherheit im zerklüfteten Reich der Telekom gewesen sein, in dem sich die verschiedenen Sparten erbitterte Machtkämpfe lieferten.

"Für mich war die Abteilung eine black-box", sagt der frühere Kommunikations-Chef der Telekom, Jürgen Kindervater. "Experten aus den höchsten Ebenen der Geheimdienste" seien "mit ihren Praktiken" dabei gewesen. "Wo die saßen, wer sie waren, wusste ich nicht", sagt Kindervater. "Vielleicht dachten sie, nur sich selbst Rechenschaft schuldig zu sein."

Mt dem Auftrag "stopft die Löcher" seien die Spezialisten für heikle Missionen dann "losgerannt" um bald selbsttätig Daten auszuspähen, Personen zu überwachen und dabei Gesetze zu brechen, glaubt Kindervater. "Es ist für mich unvorstellbar, dass Ricke und Sommer solche Praktiken geduldet haben könnten", so der Telekom-Veteran. "Die waren doch nicht lebensmüde!"

Geriet die Sicherheitsabteilung außer Kontrolle? Verselbstständigte sich der Auftrag des Konzerns, Betriebsgeheimnisse zu schützen, zur paranoiden Spähwut einer entfesselten Truppe von Ex-Geheimdienstlern? Wie Soldaten seien sie oft in anderen Abteilungen aufgetreten und hätten in herrscherischem Ton Informationen verlangt, heißt es aus Konzernkreisen.

Personenschutz, Spionageabwehr, Gefährdungsanalysen - um den Geschäftsauftrag der Sicherheitsabteilung zu beschreiben, braucht die Telekom viele Seiten Papier, die der FR vorliegen. Fast grenzenlos scheinen die Befugnisse und Aufgaben der Abteilung, weitreichend auch die Angst vor deren Methoden zu sein.

"Für Telefonate mit dem Vorstand empfehle ich Ihnen, diese nur zu tätigen, wenn auf keiner Seite Bodyguards in der Nähe sind, da diese regelmäßig von der Konzernsicherheit nicht nur in Bezug auf die Trink- und Fortpflanzungsgewohnheiten der Vorstände, sondern auch bezüglich interessanter Gespräche und Telefonate abgeschöpft werden", so der Geschäftsführer der Firma Network in einem Schreiben, das der FR vorliegt.

Wer bei der Telekom mit Journalisten telefonierte, sei sofort in den Verdacht des Verrats von Betriebsgeheimnissen gekommen, heißt es aus dem Konzern. "Mit einer derartigen Denkweise hat die Stasi auch funktioniert. Da wurden Menschen schon unter Generalverdacht gestellt, wenn sie Westkontakte hatten."

Die vielfältigen Kontakte der Sicherheitsabteilung kommen dagegen erst langsam ans Licht. Nach FR-Recherchen war etwa der frühere Chef der Abteilung, Harald Steininger, zuvor beim Bundeskriminalamt Wiesbaden, bei der Deutschen Bank und bei der Softwarefirma SAP tätig. Man kennt sich eben in der Branche. Am 7. Februar 2006 traf Steininger etwa auf seinen Kollegen Thomas Menk von Daimler-Chrysler, der früher beim Verfassungsschutz tätig war. Mit weiteren Sicherheits-Chefs von Airbus bis Allianz, referierte man in Frankfurt am Main gemeinsam zum Thema "Unternehmensrisiko Korruption - vorbeugen, aufdecken, bekämpfen".

"Handeln Sie jetzt!" hieß in der Einladung des Handelsblatts, das die Konferenz organisierte. Bei der Telekom war man da schon weiter. Einen Auftrag von Oben habe er für seine Aktionen nicht gebraucht, sagte Hans-Jürgen Knoke, der von 1998 bis 2004 oberster Telekom-Späher war, vor wenigen Tagen noch erstaunlich selbstbewusst: "Ich war der Chef der Konzernsicherheit", so Knoke in Spiegel-TV.

Dass Indiskretionen den Vorstand ärgern, sei doch "arschklar". Was daraus für ein Auftrag abzuleiten war, für Knoke wohl auch. "Wir nehmen an, dass sich das kriminelle Verhalten vorrangig gegen die Arbeitnehmergruppe im Aufsichtsrat gerichtet hat", heißt es in einem internen Verdi-Papier, das am Donnerstag an die Vertrauensleute geschickt wurde und der FR vorliegt.

"Man fragt sich nach den moralischen Zuständen in einem Konzern, in dem es zum Alltag gehört, dass Beschäftigte mit Lohnsenkung, Streikende mit Entlassung und jetzt wahrscheinlich Aufsichtsräte mit Bespitzelung bedroht sind", heißt es weiter. Die Telekom habe wahrscheinlich Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, Mitbestimmungsrechte, das Fernmeldegeheimnis und das Presserecht verletzt.

Autor:  Matthias Thieme
Datum:  6 | 6 | 2008
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