Für den Erfolgsschlager der Finanzkrise wird ein Anschlusshit gesucht: Nach Ansicht von Gewerkschaften und Arbeitgebern sind die Potenziale der Kurzarbeit bald ausgeschöpft. An ihre Stelle sollen nun die Transfergesellschaften treten.
"Wir müssen Alternativen zur Kurzarbeit entwickeln", fordert Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser. "Wir prüfen den Aufbau von Transfergesellschaften."
Kurzarbeit war der bislang größte Trend auf dem Arbeitsmarkt: Im März hatten 24 000 Betriebe nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit das Instrument angewendet - 7200 mehr als im Februar. Die Zahl der neuen Kurzarbeiter ging allerdings von Februar auf März um 28 500 zurück. Betriebe und Gewerkschaften rechnen nun mit einem rasanten Anstieg der Transfergesellschaften, in denen die faktisch entlassenen Mitarbeiter qualifiziert werden sollen. Bereits im März wuchs die Zahl der Anträge auf Transferkurzarbeitergeld deutlich.
Diese sind ein möglicher Schutz von Beschäftigten vor der Arbeitslosigkeit: Arbeitgeber und Betriebsräte einigen sich meist in einem Sozialplan darüber, die entlassenen Mitarbeiter über zwölf Monate hinweg weiter zu qualifizieren.
Die Arbeitsagentur zahlt zwischen 60 und 67 Prozent des alten Nettolohnes, der Ex-Arbeitgeber schießt noch einen unterschiedlich hohen Betrag hinzu. Offiziell sind diese Menschen nicht arbeitslos gemeldet.
Ausnahmsweise einhellig begrüßen Gewerkschaften und Firmenchefs dieses Instrument. Die IG Metall NRW hat vor wenigen Tagen zusammen mit dem Arbeitgeberverband Metall NRW Vorschläge für zukünftige Transfergesellschaften vorgelegt. Demnach sollen sie von bislang zwölf auf 24 Monate erweitert werden dürfen. Entscheidender Punkt ist aber, dass die entlassenen Mitarbeiter nach dieser Zeit wieder in ihren alten Betrieb zurückkehren dürfen,
was das Sozialgesetzbuch bislang verbietet. "Gegen die Krise hat niemand ein Patent", so Oliver Burkhard, Bezirksleiter der IG Metall in NRW zur FR. Nun müsse in kleinen Schritten die Talsohle überwunden werden. "Wenn wir qualifizieren statt entlassen, haben die Angestellten eine Verschnaufpause", so Burkhard.
Der Arbeitsmarktexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Ralf Brauksiepe, zeigte sich "offen für Instrumente, die auf betrieblicher Ebene oder zwischen den Tarifparteien vereinbart werden". Was jedoch Forderungen an den Gesetzgeber angehe, warne er vor "vorschnellen Urteilen".
Die Koalition habe das Instrument des Kurzarbeitergeldes ausgebaut und sei hier "auf einem guten Weg". Brauksiepe würde es begrüßen, die Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate auszudehnen. In einer "extremen Situation auf dem Arbeitsmarkt", wie sich zuletzt im März geboten habe, sei ein solcher Schritt angemessen.
Auch im Arbeitsministerium sieht man keinen Handlungsbedarf für den Gesetzgeber. Vorrangig sei, Firmen zu unterstützen, damit sie an ihren Beschäftigten festhielten. "Wir setzen weiter auf Kurzarbeit", sagte ein Sprecher.
Die Transfergesellschaften wurden auch schon in den vergangenen Jahren genutzt. Die Mitarbeiter des insolventen Münchener Chipherstellers Qimonda werden ebenso weiter qualifiziert wie tausend Nokianer, die vor einem Jahr in Bochum entlassen wurden. Wie zuverlässig danach die Menschen eine neue Arbeit finden werden, ist allerdings kaum erforscht.
Es gibt eine Studie, nach der 50 Prozent nach dem Ende der Transfergesellschaft wieder einen Job gefunden haben. Allerdings fehlt hier die Vergleichszahl zu denjenigen, die direkt Arbeit gesucht haben.
Arbeitsmarktexperten befürworten den zeitlich längeren Transfer von Mitarbeitern. "In 24 Monaten können natürlich wesentlich sinnvollere Fortbildungen statt finden als in einem Jahr", sagt Matthias Knuth, Forscher am Gelsenkirchener Institut Arbeit und Qualifikation und Verfasser der deutschlandweit umfassendsten Studien zum Thema.
Es bestünde aber die Gefahr, dass die Mitarbeiter einfach "still gelegt statt aktiviert würden". Trotzdem sagt Knuth: "Transfergesellschaften sind immer besser als nackte Entlassungen. Sie betreuen die gekündigten Mitarbeiter wesentlich besser, als die Agentur für Arbeit es kann."
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