Aktuell: US-Wahl | Türkei | Olympische Spiele | Brexit
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

23. Februar 2009

Sprecher des BUND Rüdiger Rosenthal: Wann baut Porsche Windparks?

Rüdiger Rosenthal, BUND Pressesprecher, äußert sich zur Zukunft der Autoindustrie.  Foto: BUND

Rüdiger Rosenthal, Sprecher des BUND, über das Klima- und Imageproblem von Luxuswagen in Städten, innovative Geschäftsfelder und die Zukunft der Autoindustrie.

Drucken per Mail
Mehr zum Thema

In einem FR-Schwerpunkt hat sich Porsche-Chef Wendelin Wiedeking am 19.2. 2009 über die Zukunft der Autoindustrie geäußert. Rüdiger Rosenthal, Sprecher des BUND antwortet ihm im folgenden Gastbeitrag.

Die Autoindustrie steckt in der Krise. Wie sie da herauskommen wird, ist unklar. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking erkennt bereits Schadenfreude bei den von ihm titulierten "ÖkoAposteln". Zugleich glaubt er fest daran, die Zukunft der deutschen Hersteller liege im Bau von Autos wie dem Porsche 911, dem Panamera oder Cayenne.

Andere Vorstellungen folgten einer "nicht zielführenden Umweltideologie" und im Übrigen sollte man eher die Bewohner großer Häuser anprangern als die Käufer mobiler Spritfresser.

Nun hat es ein Autoboss, der Porsche-Fahrzeuge verkauft und dafür jeden dritten Arbeitstag eine Million Euro mehr auf dem Konto hat, nicht unbedingt nötig, an das Klima zu denken, das Schicksal seiner Angestellten (und das von deren Kindern, die ja vielleicht auch noch was von den Ölressourcen gebrauchen könnten) sollte er jedoch im Auge haben.

Und Luxus- und Geländewagen sind inzwischen nicht nur ein Klima-Problem, sie sind längst zu einem Imageproblem ihrer FahrerInnen geworden. Es wird zunehmend "igitt", diese Dickschiffe durch Städte und Dörfer zu lenken. Trendsetter sind hier Hollywood-Stars, die aus Sparmobilen heraus den roten Teppich betreten.

An Porsches Wesen wird die Auto-Welt sicher nicht genesen und die Mehrheit der Arbeitsplätze in der Autoindustrie hängt weitaus stärker an effizienten Mobilen statt an Nischen-Boliden. Sollte sich nun eine Umweltorganisation wie der BUND über die Autokrise freuen oder nicht?

Natürlich freuen wir uns, wenn die Autohersteller auf klimaschädlichen Spritfressern sitzenbleiben, auch wenn das hart für das Unternehmen und vor allem für seine Arbeitnehmer ist. Der Markt bestraft nun mal jene, die an ihm vorbei produzieren.

Lieber wäre uns jedoch gewesen, es wäre nicht zu diesen blechernen Autohalden gekommen, die Automanager hätten die jahrzehntelangen Warnungen der Umweltschützer ernst genommen und sich in den verschiedenen Phasen der automobilen Entwicklung nicht jedes Mal treiben lassen müssen, weil sie viel zu lange an ihren überholten Denkmustern festhielten.

Das war so beim Bleiverbot im Benzin, bei der Einführung des Katalysators und der Entschwefelung des Sprits, bei Rußpartikelfiltern und bei Hybridfahrzeugen. Dieses Verhalten musste Folgen haben: Eine selbstverliebte Manager-Elite, die sich am liebsten mit schönen Models vor glänzenden Motorhauben in Szene setzen lässt, darf nicht länger politisch " gepampert " werden.

Diese Herren sind dafür verantwortlich, dass Milliarden in die Steigerung der Motorenleistungen gesteckt wurden und Peanuts in die Entwicklung effizienterer Fahrzeuge. Das war nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und in Bezug auf die Arbeitsplätze fatal.

Auch die Politik muss sich fragen lassen, wie lange sie noch den Bremsern des ökologischen Strukturwandels auf den Leim gehen will. Matthias Wissmann, oberster Autolobbyist und Chef des Verbands der Automobilindustrie (VDA) gehört nicht auf den Schoß einer Klimakanzlerin. Zu den Chefetagen der Industrie hat die Politik Distanz zu halten. Tut sie das nicht, trägt sie an deren Fehlorientierungen ein hohes Maß an Mitverantwortung.

Auffällig ist auch, dass neben dem Bankensektor den Stützungsmaßnahmen für Autohersteller überall auf der Welt besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Historisch gewachsen spielt die deutsche Autoindustrie eine entscheidende Rolle und beeinflusst die Strategien aller anderen Hersteller nicht unwesentlich.

