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08. August 2014

Telekom: "Da haben wir uns die Finger verbrannt"

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Verbindung im Schneckentempo: Das schnelle Internet ist in Deutschland noch nicht so weit verbreitet, wie es die Bundesregierung gerne hätte.  Foto: imago/McPHOTO

Niek Jan van Damme, Deutschland-Chef der Telekom und zuständig für Innovation und Produktentwicklung, spricht im Interview über die Drosselkom-Debatte und das Fernsehen der Zukunft.

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Zur Person

Niek Jan van Damme, Jahrgang 1961, gehört seit gut fünf Jahren zum Vorstand der Deutschen Telekom. Zugleich ist er Deutschland-Chef des Konzerns. Seit April 2014 kümmert sich der Niederländer auch um die Themen Innovation und Produktentwicklung.

Er begann seine berufliche Laufbahn 1986 beim Konsumgüterriesen Procter & Gamble. 1999 wurde er Marketing-Chef des niederländischen Mobilfunkers Ben, den die Telekom 2002 komplett übernahm. Von 2004 bis 2009 war er Geschäftsführer der T-Tochter im Nachbarland.

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Der Schauplatz für das Interview ist mit Bedacht gewählt. Es handelt sich um ein Backstein-Gebäude im Berliner Stadtteil Schöneberg. Hier ist einer der Standorte der T-Labs, in dem an neuen Produkten und Technologien für die Deutsche Telekom gearbeitet wird. Das passt zu Niek Jan van Damme. Schließlich ist er nicht nur Deutschland-Chef des Bonner Konzerns, sondern auch für Innovation und Produktentwicklung zuständig. Zudem liegt dem Niederländer die Start-up-Atmosphäre im T-Lab. Lässig und unprätentiös geht er seinen Job an. In der Sache hingegen ist er entschieden – etwa wenn es um staatliche Hilfen für den Ausbau der Breitbandnetze oder eine Lockerung der staatlichen Aufsicht über die Telekom geht.

Niek Jan van Damme, Deutschland-Chef der Telekom, ist ein betont lockerer Typ.
Niek Jan van Damme, Deutschland-Chef der Telekom, ist ein betont lockerer Typ.
 Foto: picture-alliance

Die Bundesregierung will erreichen, dass 2018 überall superschnelles Internet zur Verfügung steht. Klappt das?
Die frühere schwarz-gelbe Regierung hat das seinerzeit selbst gesteckte Ausbauziel nicht erreicht. Für 2018 haben wir, hat die gesamte Branche, bessere Chancen. Wir müssen aber definieren, was flächendeckend ist. Sind das wirklich 100 Prozent oder nur 98 Prozent? Es wird sehr schwer werden, die letzten zwei, drei Prozent zu schaffen, das wird vermutlich nur über den Mobilfunk zu realisieren sein. Wir halten den Mobilfunk für eine sehr gute Alternative. Mit der Funktechnik LTE können wir bis zu 150 Megabit anbieten. Bald können wir die Nutzer sogar mit bis zu 300 Megabit versorgen.

Und wenn die Politik darauf besteht, dass das Festnetz flächendeckend ausgebaut wird?
Dann wird es spannender. Ohne öffentliche Fördermittel wird das nicht funktionieren. Es gibt kein Geschäftsmodell dafür, wie entlegene kleine Dörfer mit 50 Megabit über das Festnetz erschlossen werden können. Hier muss einem klar sein, dass ein Kilometer Tiefbau zwischen 50 000 und 60 000 Euro kostet. Es dauert einfach viel zu lange, bis sich die Investitionen dafür auszahlen. Die Telekom wird bis Ende 2016 rund 65 Prozent der Haushalte mit dem schnellen VDSL erschlossen haben. Für alles, was darüber hinausgeht, brauchen wir Fördermittel. Die genaue Summe hängt von vielen Details ab. Man könnte zum Beispiel Breitbandkabel auch als Freileitungen an Masten verlegen statt unterirdisch. Das würde die Kosten drücken.

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Was können Kooperationen mit anderen Unternehmen bringen?
Noch vor drei Jahren habe ich gesagt: Prima Idee. Doch die Zeit hat gezeigt, dass das nicht so einfach ist. Es gibt einzelne Projekte mit den Töchtern von Stadtwerken. Aber die bringen nicht die großen Synergien beim Ausbau von Netzen, die wir uns erhofft hatten. Das hat vielfach einfach damit zu tun, dass mit unterschiedlicher Technik gearbeitet wird. Wir sehen zudem, dass kleinere Stadtwerke beginnen, sich aus dem Telekommunikationsgeschäft zu verabschieden.

