Herr Walter, Sie finden, die Deutschen sollten wegen der Krise Lohnverzicht üben.
Norbert Walter (65) war bis Ende 2009 Chefökonom der Deutschen Bank. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Promotion an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt war er zunächst Mitarbeiter am Institut für Kapitalmarktforschung in Frankfurt. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Funktionen am Kieler Institut für Weltwirtschaft, an dem er unter anderem die Abteilungen Konjunktur sowie Ressourcenökonomik leitete. Seit seinem Ausstieg bei der Deutschen Bank ist er als selbstständiger Berater tätig.
Elmar Altvater (72) ist ein prominenter Kapitalismuskritiker, Autor vieler Bücher und Ankläger beim Attac-Bankentribunal. Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin war bis 2002 Mitglied der Enquete-Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft - Herausforderungen und Antworten. Zuletzt schrieb er mit Raul Zelik: "Die Vermessung der Utopie. Ein Gespräch über Mythen des Kapitalismus" (2009). lee
Vom 9. bis 11. April veranstaltet das globalisierungskritische Netzwerk Attac in der Volksbühne Berlin ein Banken-Tribunal. Darin sollen Schuldige für die Finanzkrise sowie Schritte gegen künftige Krisen benannt werden. Mehr dazu bei Attac.
Auf der Anklagebank: die Bundesregierungen seit 1998, Bundesbank, Finanzaufsicht, Banken und Ratingagenturen. Sozialethiker Friedhelm Hengsbach und Sozialrichter Jürgen Borchert treten als Richter auf, der Politologe Elmar Altvater und Gewerkschafter Detlef Hensche als Ankläger.
Die Frankfurter Rundschau begleitet das Tribunal als Medienpartner. FR-Wirtschaftsexperte Robert von Heusinger ist Pflichtverteidiger des heutigen und früheren Bundesbankpräsidenten.
Norbert Walter: Ja, weil ich für Beschäftigung bin. Mein Lehrherr, der Ökonom Herbert Giersch, sagte mir mal: 'Wollen Sie Ihren Chef zu Ihrem Sklaven machen? Verlangen Sie weniger, als Sie erkennbar für ihn wert sind. Dann weiß er, dass er Sie gut behandeln muss, um Sie nicht zu verlieren."
Interessante Strategie. Wenn man es sich leisten kann. Glauben Sie ernsthaft, dass ein Kellner in Deutschland heute mal eben auf einen Teil seines Lohns verzichten kann, um seinen Job zu sichern?
Walter: Doch, der Mechanismus wirkt auch im Niedriglohnsektor. Aber dort kann es, anders als bei mir, existenzgefährdend sein. Und darüber muss dann nachgedacht werden, Stichwort: Kombilohn.
Elmar Altvater: Das ist nichts anderes als eine staatliche Subventionierung der Betriebe, die so niedrige Löhne zahlen, dass man davon nicht mehr leben kann. Dass es so etwas überhaupt gibt, ist eine Folge der Deregulierung des Arbeitsmarkts seit Anfang der 90er Jahre. Sie beraubte ihn seiner Schutzmechanismen und drückte die Löhne so weit nach unten, dass heute zum Teil unanständige Ausbeutungspraktiken herrschen. Um dies zu korrigieren, brauchen wir Mindestlöhne. Auf der anderen Seite entstanden sehr hohe Einkommen, die angelegt werden mussten und deshalb den Finanzmarkt überflutet haben. Darin besteht der Zusammenhang zwischen Umverteilung von unten nach oben und Krise.
Walter: So kann man vielleicht argumentieren, wenn man Innovationen verbietet - also verhindert, dass Kapital Arbeit übernimmt, die sonst von Arbeitnehmern erledigt würde. Und wenn man die Globalisierung verhindert, also dass Arbeitsteilung auf internationaler Ebene erfolgt. Aber das würde ich nicht tun.
Auf der nächsten Seite lesen Sie, was Walter und Altvater von der Kurzarbeit halten und ob sie Managergehälter begrenzen würden.
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