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20. November 2015

Start-Ups : Wohlfühloasen für Tüftler

 Von 
Freiraum für technologische Experimente: Blick in den Science Park Kassel.  Foto: Heiko Meyer /SPK

Junge Technologie-Firmen scheitern in Deutschland oft - dabei gäbe es Gegenrezepte.

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Neu-Isenburg –  

Zwischen dem Tortenstand einer jungen Konditorin, einem Getränkestand mit Guarana-Enegiegetränken und Naturprodukten zum Haarefärben, steht das Startup AOM-Systems am Mittwoch etwas allein da. Mit ihrer innovativen Lackiertechnik mit Echtzeit-Sensormessung war die Gründung von Walter Schäfer und Meiko Hecker das einzige High-Tech-Unternehmen unter den neun Finalisten, die sich im Vorfeld zur Verleihung des Hessischen Gründerpreises in Neu-Isenburg vorstellten.

Darin offenbarte sich zugleich auch jene Relation, die das aktuelle Gründungsgeschehen beschreibt. Seit Jahren schon stagniert die Zahl der High-Tech-Gründungen in Deutschland bei unter zehn Prozent. Laut einer Gründerstatistik des RKW-Kompetenzzentrums lag der Anteil an High-Tech-Gründungen im Jahr 2014 bei gerade mal 7,3 Prozent.

Über diese Zahl ist Startup-Experte Chrisoph Herr nicht überrascht. Der ehemalige DFG-Mitarbeiter, der schon zu Zeiten des Neuen Marktes Gründungen betreut hat, ist heute Geschäftsführer der Plattform Spotfolio, die mit dem sogenannten „Gründeratlas“ die deutsche High-Tech-Szene vorantreiben soll. „Derzeit scheitern 97 Prozent der High-Tech-Gründer an der Finanzierung ihrer Geschäftsideen“, sagt Herr. „Wenn wir aber den Blick nach Israel richten, oder neuerdings nach Budapest, wissen wir, dass das nicht so sein muss. Wir brauchen einen Kulturwandel.“

Herr ist davon überzeugt, dass selbst strukturschwache Regionen in Deutschland einiges tun können, um Gründer anzulocken. Hierfür müsste der High-Tech-Sektor zunächst sichtbar werden. Der Gründungsatlas erfasst Start-ups der Technologiebranche. Aus Daten des Bundesanzeigers, aktuellen Patentneuanmeldungen und Suchergebnissen eines Metacrawlers entsteht eine Kartogaphie der Branche. 62 000 Unternehmen, darunter 1700 Venture Capital finanzierte Startups hat der Gründeratlas bisher erfasst. Täglich werden es mehr. Gern bezeichnet Herr die Plattform als eine Art „Linkedin der High-Tech-Branche“.

Herr ist sich jedoch bewusst, dass Online-Vernetzung und Transparenz allein noch kein Start-up-Ökosystem schafft. „Auf das Bier am Abend in der Kneipe lässt sich auch nicht verzichten.“ Gründer bräuchten einen kreativen Raum, damit sich Ideen entfalten können, etwa durch Teilnahme an Boot-Camps, Workshops, Startup-Weekends.

Investoren oft zu zögerlich

„Wer glaubt, dass das, was im Silicon Valley passiert, nichts mit uns zu tun hat, täuscht sich“, sagt er. Einen erheblichen Beitrag zur Entstehung der weltweit gründungsintensivsten Region habe die Eliteuniversität Stanford geleistet. „Den Universitäten kommt eine entscheidende Rolle zu“, sagt er, um ein Klima zu schaffen, in dem Studierende Lust am Gründen bekämen und die Angst vor dem Scheitern verlören.

Mit ebendieser Zielsetzung leitet Gerold Kreuter ein vielversprechendes Gründungsprogramm an der Universität Kassel. Im Science Park Kassel, einem universitären Inkubator-Programm, betreut er mehrere Startups.
Studierende würden bereits im Hörsaal auf den Weg in die Selbständigkeit vorbereitet, sagt Kreuter. Das Innovationszentrum sei zugleich eine Transferfläche, die Lehre und Gründung verknüpfe. Kreuter fühlt sich durch die Statistik bestätigt. Geförderte Gründungen wiesen im Science Park nach fünf Jahren eine „Überlebensrate“ von rund 80 Prozent auf. „Auf dem freien Markt liegt die Zahl zwischen 50 bis 60 Prozent.“ Der Service im Innovationszentrum spielt dabei eine wichtige Rolle, etwa professionelle Beratung und Kontakte in die Wirtschaft. Die Gründungskultur ermögliche es auch, dass junge Unternehmer mit Niederlagen konstruktiv umzugehen lernten.

Nach Christoph Herr müsste sich jedoch hinsichtlich der Finanzierung ein Kulturwandel vollziehen. Deutsche Investoren und Banken seien sehr zögerlich, so Herr. Das gehe zu Lasten der deutschen Wirtschaft. Denn oft seien es ausländische Investoren, die in heimische Technologien investieren. So würden erfolgreiche Startups ins Ausland emigrieren und Patente anmelden. „Wir brauchen mehr Mut, uns überraschen zu lassen“, sagt Herr.

Für ihre Gründung haben Schäfer und Hecker einen anderen Weg gewählt. Die Arbeit an der innovativen Sensortechnologie war bereits Teil von Schäfers Promotion und wurde durch akademische Förderprogramme vorangetrieben. Erst danach entstand die Gründungsidee. Inzwischen erzielt das siebenköpfige Team einen siebenstelligen Jahresumsatz.

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