Was ist deren Problem?
Für die ist es einfach zu teuer, das Personal zu bezahlen, das die Netze betreibt und wartet. Es gibt eine Untersuchung, derzufolge ein Viertel der Stadtnetzbetreiber ihre Breitbandleitungen veräußern oder vermieten will. Was die Telekom betrifft: Wir kommen mit unserem Ausbau gut voran. Vor einem Jahr erreichten wir mit VDSL 35 Prozent aller Haushalte, jetzt sind es bereits 39 Prozent. Und Ende 2016 werden es 65 Prozent sein. Hinzu kommt, dass die neue Vectoring-Technik, die die Bandbreite von VDSL auf 100 Megabit verdoppelt, massive Impulse bringen wird.

Sie sind also wunschlos glücklich?
Das ist übertrieben. Wenn wir ausbauen sollen, dann brauchen wir Planungssicherheit. Da spielen Preise eine wichtige Rolle. So würde es einen Impuls für den Ausbau bringen, wenn es in bestimmten Städten Deregulierung gäbe, und zwar da, wo Konkurrenten große Marktanteile haben.

Das wird einen Aufschrei bei ihren Konkurrenten auslösen.
Bislang schaut die Bundesnetzagentur nur auf die bundesweite Situation, da haben wir mit unserem Marktanteil von etwa 43 Prozent im Breitband eine starke Position. Aber in Hamburg oder in Köln haben wir Marktanteile von weniger als 25 Prozent. Dort sind Kabelnetzbetreiber und Stadtnetzbetreiber sehr stark.

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Deregulieren bedeutet doch, dass die Netzagentur Ihnen nicht mehr vorschreibt, wie viel Sie für die Miete des letzten Stücks Leitung zum Haus verlangen. Vom Mieten dieser letzten Meile sind viele ihrer Konkurrenten aber abhängig. Sie müssen also nur den Preis in eine prohibitive Höhe schrauben, schon ist die Konkurrenz weg...
Halt! So einfach ist das nicht. Marktmacht zu missbrauchen, würden die Aufsichtsbehörden in Deutschland nicht tolerieren. Wir fordern, dass es die Deregulierung dort gibt, wo zwei parallele Infrastrukturen existieren. Also in der Regel Kabelnetz und Festnetz. Zudem sollte die Regulierung ihren Fokus nicht auf immer niedrigere Preise, sondern auf Investitionsförderung legen.

50, 100 oder 300 Megabit – wie viel Bandbreite brauchen wir überhaupt?
Diese Frage kommt regelmäßig. Der Bedarf wächst. In vier, fünf Jahren werden wir Anwendungen haben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Wir versuchen, mit dem Ausbau der Netze immer dem Kapazitätsbedarf etwas voraus zu sein. Unser nächster Schritt wird der Hybrid-Router sein. Der Router kommt im Herbst und kombiniert Festnetz mit LTE Mobilfunk. Der Kunde erhält dadurch eine spürbare Geschwindigkeitsverbesserung bis hin zur maximalen LTE-Geschwindigkeit von 150 Megabit die Sekunde. Das ist dann schon richtig schnell.

Brauchen wir langfristig überhaupt das Festnetz noch? Der nächste große technologische Schritt soll Mobilfunk der fünften Generation sein mit Bandbreiten von weit mehr als 1000 Megabit.
Es gab in der Geschichte der Telekom immer wieder Momente, in denen es hieß: Mobilfunk macht alles. Ich glaube, wir werden immer das Festnetz brauchen. Schauen Sie sich das Thema vernetzte Autos an, am besten noch mit dreidimensionalem Fernsehen an Bord. Da brauchen Sie sehr verlässliche Festnetze, die auch die Daten von den Mobilfunksendestationen weiter transportieren. Das hat im Übrigen auch der Wettbewerb erkannt. Vodafone wollte vor einigen Jahren komplett aus dem Festnetz aussteigen, mit der Übernahme von Kabel Deutschland haben sie ihre Strategie komplett gedreht.

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Sie werden es jedenfalls im Mobilfunk künftig mit einem Konkurrenten weniger zu tun haben. O2 und E-Plus schließen sich zusammen. Warum haben Sie die Fusion begrüßt? Weil Sie auf weniger Wettbewerb hoffen?
Nein. Wir werden weiter starken Wettbewerb haben. Wir haben künftig drei Mobilfunknetzbetreiber auf Augenhöhe. Keiner will die Nummer drei sein. Die Fusion war gut, weil wir noch mehr Konsolidierung in Europa brauchen. Denn Europas Telekommunikationsbranche muss im internationalen Wettbewerb mithalten können.

