Es war früh am Morgen, als gestern die Bagger in der Stuttgarter Innenstadt anrückten. Unter großem Polizeischutz begannen Bauarbeiter mit dem Abriss der Fassade des Hauptbahnhofs. Allen Kritiken zum Trotz wollen die Verantwortlichen der baden-württembergischen Landeshauptstadt, im Land und bei der Deutschen Bahn so schnell wie möglich Platz für den Bau des neuen, unterirdischen Bahnhofs Stuttgart 21 schaffen.
Doch die Proteste gegen das Prestigeprojekt ebben nicht etwa ab, sie verschärfen sich. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen Gigantomanie – vielmehr ist der Bau des neuen Bahnhofs auch aus geologischer Sicht höchst umstritten. „Man sollte den Bau noch einmal kräftig überdenken“, sagte der Tübinger Geologe und Spezialist für Erdwärme, Jakob Sierig. „Ein Bau des Bahnhofs könnte künftig dramatische Folgen haben.“
Der Grund: Stuttgarts Innenstadt liegt auf einer Schicht aus Anhydridgestein, das zu 80 Prozent aus Gips besteht. Anhydrid hat die Eigenschaft aufzuquellen, wenn es rissig ist und großflächig mit Wasser in Berührung kommt. „Beim Bau der gigantischen Tunnel unter der Innenstadt, die teilweise gesprengt werden sollen, ist es nicht zu vermeiden, dass es zu Rissen in der Anhydridschicht kommt“, sagt Sierig.
Wenn dann das Grundwasser nach Fertigstellung des Baus wieder steige, könne es passieren, dass es in die Risse sickert. „Kurzfristig besteht dann die Gefahr, dass Häuser Risse bekommen, langfristig kann es die Tunnel verformen und die darüber liegenden Häuser verschieben“, so Sierig.
Wie er sieht auch das Ingenieurbüro Smoltczyk & Partner große Gefahren. In einer geologischen Studie kommt es zu der Erkenntnis, dass der Bahnhofs-Untergrund löchrig wie ein Käse und voller Hohlräume sei.
Stararchitekt Frei Otto, der zu den Vätern des Bahnhofsneubaus gehört, fordert einen sofortigen Stopp des Projekts. Man müsse jetzt „die Notbremse ziehen“, sagte der 85-Jährige dem Stern. Otto, der vor einem Jahr aus der Projektgruppe ausschied, befürchtet, dass der Bahnhof überschwemmt werden oder „wie ein U-Boot aus dem Meer“ aufsteigen könnte.
In Projektkreisen verwahrt man sich gegen die Vorwürfe. „Die Äußerungen von Frei Otto sind fachlich nicht fundiert und entbehren einer soliden Grundlage“, sagte ein Projektsprecher. Bei allen unbestritten schwierigen Bodenverhältnissen „würden wir nicht bauen, wenn wir es uns nicht zutrauen würden – und zwar sicher“.
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