Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

08. September 2015

Uber: „Ein Arschloch namens Taxi“

 Von 
Taxifahrer protestieren in Sacramento, Kalifornien, gegen die Fahrdienste. Sie fordern gleiche Regeln für alle.  Foto: REUTERS

Die Taxi-App Uber aus San Francisco will den Verkehr in aller Welt revolutionieren. Doch schon vor der eigenen Haustür kommt es zu Kollisionen mit dem Gesetz.

Drucken per Mail

Kaum ein Tag vergeht im Uber-Imperium ohne tolle Nachrichten: Eine neue Stadt ist erobert, ein neuer Service gestartet, ein neuer Chef gekrönt. Stets gibt man sich „glücklich“, „stolz“, „gespannt“ und „begeistert“. Schon funktioniert die App für das Smartphone in über 300 Städten in 60 Ländern – in New York und Bangalore, Warschau und Shanghai, Sydney und Nairobi. Die Welt im Uber-Rausch? Die Firmen-Website schwärmt über jene „Uber-Erfahrung, die Millionen von Kunden weltweit lieben“.

Im Hauptquartier an der Market Street in San Francisco grüßt Kommunikationschef Lane Kasselman mit straffem Händedruck und extrabreitem Lächeln. An den Wänden Straßennetze aus aller Welt. „Das hier“, mutmaßt Lane, „ist, glaube ich, Barcelona.“ Er freut sich von früh bis spät. „Ich stehe morgens auf und gehe gerne arbeiten“, erklärt der PR-Profi und grinst schon wieder. „Es ist ein Spaßjob!“ In Kalifornien ist vieles erlaubt. Bei mangelndem Enthusiasmus aber droht die Todesstrafe.

Es gibt kaum feste Büros, dafür reichlich „co-working space“: Sitzecken, Konferenztische, Kaffeebars. Viel Holz und Leder. Überall hocken topmoderne Menschen, vertieft in ihre Laptops. In den Raumteilern sind Computermonitore eingelassen, die auf Berührung zum Leben erwachen.
Lane, 37, hat schon AT&T, BP und Hillary Clinton gedient. Bei Uber Technologies fühlt er sich fast schon zu alt. Täglich rücken neue, jüngere Leute nach. Schon ist die Firma, 2009 gegründet, ein Reich, in dem die Sonne niemals untergeht. Ihr Wert wird auf über 50 Milliarden Dollar taxiert. Kapital von Google, Goldman Sachs und anderen Geldgebern fließt reichlich. Man hofft auf einen grandiosen Börsengang.

Doch warum „Uber“? „Das sollten Sie als Deutscher wissen“, erklärt Lächler Lane, “,Uber‘ bedeutet besser.“ Die des Doppelpunktes beraubte deutsche Vorsilbe hat Konjunktur im Silicon Valley. „Uber-cool“ meint mega-cool, „uber-rich“ superreich. Die Punkband „Dead Kennedys“ aus San Francisco sang schon 1979: „California Über Alles!“

Die Uber-Idee ist so schlicht wie bestechend: Bislang war das Taxi ein sehr lokales Geschäft. Ein Fahrzeug, das einen von A nach B brachte; elegant oder durchgerostet; mal beige, mal gelb, schwarz oder auch kunterbunt. Immer „low-tech“. Bis das kalifornische Startup sich anschickte, dieses Gewerbe per Internet und GPS global aufzurollen. Man will bei jeder Taxifahrt mitverdienen.

