Berlin. Die Bahngewerkschaft Transnet will mit ihrem bisherigen Tarifexperten Alexander Kirchner aus der größten Krise ihrer sechzigjährigen Geschichte steuern. Der 52-Jährige wurde am Montagabend mit 96 Prozent der Stimmen zum neuen Transnet-Chef gewählt.
Kirchner hatte sich vor den 800 Delegierten in Berlin mit einer kämpferischen Rede zum Auftakt des 18. Gewerkschaftstags empfohlen. Für seine klaren Ansagen erhielt der neue Mann an der Spitze viel Beifall im Saal.
Sein Antritt markiert einen Kurswechsel: Die mit 250.000 Mitgliedern wichtigste deutsche Bahngewerkschaft schlägt härtere Gangart an und geht auf Konfrontationskurs zum Konzern. Bisher galt Kirchner als Mann der eher leisen Töne. Der Hesse, der sich gerne mal auf dem Motorrad austobt, hat eine lupenreine Gewerkschaftskarriere vorzuweisen.
Mit 17 begann er bei der Bahn eine Ausbildung zum Elektroniker. Bald war er Jugendvertreter, später Personalrat. Vor siebzehn Jahren kam er zu Transnet, seit acht Jahren sitzt er im Vorstand. Dort führte er bisher die Tarifverhandlungen.
Jahrelang stand Kirchner im Schatten von Norbert Hansen in der zweiten Reihe. Sein mächtiger Ex-Chef wechselte vor sechs Monaten spektakulär die Seiten ins Arbeitgeberlager. Hansen sitzt nun mit einem Millionengehalt im Bahnvorstand.
In der kommenden Tarifrunde wird das Duo erstmals aufeinander treffen. Auf diese Konfrontation darf man gespannt sein. Kirchner ist nicht zu beneiden: Seine Organisation ist gespalten und im DGB isoliert, da Transnet als einzige Gewerkschaft für die Privatisierung der Bahn optierte.
Der Schmusekurs Hansens mit dem Konzern hinterließ verbrannte Erde. Unter seinem kurzzeitigen Nachfolger Lothar Krauss wurde aus der Vertrauenskrise an der Basis offener Widerstand. Frustriert warf Krauss Tage vor dem Berliner Treffen das Handtuch.
Der fünftägige Gewerkschaftstag in Berlin soll einen Neuanfang markieren. Kirchners Auftaktrede zeigt: Der Schmusekurs mit der Bahn ist vorbei. Drei Viertel der Bundesbürger lehnen die von der Bundesregierung beschlossene Privatisierung des Staatskonzerns ab, an der Transnet-Basis sieht es kaum anders aus. Der neue Chef weiß das - und geht erstmals auf Distanz zum Börsengang.
Man werde die Position zur Privatisierung der Bahn überprüfen, kündigte Kirchner an. Die zentrale Frage sei nicht, ob und wann der Staatskonzern an die Börse gehe. Entscheidend sei vielmehr, ob die Schiene genug Geld bekomme, um ihre umwelt- und strukturpolitischen Aufgaben zu erfüllen.
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