Die Autofahrer müssen sich auf steigende Spritpreise im nächsten Jahr einstellen. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, geht davon aus, dass Benzin und Diesel schon im ersten Halbjahr teurer werden. "Ich rechne damit, dass Superkraftstoff im Mai oder Juni 2009 etwa 1,20 Euro kosten wird", sagte er der Frankfurter Rundschau.
Zum Jahresende sind die Preise an Tankstellen allerdings noch einmal kräftig eingebrochen. Diesel fiel am Montag auf durchschnittlich einen Euro pro Liter, wie der Mineralölkonzern Shell mitteilte. Superbenzin kostete im Schnitt 1,07 Euro. Noch im Juli mussten Autofahrer zeitweise mehr als 1,50 Euro für beide Treibstoffarten zahlen.
Der billigere Treibstoff und günstigeres Heizöl haben die Teuerung im Dezember in Deutschland voraussichtlich stark gedrückt. Darauf deuten Daten aus Sachsen hin, das am Montag als erstes Bundesland seine Preisstatistik veröffentlichte. Dort lag die Inflationsrate nur noch bei 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das ist der niedrigste Wert seit Mai 2005. Volkswirte gehen davon aus, dass die Nachlässe bei Mineralölprodukten wie ein Konjunkturprogramm wirken können, da sie die Kaufkraft stärken. Eine Entlastung bis zu 20 Milliarden Euro wird für möglich gehalten.
Allerdings ist fraglich, ob dieser Effekt auch tatsächlich zum Tragen kommt. Gestern schossen die Notierungen für Rohöl in die Höhe. Die Nordseesorte Brent, die für den europäischen Markt maßgeblich ist, verteuerte sich zeitweise um mehr zwölf Prozent auf rund 43 Dollar. Noch vor Weihnachten war das Fass (159 Liter) für etwas mehr als 36 Dollar zu haben. Branchenkenner führen den Preisschub auf dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zurück. Die Eskalation hat unter Händlern die Sorge vor Versorgungsengpässen bei den Öllieferungen aus dem Nahen Osten wieder in den Fokus gerückt.
Allerdings rechnen die meisten Analysten mittelfristig nicht mit massiven Auswirkungen auf den Ölpreis. Wegen der weltweiten Konjunkturkrise wird mit einer fallenden Nachfrage gerechnet. Das sieht auch Weinberg so. Er geht aber davon aus, dass die Ölförderländer die aktuellen Preise nicht auf Dauer durchhalten können. Denn dies werde "riesige Löcher in die Leistungsbilanzen dieser Länder" reißen. Deshalb werde die Förderung in naher Zukunft weiter heruntergefahren.
Die großen integrierten Mineralölkonzerne wie BP, Shell, Exxon-Mobil (Esso) oder Total verdienten momentan nur noch am Rohöl-Geschäft. Die Schlussfolgerung: Weinberg geht davon aus, dass die Konzerne in nächster Zeit versuchen werden, die Preise an den Tankstellen nach oben zu drücken. 1,20 Euro pro Liter Sprit hält er Mitte 2009 für realistisch - zumal er auch mit steigenden Notierungen beim Rohöl rechnet. Er geht von 60 bis 70 Dollar pro Fass (159 Liter) am Ende des nächsten Jahres aus.
Denn der Commerzbank-Experte erwartet weitere Kürzungen der Fördermengen. Erst Mitte Dezember hatte das Ölkartell Opec beschlossen, die Produktion um 2,2 Milliarden Barrel am Tag von Januar an zu drosseln - die größte Förderkürzung in der Geschichte der Organisation. Sie hat zunächst aber nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Die Notierungen gaben weiter nach. Doch viele Analysten sind sich inzwischen einig, dass das Kartell weiter kürzen muss, bis sich der Preis stabilisiert.
Wann das der Fall sein wird, ist nach Ansicht von Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, schwer abzuschätzen: "Die Marktgesetze sind außer Kraft gesetzt." Der Markt werde derzeit stark von Psychologie geprägt. Sie spricht von einem "undurchschaubaren Sammelsurium von Faktoren", die alle mit dem konjunkturellen Einbruch zusammenhängen. "Wir hatten noch nie einen derart rasanten Einbruch der Ölpreise, weil wir noch nie so einen derartigen ökonomischen Einbruch hatten." Eins steht für Kemfert aber dennoch fest: "Wenn die Krise überwunden ist, werden auch die Ölpreise wieder steigen." Es könne sogar zu "Knappheiten in kürzester Zeit" kommen. Sie rechnet damit, dass die Nachfrage in Schwellenländern wie Indien und China dann massiv wächst.
Das Angebot könne dann aber nicht kurzfristig erhöht werden. Denn derzeit würden viele Vorhaben zur Erschließung neuer Vorkommen gestoppt.
Diese Projekte - es handelt sich vor allem um die Förderung aus der Tiefsee oder um den Abbau von Ölsand - zu reaktivieren, sei enorm kostspielig. Noch viel schwerwiegender sei aber, dass es mehrere Jahre dauere, bis dann tatsächlich Öl gefördert werde.
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