Die Slogans klingen grandios: „Uber entwickelt den Weg auf dem sich die Welt bewegt.“ Gerne sprechen Uber-Leute von Visionen und Revolutionen. Man begreift sich als „game changer“, als bahnbrechend. Die Maxime: rabiate Konfrontation. Die neuen Milliardäre der US-Westküste feiern solche „disruptiven“ Strategien als „kreative Zerstörung“. Sie schreiben die Regeln neu und zertrampeln klassische Geschäftsfelder. Google und Facebook kapern den Anzeigenmarkt, Amazon krempelt den Handel um, Airbnb verhökert jedes Gästebett. Und Uber knüpft sich nun das Transportwesen vor. Der Siegeszug sei „eine politische Kampagne“, konstatiert Uber-Gründer und -Direktor Travis Kalanick: „Und der Gegner ist ein Arschloch namens Taxi.“

Das Unternehmen gilt als Pionier der „sharing economy“ – ein Begriff, der unlängst im Oxford English Dictionary Aufnahme fand. Die Definition: „Ein Wirtschaftssystem, in dem Werte oder Dienstleistungen zwischen Privatpersonen kostenlos oder gegen Gebühr geteilt werden, meist durch Vermittlung per Internet.“ Die Prognosen sind großartig. Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers sieht in ihrer Glaskugel ein Volumen von 335 Milliarden Dollar. So viel soll die „sharing economy“ in zehn Jahren wert sein.

Teilen als moralisches Lametta für Geschäftsideen

Das neue Geschäft, verheißt Uber, bringe mehr Umweltschutz, mehr Freiheit, neue Chancen. Großspurig verspricht man etwa eine Million neue Jobs für Frauen bis 2020. Selbst „UN women“ fungierte kurzzeitig als Uber-Promotor – bis die UN-Frauenorganisation begriff, dass sie einer PR-Kampagne aufgesessen war. Ubers Marketingmaschine ist permanent auf der Suche nach Werbepartnern, lockt mit Blumen, Grillpartys und Hubschrauberflügen, an heißen Tagen auch mit Eiscreme. In Berlin konnte man per Uber-App kürzlich eine Putzkraft für die Küche ordern. Kostenlos.

Der Grundgedanke, Fahrzeuge zu teilen, leuchtet gleichwohl ein. Studien zeigen: Privatautos stehen während 96,5 Prozent Ihrer Lebenszeit nur herum, binden zudem enorm viel Kapital. Die Frage ist eher, ob bei jedem Akt des Teilens ein Software-Multi 20 Prozent Gebühr einstreichen muss. Unternehmen wie Uber, warnen Kritiker, nutzten die eigentlich schöne Idee des Teilens als moralisches Lametta für ihre Geschäftsideen. Der gute Gedanke, meint John Harvey, Forscher an der University of Nottingham, „sollte aus den Klauen jener zurückerobert werden, die davon nur profitieren wollen.“

Seit Anfang September hat auch Uber Deutschland einen neuen Boss: Christian Freese, bislang für Berlin zuständig, zuvor Experte für „Mobilität“ bei Roland Berger. Fabian Nestmann, sein Vorgänger, ist jetzt für die „Public Policy“ in deutschsprachigen Raum zuständig. Auch hierzulande eilt von Sieg zu Sieg. Bei Uber gibt es keine Verlierer, auch keine Niederlagen, nur Verzögerungen – verursacht durch jene Konkurrenten und Kritiker, Behörden und Politiker, die das Prinzip der neuen Welt noch immer nicht kapiert haben. „Uber ist mitten in einer spannenden Phase in Deutschland“, sagt Freese.

In San Francisco stehen die Protestschilder bereit.  Foto: REUTERS

Tatsächlich ist es eher eine Fahrt ins Ungewisse. Seit Uber Ende 2013 nach Deutschland vorrückte, musste der Konzern Niederlagen vor Gericht einstecken. Im März 2015 verbot das Landgericht Frankfurt schließlich „UberPop“, eine Plattform für Taxi-Amateure. Permanent verstoße die Firma gegen das Personenbeförderungsgesetz, urteilte der Richter, und sei dabei nicht nur Anstifter, sondern „Täter“. Dabei hatte Uber sogar Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) als Gutachter aufgefahren.

