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ThyssenKrupp: Aktionäre billigen Vorstandsvergütungen

Zum ersten Mal in Deutschland stimmen Aktionäre über die Bezahlung von Vorständen ab. Erstmals reisen auch die Arbeiter des Unternehmens zur Hauptversammlung an. Annika Joeres

ThyssenKrupp-Mitarbeiter auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Bochum (21.02.2010).
ThyssenKrupp-Mitarbeiter auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Bochum (21.02.2010).
Foto: getty

Bochum. Luis Carlos Oliveira ist extra aus Brasilien zum Bochumer Ruhrkongress angereist. "Sie müssen die Mangrovenwälder wieder aufbauen und die verseuchten Gewässer reinigen", ruft er Konzernchef Gerhard Cromme zu. Carlos vertritt achttausend Fischer, die durch ein neues Stahlwerk von ThyssenKrupp ihre Lebensgrundlage verloren haben. "Sie machen uns sehr wütend", ruft der Mann im Rollstuhl mit der Strickmütze dem Aufsichtsrat von ThyssenKrupp zu. Deutschlands größtes Stahlunternehmen hielt am Donnerstag seine Hauptversammlung ab und empfing weltweite Kritik.

Doch nicht nur die Fischer leiden unter dem Megaprojekt in ihrer Bucht: Das missglückte und monatlich um einige Millionen teurer werdende Projekte in Brasilien und ein weiteres in den USA haben den Duisburger Konzern schwer belastet. Der noch bis Anfang 2011 als Vorstandschef gewählte Eckhard Schulz musste vor den Anteilseignern einräumen, dass die Kosten für die neuen Stahlwerke in Übersee weiter gestiegen sind. Statt den geplanten Investitionen für das Werk in Brasilien von anfänglich 1,3 Milliarden Euro muss ThyssenKrupp nun 5,2 Milliarden Euro zahlen. Beim Stahlwerk in Alabama werden nun mit 3,6 Milliarden US-Dollar zehn Prozent mehr als noch vor einem Jahr veranschlagt. Schulz konnte nicht sagen, ob dies nun die endgültigen Summen sind. Erst im Mai soll ein Kontrollgremium diese Zahlen präsentieren.

Bei dem einstigen Dax-Primus sieht es schlecht aus. Der Konzern hat im Geschäftsjahr 2008/2009 einen Verlust vor Steuern von mehr als 2,3 Milliarden Euro eingefahren. "Unsere Ergebnisse im ersten Quartal sind aber besser als erwartet", erklärte Vorstandschef Ekkehard Schulz. Die Mehrzahl der Konzernbereiche habe von Oktober bis Dezember einen Gewinn erwirtschaftet, Steel Europe etwa im knapp dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Für den erfolgsverwöhnten Konzern ist dies trotzdem weit unter Durchschnitt.

Zum ersten Mal in Deutschland haben Aktionäre über die Bezahlung von Vorständen abgestimmt. Die Anteilseigner billigten auf der Hauptversammlung das vorgeschlagene Vergütungssystem für die Mitglieder des Führungsgremiums. Nach Angaben eines Konzernsprechers stimmten 99,55 Prozent des anwesenden Kapitals der Regelung zu. Und trotz der tiefroten Zahlen soll den Aktionären schon am morgigen Freitag eine Dividende von 30 Cent pro Aktie gezahlt werden.

Protest der Mitarbeiter

Dagegen wehrten sich die Mitarbeiter in Bochum. Erstmals reisten sie in dem sonst so harmonischen Konzern zur Hauptversammlung an. Bernd Kruses T-Shirt leuchtete rot zwischen den grauen Anzügen der Aktionäre. "Wir sind das Kapital", prangte auf dem Stoff über Kruses Bauch. Der Vize-Vorsitzender der Vertrauensleute sagt: "Wenn der Konzern Geld übrig hat, soll es ins Unternehmen investiert werden." Die Anteilseigner sollten sparen und nicht immer nur die Belegschaft, fordert er.

Denn die Beschäftigten müssen die Krise von ThyssenKrupp ausbaden. Der Energieriese hatte in den vergangenen Monaten mehrfach seine Strategie geändert, Vorstandsmitglieder ausgetauscht und immer neue Sparten beschlossen und wieder verworfen. Der Industriegigant ThyssenKrupp wird nun ein neues Gesicht bekommen, zweitausend Mitarbeiter werden allein in Duisburg gehen müssen. Statt bislang fünf Sparten wird es zukünftig nur noch zwei so genannte Divisionen "Materials und Technologies" geben.

Insgesamt soll eine Milliarde Euro eingespart werden. Die Hälfte davon geht auf das Konto der Mitarbeiter. Und so soll es laut Schulz im laufenden Geschäftsjahr wieder ein "positives Ergebnis" geben. Doch diese Prognosen sind mit Unsicherheiten behaftet. "Die Gefahr eines konjunkturellen Rückschlags besteht auch weiterhin", sagte Schulz. Die Krise sei "noch nicht überwunden", ergänzte auch Aufsichtsratschef Gerhard Cromme.

Gerade die brasilianische und amerikanische Misswirtschaft stieß bei den Aktionären auf lautstarken Protest. Der ausschließlich von Männern besetzte Vorstand musste sich auch die Frage gefallen lassen, wie hoch denn der Frauenanteil insgesamt im mittleren und höheren Management sei. Die Antwort: 94 Prozent der Stellen sind mit Männern besetzt. Spezielle Projekte oder Ideen, wie die Gremien zukünftig gerechter besetzt werden könnte verneinte Gerhard Cromme achselzuckend. Die Aktionäre lachten überrascht auf. Schließlich haben sich die meisten deutschen Großkonzerne Förderprogramme für Frauen auf die Fahnen geschrieben. Nur Louis Carlos verzog keine Mine. Er wird in wenigen Tagen wieder in seine verseuchte Bucht zurückkehren. (mit rtr)

Autor:  Annika Joeres
Datum:  21 | 1 | 2010
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