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13. Februar 2013

Streik bei Peugeot: Der Funke könnte jederzeit zünden

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Mit aller Macht versuchen Peugeot-Arbeiter, die Schließung des Werks in Aulnay zu verhindern.  Foto: REUTERS/Stephane Mahe

Ganz Frankreich schaut gespannt auf den Streik im Peugeot-Werk in Aulnay. Die Produktion dort soll eingestellt werden.

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Ein Funke genügt“, raunt der junge Flugblattverteiler den Arbeitern zu, die durch die Drehtore die Peugeot-Fabrik verlassen. Es ist 14 Uhr, Schichtwechsel in der Fabrik von Aulnay-sous-Bois, einem trostlosen Vorort von Paris. Die Wolken hängen tief, die Gesichter sind verschlossen. Kaum jemand greift sich das Flugblatt mit der Überschrift „L'étincelle“ (der Funke), auf dem ein Hammer und eine Sichel prangt.

Zu einer kleinen Revolution wären die Kumpels allemal bereit. Seit drei Wochen bestreiken sie die Fabrik. Ihr Protest richtet sich gegen die für 2014 angekündigte Schließung dieser Werkstätte, einer der ältesten von Peugeot-Citroën – und Sinnbild für den brutalen Einbruch der französischen Autoindustrie: Wegen der sinkenden Nachfrage streicht Peugeot 8.000 Stellen, Renault 8.200.

Die soziale Spannung überträgt sich auf das ganze Land. In Aulnay könnte der Funke als erstes zünden. Wütend streiken die Arbeiter für die Beibehaltung des Werks. Die Fabrik, ein Hangar von riesigen Ausmaßen, steht bereits weitgehend still. Auf den Fließbändern warten halbfertige Karosserien des Citroën-Modells C3. Wie in einem Filmriss: Nichts bewegt sich.

Streikparolen gesprayt

Bis auf eine surreale Szene. Mitten in dieser erstarrten Fabriklandschaft stehen sich auf einem Vorplatz zwei Menschengruppen gegenüber – auf der einen Seite Arbeiter mit Gewerkschaftsklebern auf den Lederjacken, auf der anderen Seite Peugeot-Kader mit Helmen und leuchtend gelben Fabrikwesten. „Wir wollen die Fabrik besetzen, und sie wollen uns daran hindern. Seither schauen wir uns in die Augen“, sagt Gewerkschafter François. Vor einigen Tagen bereits drohte die Situation zu eskalieren. Die Streikenden hatten Mobiliar zerstört, Streikparolen gesprayt; sie bewarfen die Arbeitswilligen mit Eiern und Schrauben. Fast zündete der Funke.

Als wäre die Lage noch nicht absurd genug, erklingt plötzlich ein Trommelwirbel. „Das Spektakel beginnt“, verkündet François mit zusammengebissenen Zähnen. Zwei Arbeiter treten mit umgeschnallten Blechtrommeln auf. Sie dreschen wie wild auf die Felle und stürmen auf die Westenträger zu, um Zentimeter vor ihnen zu bremsen. Ein Arbeiter röhrt mit einem Nebelhorn, einer zündet einen Knallfrosch. Irgendwann unterbrechen die Trommler ihren höllischen Karneval. „Wir werden nicht lockerlassen, die Fabrik gehört uns“, ruft dann noch einer.

François, der Gewerkschafter, hat noch neun Jahre zu arbeiten. „Und zwar hier!“, wettert der 54-Jährige, der das Angebot von Peugeot, in eine andere Fabrik überzusiedeln, nicht in Betracht zieht: „Die meisten von uns haben in der Nähe ein Häuschen gebaut oder von ihren Eltern geerbt. Wenn Peugeot die Fabrik schließt, bleibt im ganzen Departement kein größerer Industriebetrieb übrig.“

Symbolischer, aber sinnloser Grabenkrieg

Doch wird der Streik die endgültige Werkschließung nicht selbst beschleunigen? François lässt das nicht gelten: „Wir verlangen, dass die Fabrik nicht nur ein paar Monate weiterlebt.“

Der Zustand der französischen Autoindustrie spricht dagegen. Peugeot und Renault verzeichnen zweistellige Absatzeinbrüche. Schuld ist die Krise, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit französischer Produkte und auch die koreanische Billigkonkurrenz. In Aulnay wurde die Belegschaft seit 2004 bereits von damals 6.500 um die Hälfte reduziert. Die Überkapazitäten bleiben. Renault will seine Produktion in Frankreich mit Lohnsenkungen und Mehrarbeit beibehalten.

„Das ist Erpressung“, empört sich François. Hilfe erwartet er höchstens noch vom Staat. Aber er weiß auch, dass dies am Grundproblem nichts ändern würde: Von den 220.000 Stellen der französischen Autoindustrie sind tausende überzählig. Die Streikenden in Aulnay wissen es auch. Die Peugeot-Kader sowieso. Im Herzen der riesigen Fabrik stehen sie sich gegenüber, in einem symbolischen und doch sinnlosen Grabenkrieg.

Ein Ende des Streiks ist nicht abzusehen. Die Arbeiter werden ihren Heidenlärm weiter veranstalten. Als wollten sie verhindern, dass in ihrer Fabrik einmal die endgültige, die tödliche Stille eintritt.

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