In der Gegend rund um das Emporium-Shopping-Zentrum auf Bangkoks glitzernder Einkaufsmeile Sukhumvit scheint das Leben tagsüber wie immer zu sein. Junge Mütter in der Gegend, wegen der dort lebenden 40.000 Japaner auch Little Tokio genannt, treffen sich zum morgendlichen Kaffeeklatsch. Doch abends, beim Sake und einem kühlen Bier in einer der beliebten Izakayas (Bierkneipen) können die Ehemänner ihre Sorgenfalten nicht verbergen.
„Alles steht unter Wasser“, sagt der Manager einer Fabrik. Tokios Botschafter brachte es auf den Punkt: „Japans Wirtschaft hat hier die schlimmsten Verluste seiner Geschichte bei Auslandsinvestitionen erlebt.“
Gefahr: Bangkok bereitet sich auf weitere Überschwemmungen vor. Die Verwaltung der thailändischen Hauptstadt rief am Montag besonders gefährdete Bewohner von sechs tiefer gelegenen Distrikten auf, sich in Sicherheit zu bringen. Der Schutz der Altstadt sowie des Finanz- und Handelszentrums wurde weiter verstärkt. Zu den betroffenen Distrikten gehört das bei Touristen beliebte Viertel Chatuchak.
Krisenzentrum: Betroffen ist auch Don Mueang, wo der zweitgrößte Flughafen der Stadt liegt. Er wird derzeit als Krisenzentrum der Regierung und als Notaufnahmelager genutzt. „Auf zwei Zufahrtsstraßen steht das Wasser schon 70 bis 80 Zentimeter Wasser hoch“, sagte ein Flughafensprecher. „Wir kämpfen gegen die Flut“. Noch böten die Dämme aus Sandsäcken und mehrere Pumpstationen den nötigen Schutz.
Deutlich weniger Wachstum
Ein Drittel Thailands wurde durch die Flutkatastrophe überschwemmt. 315 Menschen starben bislang. Die Hauptstadt Bangkok mit ihren geschätzten zwölf bis 15 Millionen Einwohnern zittert seit Tagen angesichts der Frage, ob die Dämme der Umgebung halten, oder ob die Fluten, die mit ihren brisanten Chemikalien, Abfall, Tierkadavern und Krankheitskeimen die Provinzen überschwemmt haben, sich bald auch in die Metropole ergießen.
Das Hochwasser rückt nun immer näher heran. In der Nacht zum Montag warnte die Stadtverwaltung Anwohner von sechs Bezirken vor bis zu 80 Zentimeter hohen Überschwemmungen.
Noch verdeckt das lehmig braune Wasser den größten Teil des Schadens. Doch längst steht fest: Das Land muss alle ökonomischen Prognosen samt dem erhofften Wachstum von 3,5 bis vier Prozent korrigieren. Laut Regierung mussten bereits 14000 Betriebe geschlossen werden, weil sie vom Wasser bedroht oder überflutet wurden. Alleine in der Region zwischen Bangkok und der ehemaligen Hauptstadt Ayutthaya wurden 2000 Fabriken überschwemmt.
Thailands Regierung unter der erst seit Kurzem regierenden 44-jährigen Premierministerin Yingluck Shinawatra schraubte die Wachstumsprognosen inzwischen um bis zu 1,7 Prozent zurück. Selbst der Weltnachschub an Harddiscs für Computer ist gefährdet. Denn der US-Konzern Western Digital, der ein Drittel vom Weltbedarf der Herzstücke der Elektronenhirne in Thailand produziert, meldet pünktlich zum Start des Weihnachtsgeschäfts aus seiner Fabrik: Land unter.
Zwei Monate lang, so schätzen die Manager mittlerweile, wird die Produktion ausfallen. Laut dem Arbeitsministerium sind mehr als 600000 Arbeitnehmer betroffen. Sie fragen sich, ob sie in den kommenden Wochen Löhne erhalten und zukünftig noch Jobs haben werden. Denn viele der überschwemmten 2000 Fabriken in den betroffenen Industrieparks zwischen Bangkok und Ayutthaya liegen in klassischen Überschwemmungsgebieten.
„Wir müssen uns genau überlegen, wie wir uns zukünftig vor neuen Fluten schützen können“, sagt Roland Höhn, Manager der überschwemmten Fabrik von Stiebel Eltron nahe Ayutthaya. Mazda und Honda, deren Autofabriken unter Wasser stehen, denken zwar noch nicht laut über einen Umzug nach, sind aber sehr verärgert über die Behörden. „Wir fühlen uns schlecht und mangelhaft informiert“, monierten sie. Hinter vorgehaltener Hand mokieren sich Unternehmensvertreter zudem über die hilflosen Versuche des Militärs, die Industriegebiete mit Dämmen aus klatschnassem und durchweichtem Lehm zu schützen.
Neue Schulden im Ausland
Premierministerin Yingluck Shinawatra hatte seit ihrem Amtsantritt im Sommer mit einem populistischen Programm versucht, die Konsumkraft der thailändischen Mittelklasse anzukurbeln. Nun musste sie die geplante Einführung eines Mindestlohns von sieben Euro pro Tag um vier Monate verschieben. Außerdem soll das Haushaltdefizit auf 13 Milliarden US-Dollar angehoben werden – etwa zehn Prozent mehr als ursprünglich veranschlagt.
Thailand sieht sich sogar zu einem Schritt gezwungen, den das Königreich eigentlich gescheut hatte. Erstmals seit vierzehn Jahren will man wieder in großem Stil Schulden im Ausland aufnehmen. Denn nicht nur die Industrie leidet. Die Reisbauern in Zentralthailand müssen enorme Ernteeinbußen hinnehmen, was besonders tragisch ist, weil Thailand einer der wichtigsten Reisexporteure der Welt ist.
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