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09. Mai 2011

Statistik: Kinderarmut schrumpft - auf dem Papier

 Von Eva Roth
Kinder sind besonders oft auf Hartz IV angewiesen.  Foto: dapd

Die Forscher des DIW korrigieren die Zahlen nach unten: Kinder sind zwar weiterhin besonders oft auf Hartz IV angewiesen. Doch die Zahl der verarmten Kinder sind deutlich geringer. Möglich macht das eine neue Methode.

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Frankfurt –  

Kinderarmut ist in Deutschland vermutlich weniger verbreitet als bislang angenommen. Das legen neue Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nahe. Demnach waren im Jahr 2008 rund acht Prozent aller Kinder arm. Sie lebten in Haushalten, die mit weniger als der Hälfte des mittleren Einkommens  zurechtkommen müssen. Für frühere Jahre hat das DIW seine Angaben drastisch nach unten korrigiert: 2004 waren demnach nicht 16 Prozent aller Kinder arm, sondern lediglich zehn Prozent.

Die Daten des DIW spielen in der politischen Debatte eine wichtige Rolle. Die Industrieländerorganisation OECD stützt sich oft darauf und veröffentliche beispielsweise 2009 kurz vor dem Wahlkampf eine Studie, die für heftigen Wirbel sorgte: Die Kinderarmut in Deutschland sei im internationalen Vergleich sehr hoch, hieß es darin. Nach den jetzt revidierten Daten lag die Armutsquote aber 2004 wie 2008 unter dem OECD-Durchschnitt von 12 bis 13 Prozent.

Was im Nachhinein besonders absurd erscheint: Die Forscher empfahlen der Bundesregierung damals, ihre Hilfen stärker auf bedürftige Kinder zu konzentrieren. Doch Schwarz-Gelb schlug den Rat in den Wind und erhöhte generell das Kindergeld. Davon haben ausgerechnet bedürftige Hartz-IV-Familien nichts, weil das Kindergeld aufs Arbeitslosengeld II angerechnet wird.

Und warum hat das DIW die Armutsquote derart drastisch nach unten korrigiert?  Das Institut lässt jedes Jahr mehr als  20.000 Bürger über ihre Lebenssituation befragen, und zwar immer die gleichen Menschen. Doch seit einigen Jahren sinkt die Bereitschaft, Auskunft zu geben – und darauf haben die Forscher reagiert. Früher haben sie es sich einfach gemacht: Wenn in einem Haushalt mit mehreren Erwachsenen eine Person nichts sagte, wurde ihr Einkommen auf Null gesetzt. Jetzt schaut sich das DIW an, was diese Person im Vorjahr verdiente und schätzt ihre aktuellen Einkünfte. Dadurch sind die – geschätzten – Einkommen vieler Haushalte gestiegen, sie gelten nicht mehr als arm. Natürlich sind mit der neuen Methode auch keine hundertprozentig richtigen Angaben möglich. Die Armutsquote dürfte aber realistischer sein als bisher.

Die aufwändige DIW-Haushaltsbefragung heißt Sozioökonomisches Panel (SOEP) und gilt als eine der besten Datengrundlagen. Sie wird für zahlreiche Studien genutzt, etwa zum Bildungsniveau oder zur Lohnentwicklung. Durch die neue Berechnungsmethode habe sich die Kinderarmutsquote am stärksten verändert, sagt DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka dieser Zeitung. Andere Angaben, etwa zum Niedriglohnsektor, müssten nur minimal revidiert werden.

Das DIW wende die neue Methode schon seit drei Jahren an, betont Grabka. Die OECD habe sich noch 2009 auf alte Daten bezogen, weil internationale Studien immer mit einer Zeitverzögerung veröffentlicht würden.  Den Vorwurf, falsche Angaben geliefert zu haben, weist der Forscher zurück: Es sei positiv, wenn wissenschaftliche Methoden verbessert würden. Dies führe unweigerlich zu Korrekturen. Auch Bert Rürup warnt davor, nun alle SOEP-Daten zu ignorieren: Wenn die Politik ganz darauf verzichte, werde sie nicht besser, betont der Vorsitzende des DIW-Kuratoriums im Gespräch mit dieser Zeitung. Wichtig sei, die Politik auf eine breite Informationsbasis zu stellen.

Durch die statistischen Korrekturen hat sich die tatsächliche Lage der Kinder in Deutschland natürlich nicht verbessert. Und hier liegt einiges im Argen, das belegen sehr harte Daten der Bundesagentur für Arbeit: Demnach waren Ende vorigen Jahres 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren auf Hartz IV angewiesen. Das sind 16 Prozent aller Jungen und Mädchen. In der Gesamtbevölkerung beziehen „nur“ zehn Prozent aller Bürger Hartz IV. 

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