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21. Januar 2012

Teure Pillen: Das Ende des Preisdiktats

 Von Daniel Baumann
Neue Medikamente bringen Patienten Hoffnung - sind aber oft sehr teuer.  Foto: dpa/Vejchayachai/FR-Montage

Bisher bestimmen Pharmakonzerne den Preis für ihre Produkte - und die Krankenkassen zahlen. Ab heute müssen beide den Preis für neue Medikamente miteinander verhandeln. Eine Zeitenwende.

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Es geht nur um eine kleine, beigefarbene Pille, doch es ist ein großer Fortschritt für das Gesundheitswesen. An diesem Montag muss zum ersten Mal ein Pharmakonzern mit den Krankenkassen über den Preis eines patentgeschützten Arzneimittels verhandeln, das er hierzulande vermarkten will. Ähnliche Gespräche über etwa 20 weitere Medikamente werden in diesem Jahr folgen. Nutzen die Krankenkassen die Chance, gehören die von Kritikern angeprangerten „Mondpreise“ für Medikamente in Deutschland der Vergangenheit an.

Eine kleine, aber feine Delegation wird an diesem Vormittag an der Berliner Mittelstraße 51 eintreffen. Mit Medizinern und Arzneimittelexperten im Schlepptau wird Claus Runge am Hauptsitz des Spitzenverbandes der Krankenkassen erwartet. Der 36-jährige Apotheker hat eine Blitzkarriere hingelegt in der Pharmaindustrie. Bevor er in die Geschäftsführung von Astra Zeneca Deutschland einzog, hat er für die namhaften Pharmakonzerne Glaxo Smith Kline und Wyeth gearbeitet. Als erster Manager verhandelt er nun über den Preis eines patentgeschützten Medikaments mit der gesetzlichen Krankenversicherung.

Monatelange Verhandlungen

        

Hand aufs Herz: Was ist ein Medikament wert, durch das Patienten länger  leben können?
Hand aufs Herz: Was ist ein Medikament wert, durch das Patienten länger leben können?
 Foto: getty images/Peter Dazeley

Brilique heißt das Mittel, um das sich alles dreht. Es ist seit einem Jahr in Deutschland auf dem Markt und wird Patienten gegeben, die eine Durchblutungsstörung des Herzens oder einen Herzinfarkt erlitten haben. Für die ersten zwölf Monate durfte Astra Zeneca den Preis für Brilique noch frei festlegen. Auf 1 092 Euro belaufen sich die Jahrestherapiekosten statt 139 Euro bei der bisherigen Standardmedikation. Früher hätten das die Krankenkassen hinnehmen müssen, nun wird verhandelt.

Komplexe Bedingungen

Was dabei herauskommen wird, ist allen Beteiligten noch unklar. „Die Verhandlungen haben Blackbox-Charakter“, sagt ein Branchenvertreter. „Wir wissen alle nicht, was dabei herauskommen wird.“ Vergleichbar mit dem Einkauf auf dem Markt sind die Verhandlungen nicht. Zwar wird auch hier um den Preis gefeilscht, doch die Bedingungen sind ungleich komplexer. Dossiers müssen gewälzt, Arzneimittelstudien konsultiert, Richtlinien eingehalten werden. Die Frage ist: Was darf ein Medikament kosten, durch das Patienten länger leben können? Was ist dieser Zusatznutzen wert?

Monatelang haben die Verbände der Arzneimittelhersteller mit dem Spitzenverband der Krankenkassen die Rahmenbedingungen der Verhandlungen festgelegt. Es wurde darüber gestritten, ob das Ergebnis der Preisverhandlungen veröffentlicht werden darf, welche Daten die Konzerne preisgeben müssen und was Teil des Betriebsgeheimnisses ist. Selbst der Verhandlungsort war Verhandlungssache. Nervös belauerten sich beide Seiten und achteten penibel darauf, dem Gegner nicht durch eine Ungeschicklichkeit von Vornherein das Terrain zu überlassen.

In der Öffentlichkeit aber hält man sich zurück. Die Parteien sind bemüht, die erste Preisverhandlung geräuschlos über die Bühne zu bringen. Mitten in der Legislaturperiode, wo die nächsten Wahlen noch fern sind, will es sich keine der beiden Seiten durch Chaos, gar mit gescheiterten Verhandlungen, mit der Bundesregierung verscherzen. Schließlich hat die jetzige Regierung, mit dem damaligen FDP-Gesundheitsminister und derzeitigem Vizekanzler Philipp Rösler, das Verfahren in dieser Form festgezurrt. „Wir müssen das jetzt gangbar machen“, sagt deshalb ein Vertreter der Pharmafirmen.

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