Was könnte den nun anstehenden Strukturwandel befördern? Neben den kurzatmigen Versuchen, einzelnen Firmen aus der Patsche zu helfen, muss die Politik endlich klare Vorgaben machen. Ein schnellstmöglich zu erreichender Flottendurchschnitt der in Europa hergestellten und verkauften Pkw von 90 Gramm C02 pro Kilometer und weniger gehört dazu.

Die Kfz-Steuer muss in einem nächsten Schritt rein CO2-bezogen erhoben und mit zusätzlichen Schadstoffkomponenten (Stickoxide, Rußpartikel) ausgestattet werden. Anstatt wie mit den Konjunkturpaketen geschehen, ein Sammelsurium (auch parteipolitisch motivierter) wirtschaftlicher Partikularinteressen zu bedienen, muss den Ursachen der Krise nachgegangen und entsprechend gegengesteuert werden.

Dem rückwärtsgewandten Bewahrungsmantra von den Autoherstellern lobbyierter (Regional-)Politiker darf nicht quasi gesetzmäßig gefolgt und es müssen Strategien jenseits der herkömmlichen Produktionsmuster gesucht werden.

Die Autohersteller sollten politisch gedrängt werden, ihre Produktionen in innovative Geschäftsfelder zu diversifizieren. Wenn sie denn Elektromobile verkaufen wollen, dann sollten sie auch den Strom dafür umweltfreundlich erzeugen und in den erneuerbaren Energiesektor einsteigen.

Im Brandenburgischen baut ein Windkraft-Ingenieur Sparautos, die zwei Liter Diesel auf hundert Kilometer verbrauchen. Solar-World wollte Opel kaufen, warum kauft Porsche nicht einen Windanlagenhersteller? Feigenblatt-Entwicklungen wie Brennstoffzellen oder Wasserstofftechnologien gehören ebenfalls auf den Prüfstand.

Und es ist zu fragen, was können und sollten Autokonzerne leisten, um den öffentlichen Personen- und Güterverkehr zu modernisieren und die Verlagerung von Verkehrsströmen auf die Bahn und die Regionalisierung von Warenkreisläufen zu befördern? Oder gibt es Aufgabenfelder , die sie im Zusammenhang mit der Optimierung des europäische n Schienenverkehrs erschließen könnten?

Untersucht man das Verfehlen der Selbstverpflichtung der Autohersteller aus dem Jahr 1998 zur Minderung der CO2-Emissionen auf den Durchschnitt von 120 Gramm pro Kilometer bis 2008, dann wird daraus die Unzulänglichkeit rein marktwirtschaftlicher Instrumente erkennbar.

Eine der Ursachen könnte im generellen Widerspruch zwischen ökologischen Zielen und einer erfolgreich wirtschaftenden Autoindustrie liegen. Eine andere in der (gewollten) Verabschiedung der Politik aus diesem Terrain.

Warum aber kann zum Beispiel der Rat für Nachhaltigkeit oder der Umweltrat der Bundesregierung den Aufsichtsräten nicht Zielsetzungen vorgeben, bei deren Verfehlung auch Sanktionen vorzuschlagen sind?

Ebenso sollten auch Empfehlungen zu alternativen Antrieben oder Kraftstoffen ausgesprochen werden, dann wäre vermutlich ein Desaster wie das bei den Beimischungsquoten für Biokraftstoffe vermeidbar gewesen.

Die Autoindustrie braucht den Strukturwandel. Als die Chefs von General Motors, Ford und Chrysler Ende vorigen Jahres in einem denkwürdigen Auftritt vor dem amerikanischen Kongress 25 Milliarden Dollar forderten, um ihre Firmen vor der Pleite zu retten, kommentierte ein Beobachter süffisant: "Sie fliegen mit dem Privatjet ein und steigen mit der Sammelbüchse aus".

Auch deutsche Automanager versuchen, die Probleme der Branche als reine Folge der Finanzkrise darzustellen und ihre Verantwortung an der Auto-Absatzkrise herunter zu spielen.

Noch immer blenden sie zunehmende Ressourcenknappheit, steigende Spritpreise und horrende Umweltfolgekosten aus. Wenn sich das nicht ändert, werden sich auch in Zukunft neue Fahrzeuge in den Autohäusern stapeln - weltweit und hierzulande.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Konflikte

Der Geist von Olympia

Von  |

Was Unternehmen vom IOC lernen können Mehr...

Frauenrechte

Hillary allein macht es nicht

Von Signe Moe |

Auch mit einem Sieg der Demokratin bei den US-Wahlen wäre der Feminismus nicht am Ziel Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen