Die Aktionäre des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp waren auf der Hauptversammlung (HV) unversehens in die Rolle der Trendsetter geschlüpft. Das neue Vorstandsvergütungsgesetz, das der HV und dem Aufsichtsrat mehr Mitsprache zubilligt, stand erstmals auf einer Hauptversammlung zur Debatte. In Bochum stimmten die Aktionäre mit 99,55 Prozent für das neue Vergütungssystem.
Der zweite Dax-Wert kommt nächste Woche auf die Bühne: Siemens hat wie Thyssen am 30. September sein Geschäftsjahr beendet und startet deshalb traditionell mit den Stahlkochern zusammen die HV-Saison. Zwischen beiden Konzernen bestehen jedoch Unterschiede im Grad der möglichen Mitbestimmung: Dank der Montanregel von 1952 sowie gegebenenfalls mit Hilfe von Peer Steinbrück, seit kurzem Aufsichtsrat auf der Kapitalseite von Thyssen, hätten die Gewerkschaften im Streit über die "Angemessenheit der Bezüge" die Chance, als Sieger vom Platz zu gehen.
Aber wollen die Arbeitnehmervertreter, angeführt von IG Metall-Vize Bernd Eichler, auch tatsächlich weitergehende Forderungen durchsetzen. Eichler ist jedenfalls mit dem neuen Gesetz zufrieden: Man habe damit für "sinnvolle Transparenz" gesorgt und die "Nachhaltigkeit" der Geschäftspolitik betont. Über die mehr oder weniger gerechte Höhe der Bezüge - etwa das 30-Fache eines Facharbeiterlohnes - äußert sich Eichler dagegen nicht.
Umso leichter war den Gewerkschaftern im Aufsichtsrat die Zustimmung gefallen, als die Manager erneut Federn lassen mussten: Von 19,8 Millionen Euro an Einkommen rutschten die acht Thyssen-Vorstände auf nur noch 6,5 Millionen, davon 1,3 Millionen für den Chef. Das hat zwar weniger mit der jüngsten Reform zu tun, durch die kurzfristiges Renditedenken und Boni-Exzesse eingedämmt werden sollen, als mit der schlechten Lage im internationalen Stahlgeschäft und der deshalb schrumpfenden erfolgsabhängigen Vergütung.
Doch sorgt ein gewisser Mitleidseffekt wohl für die Schonung der Manager. Für die Unternehmensberaterfirma Towers Perrin jedenfalls ist die Hauptforderung des Gesetzes schon weitgehend erfüllt, variable Vergütungsbestandteile stärker an der langfristigen Unternehmensentwicklung auszurichten. Schwachstelle sei nach wie vor die uneinheitliche Art der Berichterstattung.
Am Dienstag dürfen die Aktionäre von Siemens erstmals über die neuen Rechte abstimmen. Konzernchef Peter Löscher, der noch 2008 die Dax-Verdienerliste anführte, erhält diesmal wegen reduzierten Erfolgs-Boni "nur" noch 7,1 Millionen statt der zuvor kassierten 9,4 Millionen Euro. Hinzu kommen weitere 1,1 Millionen Beiträge zu seiner Altersversorgung. Das Vier-Säulen-Vergütungsmodell (Fixum, Bonus, aktienbasierte Vergütung und Beitrag zur Altersversorgung) macht sich zudem bezahlt, sobald der Kurs der Aktie weiter steigt. Zwischen 2006 und 2008 hatte das Management seine "aktienbasierte Vergütung" verdoppelt. Zusätzlich bietet sich der Vorstand durch den neuen "Share Matching Plan" selbst einen "weiteren Anreiz zu langfristigen Investitionen".
"Das gegenwärtige System der Vorstandsvergütung trägt bei Siemens den Zielsetzungen der gesetzlichen Neuregelung bereits weitgehend Rechnung", teilt der Vorstand mit.
Auch für den Chemiekonzern BASF beginnt mit dem Gesetz "keine neue Zeitrechnung". Nachhaltig wirtschaftlicher Erfolg als Parameter für die Vergütung "war und ist Kern der Führungsphilosophie". Ziel allen Trachtens ist weiterhin "eine Gesamtkapitalrendite von zwölf Prozent". Damit sei dann auch die "Balance zwischen Ökonomie, Ökologie und gesellschaftlicher Verantwortung gewährleistet".
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