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Tarifstreit Gebäudereiniger: Viel Dreck für wenig Lohn

Hunderttausende Gebäudereiniger säubern Tag für Tag Deutschlands Büros, Schulen und Krankenhäuser - und zwar für extrem wenig Geld. Von Franziska Schubert und Eva Roth

In Deutschland arbeiten rund 850.000 Gebäudereiniger.
In Deutschland arbeiten rund 850.000 Gebäudereiniger.
Foto: dpa

Wenn andere nach Hause gehen, fangen sie an zu putzen: Hunderttausende Gebäudereiniger säubern Tag für Tag Deutschlands Büros, Schulen und Krankenhäuser - und zwar für extrem wenig Geld. Im Osten verdienen Innenreiniger gerade mal 6,58 Euro in der Stunde. Die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) kämpft seit Januar in Tarifverhandlungen für höhere Einkommen. Ihre Forderung: 8,7 Prozent mehr Lohn.

Doch jetzt hat die Tarifkommission der IG BAU empfohlen, die Verhandlungen als gescheitert zu erklären. Sollte der Vorstand am kommenden Montag dem Votum folgen, gilt von Oktober an für alle neu abgeschlossenen Verträge in der Branche kein Mindestlohn mehr. Und auch Streik wäre nicht mehr ausgeschlossen.

Die Saubermacher

Gebäudereiniger putzen Büros, Industrieanlagen und öffentliche Gebäude.

In Deutschland arbeiten rund 850.000 Gebäudereiniger. Das sind zwei Prozent aller Beschäftigten in Deutschland.

Gebäudereinigung ist hierzulande das beschäftigungsstärkste Handwerk.

In der Branche sind nach Angaben des Gebäudereiniger-Innungsverbandes etwa 28.000 Firmen tätig. Zusammen setzen sie im Jahr rund zwölf Milliarden Euro um. Viele Unternehmen haben mehr als 20.000 Beschäftigte, so die IG BAU.

Zu den großen Firmen gehören der Gewerkschaft zufolge Wisag, Gegenbauer, Piepenbroek, Dussmann-Service, Klüh und ISS.

Die Arbeitgeber - vertreten durch den Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks - wollen Ost-Putzkräften bisher 24 Cent mehr in der Stunde bezahlen. Eine Lohnerhöhung um 3,6 Prozent also, die ab Anfang nächsten Jahres gelten soll. Die Kollegen im Westen sollen dann 8,39 Euro pro Stunde verdienen, drei Prozent mehr. Als Laufzeit für den Tarifvertrag schlagen die Arbeitgeber 21 Monate vor.

Doch die IG BAU will nicht, dass Gebäudereiniger weiterhin mit so niedrigen Mindestlöhnen abgespeist werden: Aufs Jahr gerechnet bedeute das Angebot nur 1,8 Prozent mehr im Westen und knapp 2,2 Prozent im Osten. Gebäudereiniger zählen im Vergleich mit anderen Handwerkern oder Bauarbeitern ohnehin schon zu den Billigkräften. Und trotzdem werde der geltende Mindestlohn vielerorts noch unterlaufen, sagt Frank Wynands, Verhandlungsführer der IG BAU, der Frankfurter Rundschau.

Oft seien die Flächen viel zu groß, um sie in der vorgegebenen Zeit säubern zu können. Den Putzkräften bleibe oft nichts anderes übrig, als unbezahlte Überstunden zu machen. Faktisch kämen sie so auf einen noch niedrigeren Stundenlohn. Wynands schätzt, dass "in 80 Prozent der Betriebe solche Tricks immer wieder angewendet werden".

Viele Beschäftigte sind kaum in der Lage, sich gegen solche Praktiken zu wehren. In dem Gewerbe arbeiten viele Menschen mit Migrationshintergrund; oft haben sie Sprachschwierigkeiten. Hinzu kommt, dass 80 Prozent Gebäudereiniger der IG BAU zufolge gar keinen Kündigungsschutz genießen. Sie verdingen sich als sogenannte Mini-Jobber, die jederzeit ohne Angaben von Gründen gefeuert werden können.

Johannes Bungart, Geschäftsführer des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks, führt die aktuelle Wirtschaftskrise als Rechtfertigung ins Feld, warum die Arbeitgeber das Angebot nicht nachbessern wollen. "Denn wo nicht gearbeitet wird, wird auch nicht geputzt." In der Industrie, besonders bei Autobauern und Zulieferern, habe sich in Folge von Kurzarbeit auch die Auftragslage für die Reinigungsfirmen verschlechtert, sagt er. Die IG BAU hält dagegen, höchstens im Einzelfall könnte von einer wirtschaftlichen Verschlechterung die Rede sein. Laut Wynands erzielte die Branche im ersten Quartal des Jahres sogar den zweitbesten Umsatz aller Zeiten.

Wird bis Ende September im Tarifstreit keine Einigung erzielt, "könnten die Löhne für Gebäudereiniger drastisch sinken", warnt Verbandschef Bungart. Doch das wollen Gewerkschafter wie Arbeitgeber mit aller Macht vermeiden. "Dann würde ein Lohndumping drohen, das auch viele Unternehmen in der Branche fürchten", bemerkt Thorsten Kalina vom Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. In Schwierigkeiten würde das besonders diejenigen Betriebe bringen, deren Kunden - etwa Luxushotels - gehobene Qualität verlangen.

Autor:  Franziska Schubert u. Eva Roth
Datum:  7 | 8 | 2009
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