China Mobile, der größte Mobilfunker der Welt, hat kein Interesse am europäischen Markt, schon mal gar nicht am Festnetz-Geschäft. Und die Deutsche Telekom will den chinesischen Markt auch nicht aufrollen. Ist diese Rede vom globalen Wettbewerb nicht eine Chimäre?
Wir sehen durchaus, dass mexikanische Investoren Netzbetreiber in Europa kaufen. Bei den Diensten ist die Dominanz aus Übersee noch deutlich stärker zu spüren: Amerikanische Internetunternehmen bieten zunehmend auch klassische Telekommunikationsdienste an. Ich meine Anwendungen wie den Kurznachrichtendienst WhatsApp. Facebook denkt darüber nach, Sprachdienste einzuführen. Der Konzern ist nicht an deutsche Gesetze gebunden, was die Qualität der Dienste oder die Datensicherheit angeht. Die können bisher machen, was sie wollen. Das muss sich ändern. Hier brauchen wir gleiche Rahmenbedingungen für gleichartige Dienste.

Auch mit Tarifen, die mehr Geld in die Kasse bringen, weil sie sich daran orientieren, wie viel Daten ein Kunde herunterlädt? Stichwort Drosselkom.
Da haben wir uns voriges Jahr die Finger etwas verbrannt. Aber grundsätzlich halten wir Tarife, die sich am Download-Volumen orientieren, für eine faire Sache. Daneben wird es immer auch Flatrate-Tarife mit unbegrenzter Datennutzung geben, die etwas teurer sind. Diese Systematik wird kommen, nicht nur bei uns, sondern bei vielen Anbietern.

Der nächste Schritt ist, dass Dienste kommen, bei denen Daten mit besonders hoher Geschwindigkeit und Verlässlichkeit übertragen werden. Werden Sie sich an dieses sehr umstrittene Thema wagen?
Wir haben mit unterschiedlichen Qualitäten bei Netzdiensten die Möglichkeit, neue Produkte zu entwickeln. Ich glaube, gerade für junge Firmen bieten sich Möglichkeiten. Eine Firma bietet ein Online-Spiel, das mit einer Leitung mit garantiert hoher Bandbreite vermarktet wird. Dafür beteiligt uns der Anbieter an seinen Einnahmen. Kunden können entscheiden, ob sie für die schnelle Verbindung extra zahlen. Das heißt aber nicht, dass wir die normalen Internetdienste verschlechtern, Angebote blocken oder Anbieter diskriminieren. Das können wir uns auch gar nicht erlauben, weil uns dann die Kunden weglaufen. Es gibt ausreichend Wettbewerb, da muss niemand Angst haben. Und wenn wir diese neuen Dienste nicht entwickeln, dann machen das Anbieter aus den USA.

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Was für Dienste zum Beispiel?
Ich meine zum Beispiel einen Video-Dienst: Diesen kann man weiterhin kostenfrei in gewohnt guter Qualität nutzen. Wem das nicht genug ist, der kann HD-Qualität gegen eine extra Gebühr dazu buchen.

Und zugleich entstehen neue Bezahlangebote für Spielfilme und TV-Serien. Werden Telekommunikation und Fernsehen künftig eins?
Wie Sie wissen, sind wir mit Entertain bereits im Fernsehgeschäft aktiv. Eigene Inhalte wie TV-Serien oder Sportprogramme zu kaufen und exklusiv anzubieten, kann ein Modell sein. Aber das ist sehr teuer und riskant. Denn wir haben in Deutschland sehr viele frei empfangbare Sender. Deshalb war die Telekom in diesem Feld zurückhaltend. Wir setzen auf Kooperationen. Bei der Fußballbundesliga sind wir sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Sky, das über Entertain angeboten wird. Dennoch: wir werden künftig auch mehr eigene Produkte anbieten, wir haben zum Beispiel bereits die Rechte an der Basketball-Bundesliga erworben.

Man hört, zu den Kooperationspartnern wird bald auch Netflix gehören, die extrem erfolgreiche US-Online-Videothek...
Wir wollen alles, was es an Angeboten fürs Fernsehen gibt, über die Entertain-Plattform offerieren. Mit Sky und Maxdome haben wir erste, sehr positive Erfahrungen gemacht. Wir reden deshalb mit allen Content-Partnern, die uns attraktive Inhalte anbieten wollen, über Partnerschaft. Im Übrigen verlieren die Kabelnetzbetreiber seit Jahren TV-Kunden – auch an uns. Entertain hat schon rund 2,3 Millionen Nutzer. Tendenz steigend.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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