Gestern protestierten vor der Firmenzentrale von Hess-Natur im hessischen Butzbach rund 200 Frauen und Männer gegen einen möglichen Verkauf an den US-Finanzinvestor Carlyle. Zugleich meldete sich einer der konkurrierenden Interessenten zu Wort: Ernst Schütz, der Inhaber der Freiburger Triaz-Gruppe, zu der die Ökoversender Waschbär und Panda gehören.
Die Demonstration wurde vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac organisiert. „Viele Mitarbeiter und Kunden haben sich dem Protest angeschlossen, auch der Butzbacher Bürgermeister war dabei“, sagte Jutta Sundermann vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis. Die Demonstranten forderten einen „verbindlichen Verzicht“ auf einen Verkauf an Carlyle.
Der Unternehmen mit Sitz in Washington DC zählt zu den größten Private-Equity-Firmen weltweit. Nach eigenen Angaben verwaltet Carlyle derzeit ein Vermögen von rund 97,7 Milliarden Dollar. Den Managern werden gute
Verbindungen in die Politik nachgesagt. Die beiden US-Präsidenten, George Bush und sein Sohn George W. Bush, waren einst Berater von Carlyle.
Die Fonds investieren in insgesamt elf Branchen, die meisten davon sind eng mit staatlichen Aufgaben verknüpft – etwa Gesundheit, Infrastruktur oder Transport. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sparte Luftfahrt und Rüstung. Auf der Website von Carlyle ist unter dieser Rubrik eine Auswahl von 26 Firmen aufgeführt, in die Carlyle investiert war oder noch ist.
Das US-Unternehmen gehört zu den größten Finanzinvestoren der Welt und investiert unter anderem in Rüstungsunternehmen. Hess-Natur ist mit der Friedens- und Ökologiebewegung in den 1970er und 1980er Jahren groß geworden. Geschäftsführung und Betriebsrat befürchten, dass bei einer Veräußerung an die Amerikaner viele Kunden dem Versender den Rücken kehren. Die Belegschaft und das Management machen sich für einen Käufer aus der Öko-Branche stark.
Schütz dürfte deshalb in Butzbach willkommen sein. „Ich habe ausreichend Kapital im Rücken“, sagt der Triaz-Chef. Und über ausreichend Erfahrung verfügt der Manager allemal. Er kennt Hess-Natur, baute das Geschäft in Österreich und der Schweiz auf, war bei dem Butzbacher Unternehmen mehrere Jahre für Produktentwicklung und Marketing verantwortlich.
Schütz sanierte danach den Panda- und den Waschbär-Versand. Beide Unternehmen seien inzwischen „sehr erfolgreich“, und Hess-Natur bilde eine ideale Ergänzung, so Schütz. Sein Ziel sei, die Firma als komplett selbstständiges Unternehmen neben Waschbär und Panda weiter am Standort Butzbach zu betreiben.
Die Triaz-Gruppe kommt mit 280 Beschäftigten auf einen Jahresumsatz von 60 Millionen Euro. Hess-Natur erlöst mit 340 Beschäftigten ebenfalls etwa 60 Millionen Euro per annum.
Wann Hess-Natur verkauft wird, ist offen. Klar ist aber, dass ein neuer Eigentümer gesucht wird. Die gegenwärtigen Besitzverhältnisse sind kompliziert. Das Versandhaus gehört zur Primondo Specialty Group (PSG), die indirekt vom Karstadt-Quelle-Mitarbeiter-Trust (KQMT) kontrolliert wird. Der KQMT verwaltet vor allem die Betriebsrenten früherer Beschäftigter von Karstadt und Quelle.
Ende November waren schon sechs Schwesterunternehmen der PSG an Carlyle veräußert worden. Carlyle soll zwar nach wie vor Interesse an Hess-Natur haben. PSG-Geschäftsführer Matthias Siekmann sagte aber gestern der Frankfurter Rundschau : „Es gibt aktuell keinen Verkaufsprozess für Hess-Natur.“
Attac hat indes auf seiner Website eine Unterschriftensammlung gegen einen Deal mit dem Finanzinvestor organisiert. 800 Leute hätten bereits erklärt, dass sie den Ökoversender bei einem Verkauf an Carlyle boykottieren wollten. Im Internet-Blog auf der Hess-Natur-Seite haben ebenfalls zahlreiche Kunden angekündigt, im Falle eines Falles künftig nicht mehr bei dem Butzbacher Unternehmen bestellen zu wollen. Sundermann: „Kundinnen und Kunden werden sich sicher nicht dazu hergeben, die Kassen eines Bombenbauers zu füllen.“
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