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27. Februar 2011

Studie des Bundesumweltministeriums: Unbequeme Öko-Potenziale

 Von Jakob Schlandt
Sonnenkraft und und Windenergie im brandenburgischen Sieversdorf.  Foto: dpa

Wider das Energiekonzept: Peinlich ist es, wenn eine selbst bezahlte Studie die Ziele des eigenen Hauses infrage stellt. Noch unangenehmer wird es, wenn es nicht gelingt, das brisante Dokument in der Schublade verschwinden zu lassen.

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So geschehen ist das jüngst im Bundesumweltministerium mit einer Untersuchung, die die Chancen einer schnellen grünen Energiewende optimistischer einschätzt als die Regierung – und damit den Nutzen einer Laufzeitverlängerung für die Atommeiler infrage stellt.

Die sogenannte Leitstudie zu Erneuerbaren Energien des Umweltministeriums wurde erstmals 2004 veröffentlicht. Seitdem erscheint jährlich eine neue Abschätzung der Potenziale der Öko-Energie – und zwar eine überwiegend sehr wohlwollende. Bislang galten die Studien als Leitplanken für politische Entscheidungen. In Auftrag gegeben und bezahlt werden sie schließlich vom Umweltministerium selbst. Doch die Leitstudie 2010 blieb unter Verschluss – zum Ärger der Grünen, die Einsicht beantragten.


In einem Schreiben der Parlamentarischen Staatssekretärin des Umweltministeriums, Katherina Reiche (CDU), wurden sie Anfang Februar abgekanzelt: „Durch das Energiekonzept der Bundesregierung haben sich (...) die Rahmenbedingungen für das Projekt so deutlich verändert, dass die Veröffentlichung von Zwischenergebnissen nicht sinnvoll erscheint“, hieß es in dem Schreiben an Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn. Die drohte daraufhin mit dem Informationsfreiheitsgesetz – und das Umweltministerium gab nach: Vergangene Woche tauchte die Studie auf der Webseite des Ministeriums auf.

Im Ministerium wird darauf verwiesen, dass die Studie 2009 unter SPD-Führung in Auftrag gegeben wurde. Eine Sprecherin sagte, sie sei „eine von mehreren“, die es zum Ausbau der Erneuerbaren gebe. Maßgeblich seien allein die Ziele des Energiekonzepts. Wer die Leitstudie mit dem Energiekonzept der Regierung vergleicht, ahnt, warum die Studie kleingeredet wird.

Das Regierungskonzept wirkt im Vergleich mit der Leitstudie rückschrittlich und den Energieriesen nach dem Mund geschrieben. Besonders signifikant: Die Leitstudien-Autoren vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, vom Fraunhofer Iwes und vom Ingenieurbüro für neue Energien gehen davon aus, dass der Ökostromanteil in den nächsten Jahren drastisch ausgebaut werden kann. Sie erwarten, dass selbst bei einer Verlängerung der Laufzeiten für AKW knapp 40 Prozent Ökostromanteil schon bis 2020 drin sind, 2030 sollen es gar 64,7 Prozent sein. Sonnenstrom, Windräder an Land und auf See – überall sehen die Autoren noch viel Potenzial für Ökostrom.

Die Hauptstudie für das Energiekonzept geht hingegen von viel niedrigeren Werten aus (siehe Grafik). Vor allem für Windmühlen an Land und Photovoltaik hatten die Autoren der Energie-Konzept-Studie kaum noch Ausbaumöglichkeiten nach 2020 prognostiziert.

„Fossile Kraftwerke stilllegen“

Zudem sehen die Leitstudien-Autoren einen schweren Systemkonflikt heraufziehen. Alles drei – Atomenergie, Kohle-Kraftwerke und mehr Erneuerbare – das geht nach Ansicht der Leitstudien-Verfasser nicht. Es müsse eine Entscheidung her: „Entweder nur Kernkraft- oder nur Braunkohlekraftwerke können weiter als Grundlastkraftwerke betrieben werden“, schreiben die Autoren. Die Laufzeitverlängerung für die Atommeiler, so ihre Schlussfolgerung, „erfordert die Stilllegung fossiler Kraftwerke in großem Umfang“. Schon jetzt aber sei es dafür fast zu spät, denn es werden doppelt so viele fossile Kraftwerke gebaut wie maximal noch zu verkraften wären. Das Resultat: Der Druck, den Ökostrom-Ausbau zu dämpfen, werde steigen.

Völlig anders als von der Bundesregierung wird in der Leitstudie der Strombedarf eingeschätzt. Das Energiekonzept setzt darauf, dass bis 2050 ein Viertel weniger Elektrizität benötigt wird. Verkehr und Heizungsanlagen sollen stark auf Biomasse umgestellt werden.

Die Autoren der Leitstudie gehen hingegen davon aus, dass die Elektromobilität sich weit ausbreiten oder gar dominant wird – und deshalb der Strombedarf trotz höherer Effizienz längst nicht so stark sinken kann. Der Abscheidung und unterirdischen Verpressung von Kohlendioxid aus fossilen Kraftwerken (CCS) werden hingegen nur wenig Chancen eingeräumt. Die Technik komm wohl zu spät, um „nennenswerte Beiträge“ zum Klimaschutz zu leisten.

Für die unbequeme Leitstudie war das wohl der vorletzte Auftritt. Einen Abschlussbericht soll es zwar noch geben. In ihrem Brief an die Grünen stellt Staatssekretärin Reiche aber trocken fest: „Das Projekt hat eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2011.“

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