Im Mai startete Uber in Hamburg, München, Frankfurt und Düsseldorf den neuen Service „UberX“ (in Berlin gibt es derzeit nur „UberTaxi“), eine Konzession an die Rechtslage: Die Fahrzeuge sind nun als Mietwagen zugelassen und versichert, ihre Inhaber besitzen einen Personenbeförderungsschein. Uber versprach, die Kosten für Schein und Lizenz zu übernehmen. Nutzerzahlen werden nicht veröffentlicht. Das offizielle Statement lautet: UberX sei „ein Produkt, das immer stärker Anklang findet“. Ein taktischer Rückzug?

„Wir sind die Zukunft“, ruft die Firma. Und stößt nicht nur in Deutschland auf Gegenwehr. Im Sommer 2014 protestierten Taxifahrer nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris, Rom, Mailand, Madrid, Barcelona und Lissabon. In London legten Hunderte Taxis im Schritttempo den Verkehr zwischen Trafalgar Square und Whitehall lahm. Sie müssten, argumentieren die Taxifahrer, die strikten Regeln der Transportbehörde befolgen, für ihre Prüfung 320 Routen, 25 000 Straßen und 20 000 wichtige Orte büffeln. Uber-Fahrer hingegen nicht. Weil die US-Firma von „ganz oben“ beschützt werde.

Im Dezember 2014 untersagte ein Gericht in Madrid den Betrieb von UberPOP. In Frankreich wurde der Service Anfang 2015 verboten, das Parlament verabschiedete ein neues Gesetz, Manager wurden kurzzeitig festgenommen. In Portugal kassierte Uber im April ein Urteil, in Italien im Mai. Auch ein tribunal de commerce in Brüssel erklärte den Uber-Service für illegal.

Belgien schickte auch seine Steuerfahnder los. Und hakte in Amsterdam nach. Weil Uber sein Geschäft in Europa – und anderswo – über die Uber B.V. in den Niederlanden abwickelt, einem Land, das, ähnlich wie Luxemburg, großen Konzernen sogenannte „tax rulings“ anbietet – vorteilhafte Steuerdeals. Hinter der Uber B.V. stecke ein Firmengeflecht, so berichten mehrere Quellen, das in den Niederlanden, auf den Bermudas und im US-Steuerparadies Delaware residiere. Selbst in Vietnam und Australien gibt es Streit um Uber-Steuern.

Uber, seit April 2014 als Lobby in Brüssel registriert, geht die Widerstände in Europa nun auf EU-Ebene an. Bei der Kommission hat sich der Konzern offiziell über Frankreich, Deutschland und Spanien beschwert. Die polnische Binnenmarkt-Kommissarin Elzbieta Bienkowska, konservativ und selbsterklärte „Technokratin“, scheint solch „neuen Geschäftswegen“ sehr zugeneigt. „Fortschritt“, erklärt sie, „gibt es nur, wenn das Alte ersetzt wird.“ Auch Guy Verhofstadt, Anführer der EU-Liberalen, sieht Uber „als Teil der Lösung“.

Die glücklichen Konzernlenker in San Francisco plagt jedoch Ärger in aller Welt. Auch in Mexiko und Brasilien kam es unlängst zu Taxi-Blockaden gegen Uber, in Australien und China gab es Durchsuchungen, in Südafrika und Kanada wurden Uber-Fahrzeuge beschlagnahmt. Taiwan verhängte Strafzahlungen, Thailand untersagte das Uber-Business, Südkorea klagte sogar Konzernchef Kalanick persönlich an – wegen Verletzung des Transportgesetzes.

Die eigentliche Schlacht aber findet in Indien und China statt, den Massenmärkten der Zukunft. Eine Milliarde Dollar haben Investoren in das Startup gesteckt, damit sich die Taxi-App in Indien gegen einen starken heimischen Konkurrenten namens Ola durchsetzen kann. Beide Unternehmen sind dort zudem von behördlicher Intervention bedroht.

Auch im Kampf um den chinesischen Markt hat Uber just erneut Geld eingesammelt, mehr eine Milliarde Dollar. Das Geschäft in China, ein Land mit 800 Millionen Stadtbewohnern, hat absolute Priorität. Uber will hier von 11 auf 60 Städte expandieren. China, zitieren Insider aus einer E-Mail von Direktor Kalanick an Investoren, werde „die USA höchstwahrscheinlich vor Jahresende übertreffen“.

