Die obersten Statistiker Deutschlands haben die Entwicklung der Tariflöhne berechnet und zwei Überraschungen zutage befördert. Erstens: Insgesamt sind die Tarifgehälter im vorigen Jahr um läppische 1,5 Prozent gestiegen, berichtet das Statistische Bundesamt aus Wiesbaden. Damit wurde nicht einmal der Preisanstieg von 2,3 Prozent ausgeglichen – obwohl die Wirtschaft kräftig gewachsen ist. Haben die Gewerkschaften den Aufschwung verpennt?
Sichere Jobs statt mehr Geld
Das haben sie nicht, aber sie haben sich auf sehr lange Laufzeiten für die Tarifverträge eingelassen. So hat etwa die IG Metall Anfang 2010 mit Gesamtmetall einen Tarifvertrag abgeschlossen, der bis März 2012 gilt. Anfang 2010 waren alle noch von dem wirtschaftlichen Einbruch geschockt, und niemand wusste so genau, wie es nun weiter geht. Also konzentrierte sich die Gewerkschaft auf das Ziel, Jobs zu sichern, und akzeptierte einen sehr bescheidenen Lohnzuschlag: Für fast zwei Jahre wurde nur eine einzige dauerhafte Erhöhung von 2,7 Prozent vereinbart. Solche Tarifverträge, die unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise geschlossen wurden, wirkten im vorigen Jahr noch nach.
Die Lohnabschlüsse, die im Wachstumsjahr 2011 ausgehandelt wurden, waren schon deutlich höher. Das gilt beispielsweise für die Chemieindustrie. Weil die höheren Gehälter erst seit der Jahresmitte gezahlt werden, haben sie die gesamte Entwicklung nur mäßig beeinflusst.
Übertarifliche Erfolgsbeteiligungen
Viele Beschäftigte haben trotz der dürftigen Tarifzuschläge vom Aufschwung profitiert. Denn etliche Firmen zahlten übertarifliche Erfolgsbeteiligungen. Die tatsächlich gezahlten Gehälter sind deshalb vielerorts stärker gestiegen als die Tariflöhne. Das ist gut so. Schließlich sind Flächentarifverträge als Mindeststandards gedacht.
Die zweite Überraschung aus Wiesbaden entdeckt man, wenn man sich die einzelnen Branchen anschaut: Ausgerechnet in der Zeitarbeit sind die Tarifgehälter mit 4,1 Prozent am stärksten gestiegen. Die Kritik an Niedriglöhnen für Leiharbeiter zeigt Wirkung. So erhielten ungelernte Leiharbeiter in Westdeutschland im Mai 2,5 Prozent mehr Geld, im Osten betrug das Plus 3,6 Prozent. Zudem passten die beiden Arbeitgeberverbände IGZ und BZA ihre Tarifverdienste an, was zu einem zusätzlich Plus führte.
Bei der Zeitarbeit tut sich etwas
Zeitarbeiter verdienen freilich immer noch weniger als Festangestellte. Aber immerhin tut sich inzwischen etwas. Seit einiger Zeit reden Arbeitgeber mit Gewerkschaften informell über eine Angleichung der Gehälter. Im Gespräch sind insbesondere Branchenzuschläge. Im Februar sollen offizielle Tarifverhandlungen mit der IG Metall beginnen. „Wir stehen einer Lohn-Angleichung offen gegenüber“, sagt ein Sprecher des Arbeitgeberverbands IGZ.
Insgesamt sollten die Einkommen in Deutschland künftig deutlich stärker steigen als bisher, meint Arbeitsmarkt-Experte Alexander Herzog-Stein von der Hans-Böckler-Stiftung. Nämlich um drei bis 3,5 Prozent. Angesichts der Sparpolitik in Europa sei eine Stärkung der deutschen Binnennachfrage besonders wichtig. Denn irgendwo muss ja die Nachfrage nach Gütern „Made in EU“ herkommen.
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