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30. April 2015

Tschechien macht Ekel-Betriebe öffentlich: Der Lebensmittel-Pranger im Internet

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Tschechien stellt gefährliche oder falsch deklarierte Lebensmittel und Betriebe mit Hygienemängeln im Internet an den Pranger.  Foto: Screenshot www.potravinynapranyri.cz

Nach der Schließung der Frankfurter Bäckerei Mayer werden Rufe nach einem Internet-Pranger für Ekel-Betriebe laut. In Tschechien gibt es den bereits: Dort veröffentlichen die Behörden alle festgestellten Hygienemängel im Internet und nennen die Betriebe mit Namen und Adressen.

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Frankfurt/Prag –  

Der Fall sorgt derzeit über Frankfurt hinaus für Aufsehen: Die Traditionsbäckerei Mayer wurde vom Ordnungsamt wegen gravierender Hygienemängel geschlossen, unter anderem wurden Ratten in der Backstube angetroffen. Den Namen des betroffenen Betriebes nennt die Stadt Frankfurt allerdings bis heute nicht, erst Recherchen der Frankfurter Rundschau und anderer Medien brachten ihn ans Licht.

Damit die Behörden in Zukunft den Namen von jenen Betrieben veröffentlichen dürfen, die bei Hygienekontrollen beanstandet werden, bekräftigt das hessische Verbraucherschutzministerium seine Forderung nach einer Gesetzesänderung. "Der Bund ist in der Pflicht", sagt ein Sprecher von Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne). Eine Aufforderung der Verbraucherschutz-Ministerkonferenz der Länder liege der Bundesregierung seit langem vor. Nach Vorstellung des hessischen Ministeriums sollten die Namen jener Betriebe, in denen hygienische Mängel festgestellt wurden, im Internet veröffentlicht werden.

In anderen Ländern ist das längst gängige Praxis, zum Beispiel in Tschechien. Schon seit 2012 listet die Staatliche Landwirtschafts- und Lebensmittelinspektion (SZPI) auf einer interaktiven Website qualitativ minderwertige, gesundheitsgefährdende oder falsch deklarierte Lebensmittel auf. Seit das staatliche Amt Anfang dieses Jahres zusätzlich die Kontrolle von Gaststätten, Produktionsbetrieben und Lebensmittelläden von den lokalen Behörden übernommen hat, werden auch alle Betriebe an den Internet-Pranger gestellt, bei denen schwerwiegende Hygienemängel festgestellt wurden.

"Ziel des neuen Angebots auf dem Portal 'Potraviny na pranýři' (Lebensmittel am Pranger) ist es, die Konsumenten noch besser zu informieren und gleichzeitig für faire Wettbewerbsbedingungen zu sorgen", sagt der Generaldirektor der SZPI, Martin Klanica. Ein wichtiger Aspekt sei auch die präventive Wirkung der Veröffentlichung. Deshalb informiert die Behörde auch auf Twitter und Facebook laufend über Verstöße gegen die Hygiene- und Verbraucherschutzbestimmungen.

Namen und Adressen werden genannt

Auf ihrer interaktiven Website nennt die SZPI alle Produkte und Betriebe mit vollem Namen und voller Adresse. Eine elektronische Landkarte zeigt die genaue Lage des betroffenen Unternehmens und alle Kontrollergebnisse lassen sich filtern, etwa danach, ob bei Lebensmitteln eine Gesundheitsgefährdung besteht oder nur eine falsche Inhaltsangabe festgestellt wurde. Verbraucher können auch gezielt nach dem Namen eines Produktes oder einer Firma suchen. Bei den kontrollieren Betrieben kann man die Ergebnisse sogar nach Schlagworten wie "Rattenbefall" oder "ungeeignete Lagerung von Lebensmitteln" sortieren.

Die festgestellten Mängel werden von der Behörde nicht nur genau beschrieben, sondern auch ausführlich mit Fotos dokumentiert. Unter dem Eintrag "Tsunami Bars GmbH" listen die tschechischen Hygienekontrolleure etwa auf: "kein warmes Wasser - keine hygienische Reinigung von Geschirr und Gläsern möglich, deutlich vernachlässigte Reinigung aller Räume, Schmutz an den Wänden, ungeeignete Lagerung von Lebensmitteln". In einer Fotogalerie zeigen die Kontrolleure Bilder von in der Toilette gestapelten Bierfässern, völlig verdreckten Dekoelementen im Lokal und desolaten Fußböden. Beim Status des Betriebes ist lapidar vermerkt: "geschlossen".

Besonders lang ist die Liste der Mängel, auf die Lebensmittelinspektoren in der Bäckerei "Pekas GmbH" gestoßen sind, unter anderem führen sie an: "Mäusebefall, Insektenbefall, Ansammlung von Abfällen, Schmutz an Wänden, Regalen und Böden, alle Räume stark verschmutzt, Haltung von lebenden Enten im Büro". Auch diese Missstände werden mit Fotos dokumentiert: ein Eimer mit Eierschalen in der Ecke, Rattenkot überall, verschimmelte Teigreste in Plastikeimern, eine Kiste mit Entenküken unter dem Schreibtisch. Wenig überraschend auch hier der aktuelle Zustand des Betriebes: "geschlossen".

Auch wer die Mängel in seinem Betrieb behoben hat und wieder öffnen darf, bleibt erstmal am Internet-Pranger stehen, die Behörde informiert die Verbraucher zunächst lediglich darüber, wann die Sperre des Betriebes wieder aufgehoben wurde und ob weitere Auflagen gemacht wurden.

Drittel der kontrollierten Betriebe mit Mängeln

Durch den Internet-Pranger sind die tschechischen Verbraucher zwar immer über alle aktuellen Kontrollergebnisse informiert, die von der Lebensmittelaufsicht erhoffe präventive Wirkung der Veröffentlichung scheint allerdings noch nicht so richtig zu greifen: In den ersten drei Monaten des Jahres 2015 wurden in ganz Tschechien 3170 Betriebe kontrolliert, bei jedem dritten davon wurden schwerwiegende Mängel festgestellt. In 55 Firmen waren die Verstöße gegen die Vorschriften so gravierend, dass sie sofort schließen mussten. Im April wurden weitere 25 Lebensmittelbetriebe behördlich gesperrt.

Um noch mehr unappetitliche Zustände in tschechischen Gaststätten und Läden aufzudecken, setzt die staatliche Lebensmittelaufsicht auf die Mithilfe der Bevölkerung: Den tschechischen Lebensmittelpranger gibt es auch als App für die Mobil-Betriebssysteme IOS, Android und Windows Phone. Damit können Konsumenten die Behörden gleich per Smartphone oder Tablet-Computer informieren, wenn sie in einem Betrieb auf unhygienische Zustände stoßen. Die App wählt automatisch die nächstgelegenen Dienststelle der Lebensmittelaufsicht aus, auch Fotos kann man direkt an die Kontrolleure schicken.

Daneben bietet die App misstrauischen Verbrauchern Hilfe bei der Auswahl des richtigen Lokals fürs Mittagessen oder des passenden Ladens für den schnellen Einlauf: Auf Wunsch informiert sie durch die Ortungsfunktion über die behördlich festgestellten Ekel-Betriebe in der unmittelbaren Umgebung. (mit dpa)

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