Als sie sich wieder um ihre depressiven und schizophrenen Patienten kümmern wollte, wurde Sonja K. von der Klinikleitung der Schlüssel abgenommen. "Wir Beschäftigten werden ausgesperrt und wie Verbrecher behandelt", sagt die 52-jährige Pflegerin. Dabei wolle sie doch nur, dass alle Mitarbeiter der Psychiatrie gleich bezahlt werden.
Seit Wochen schon befindet sich die Lippische Nervenklinik in Bad Salzuflen im Ausnahmezustand. Die Beschäftigten streiken für einen einheitlichen Tarifvertrag. Doch die privat betriebene Klinik hat und laut Verdi einfach Leiharbeiter eingesetzt.
Am heutigen Donnerstag will der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske die Ausgesperrten besuchen. "Mit Leiharbeitern wird hier auf Kosten von psychisch Kranken versucht, Dumpinglöhne im Pflegebereich durchzusetzen. Das ist ein einmaliger Vorgang in der deutschen Psychiatrie", kritisierte der Gewerkschaftschef vor seinem Besuch.
Seit 16 Wochen kämpfen die 120 Beschäftigten für einen gerechteren Lohn. Ohnehin arbeiten sie laut den neuen Verträgen 40 statt der üblichen 38 Stunden pro Woche. Die Beschäftigten hätten sehr verantwortungsvoll ihre Arbeit niedergelegt, um die Patienten nicht zu gefährden, sagt Sylvia Bühler, Gesundheitsexpertin bei der Gewerkschaft Verdi. "Wir haben Notbesetzungen organisiert und die Firmenleitung frühzeitig informiert", so Bühler. Aber nun sei allen der Schlüssel abgenommen worden und "teilweise ungelernte Leiharbeiter von Zeitarbeitsfirmen übernehmen nun die schwierige Pflege, das ist absolut unverantwortlich", so Bühler.
Die Firmenleitung will sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Selbst einen Besuch des Landesschlichters Bernhard Pollmeyer, ein Profi für Tarifkonflikte aus dem NRW-Arbeitsministerium, lehnte Geschäftsführer Alexander Spernau ab. "Er war zu keinem Gespräch bereit", so das CDU-geführte Düsseldorfer Ministerium. Dabei herrscht in der Klinik laut Gewerkschaften ein großes Lohngefälle: Manche Beschäftigte erhalten für die gleiche Arbeit einige hundert Euro weniger als andere, insgesamt verdienen alle weniger als die tariflich Beschäftigten in staatlichen Kliniken.
Mehr nächtliche Stürze
Spernau will nun sogar ein System von Prämien einführen, bei dem Mitarbeiter zum Beispiel für ihre Sparideen belohnt werden sollen. Eine absurde Idee für eine Psychiatrie, findet Pflegerin Sonja K., die seit vielen Jahren in der Klinik arbeitet. "Wir brauchen besonderes Einfühlungsvermögen und Verständnis für unsere psychisch kranken Patienten", sagt sie.
Zudem sollen unter den geliehenen Pflegern einige sein, die sich mit den Medikamenten nicht auskennen, Stürze in der Nacht sollen zugenommen haben. Auch das Verhalten der Kranken wurde offenbar schon falsch gedeutet - ein Leiharbeiter soll sich über die gute Laune eines Patienten gefreut haben. In Wahrheit begann gerade seine manische Phase. Die Streikenden wollen nun die Aufsichtsbehörden einschalten, um die Qualität der Pflege überprüfen zu lassen.
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