Der Hauptkonkurrent heißt hier Didi Kuaidi, eine Firma mit angeblich über 80 Prozent Marktanteil und mächtigen Freunden: Neben den Internet-Giganten Alibaba und Tencent zählt dazu die China Investment Corporation – den chinesischen Staatsfonds, an die 650 Milliarden Dollar schwer, mit engsten Drähten zur Führung. Auch Kapital aus Singapur, Japan und Russland ist im Spiel. Im Juli soll Didi Kuaidi erneut zwei Milliarden Dollar Spielgeld eingesammelt haben.

Keine Investitionen in Angestellte und Fahrzeuge

Selbst daheim in den USA leidet Uber unter Protesten, Prozessen, Strafzahlungen, Verboten. In New York, einem wichtigen Markt, erwägt das Transportkomitee des Stadtrates jetzt, die Zahl neuer Taxis zu begrenzen, weil Tausende Fahrer von Uber und der kleineren Konkurrenz Lyft das Geschäft torpedieren. Daraufhin organisierte Uber – über die eigene App – im Juni selbst eine Demo – inklusive freier Anfahrt, vorgefertigter Plakate und Lunch. Es kam nur eine bescheidene Schar.

In San Francisco, vor der eigenen Haustür, erweiterte Bezirksstaatsanwalt George Gascon Ende August ein Verbraucherschutz-Verfahren gegen Uber. Hintergrund: Das öffentliche Versprechen des Unternehmens, seine Fahrer rigoros zu durchleuchten – nach einigen Fällen von Vergewaltigung und anderer Verbrechen ein heikles Thema. Uber, heißt es, betreibe irreführende Werbung. Es sei der Firma nicht gelungen, den kriminellen Hintergrund von 25 Fahrern aufzudecken, darunter mehrere Sexualstraftäter und ein Mörder.

Obendrein haben Uber-Fahrer in Kalifornien den Konzern verklagt. Sie sehen sich nicht als Unternehmer, sondern als abhängig Beschäftigte. Vor Kurzem urteilte Bezirksrichter Edward Chen in San Francisco, die Fahrer dürften per Sammelklage gegen Uber vorgehen. Ihre Anwältin erklärt, „mehrere Tausend Fahrer“ könnten sich anschliessen. Etwa 160 000 Fahrer haben allein in Kalifornien schon für Uber gearbeitet.

Der Fall, meint die New York Times, „stellt Ubers Geschäftsmodell in Frage“. Die rasante globale Expansion war nur möglich, weil das Unternehmen weder in Angestellte noch Fahrzeuge investieren musste. Selbst das Wirtschaftsmagazin Forbes spottet über „den wachsenden Realitätsverlust der überreichen Tech-Oberherren“. („The Growing Unreality Of The Uber Wealthy Tech Overlords“). Weiter nördlich, beim Superior Court in Ontario, Kanada, ist ebenfalls eine Sammelklage von Fahrern anhängig. Sie verlangen 400 Millionen Dollar Schadensersatz.
Doch den menschlichen Chauffeur sieht das Management ohnehin nur als Zwischenlösung. Uber setzt, ähnlich wie Investor Google, langfristig auf selbstfahrende Autos. Von Microsoft kaufte man bereits Kartentechnologie, mit der Carnegie Mellon University hat man eine Forschungsvereinbarung. In Pittsburgh entsteht eine „Robotics Research Facility“ zur Entwicklung einer „autonomen Taxiflotte“. Die offizielle Uber-Verlautbarung dazu begann mit der Formulierung: „Wir sind begeistert…“

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Rente

Es hat sich ausgeriestert

Von Dorothea Mohn |

Wir brauchen bessere Altersvorsorge-Modelle Mehr...

Hilfe

Provozierte Katastrophen

Wie humanitären Krisen vorgebeugt werden kann Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen