Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

21. November 2012

Überwachung durch Schaufensterpuppen: Modeketten spionieren Kunden aus

 Von Jonas Rest
Schaufensterpuppen bei der Messe Outdoor in Friedrichshafen.  Foto: dpa

Führende Modeketten sollen ihre Kunden mit Schaufensterpuppen überwachen. Datenschützer halten den Einsatz für rechtlich mehr als zweifelhaft.

Drucken per Mail

Kunden, die Schaufensterpuppen in die Augen sehen, könnten merken, dass die scheinbare leblosen Figuren sie längst im Visier haben. Mehrere führende Mode-Ketten setzen inzwischen Schaufensterpuppen ein, die ihre Kunden genau beobachten können, indem sie auf ähnliche Überwachungstechnologie zurückgreifen wie sie auch die Polizei einsetzt. Dies bestätigte Almax, der italienische Hersteller der Spezialpuppen, dieser Zeitung.

Äußerlich gleichen die präparierten Figuren anderen Schaufensterpuppen. Doch in ihren Augen ist eine Videokamera installiert, die mit einer Gesichtserkennungs-Software verbunden ist. Durch das Auslesen der Gesichtsmerkmale kann die Puppe Alter, Geschlecht und Ethnie ihres Gegenübers erkennen – etwa, ob sich eine junge Asiatin für die Kleidung interessiert.

Der Überwachungs-Einsatz der Puppen soll die Verkäufe steigern. Max Catanese, Geschäftsführer des Puppenherstellers Almax, sagte dieser Zeitung: „Die gewonnen Daten dienen Mode-Ketten dazu, ihre Verkäufe zu steigern, indem sie ihre Auslagen besser an das Kundeninteresse anpassen können.“

Interesse auch aus Deutschland

So haben die 4000 Euro teuren Spezialpuppen in einem Fall etwa herausgefunden, dass über einen bestimmten Eingang überproportional viele Asiaten eine Filiale betreten – und zwar immer nachmittags. Nachforschungen ergaben, dass ein Touristen-Bus in der Nähe des besagten Eingangs hielt. Daraufhin habe der Manager zwei asiatische Verkäufer zu der Zeit im Eingangsbereich platziert – mit dem Ergebnis, dass sich die Verkäufe in der Folgezeit um zwölf Prozent gesteigert hätten.

In einem anderen Laden ergab der Puppen-Einsatz, dass besonders Männer in den ersten beiden Tagen eines Schlussverkaufs zugreifen. Dementsprechend konnte die Auslage angepasst werden, um die Verkäufe zu steigern.

EyeSee-Mannequin

EyeSee-Mannequin heißen die Schaufensterpuppen des italienischen Herstellers Almax, die über eine Kamera im Auge, ihre Betrachter filmen können. Eine Software zur Gesichtserkennung analysiert dabei in Echtzeit die von der Puppe aufgenommenen Bilder der Kunden.
Die Software kann automatisiert erkennen, welches Geschlecht die Kunden haben oder welcher Ethnie sie angehören oder ob sie jung oder alt sind. Die Daten können dann eingesetzt werden, um die Angebote in dem Geschäft individueller auf die Kunden zuzuschneiden.

Vor allem Modeketten mit großen Filialen setzen die präparierten Puppen nach Herstellerangaben bereits in Europa und den USA ein. Der Wirtschaftsdienst Bloomberg hatte berichtet, dass dazu auch die Benetton-Gruppe gehöre, was ein Benetton-Sprecher gegenüber dieser Zeitung aber dementierte. „Auch aus Deutschland gibt es Interesse“, sagte Geschäftsführer Catanese. Hierzulande sollen die Überwachungspuppen bislang jedoch noch nicht eingesetzt werden. Seit Dezember letzten Jahres will das Unternehmen mehrere Dutzend Exemplare ausgeliefert haben, noch einmal so viele seien bestellt.

Bald könnten es deutlich mehr sein. Der Puppen-Hersteller verhandelt nach eigenen Angaben der zeit mit mehreren führenden Modeketten über einen flächendeckenden Einsatz. „In solchen Läden ist es schwierig, den Überblick über die Kundenströme zu halten,“ sagt Catanese. Durch den Einsatz mehrere Puppen sei es dann etwa auch möglich, die Verkäufer in Echtzeit dorthin zu lenken, wo ein besonders großer Andrang herrscht. Im Gegensatz zu Videoüberwachungssystemen sei der Vorteil der Puppen, dass sie sich auf Augenhöhe befinden und sich so die Gesichtsdaten detailliert auswerten lassen.

Der Hersteller hat keine Bedenken

Sieht eigentlich ganz harmlos aus: Eine Überwachungs-Schaufensterpuppe des Herstellers Almax.
Sieht eigentlich ganz harmlos aus: Eine Überwachungs-Schaufensterpuppe des Herstellers Almax.
 Foto: Almax

Datenschutzrechtliche Bedenken hat der Hersteller nicht. „Natürlich werden einige Kunden den Gedanken zunächst unangenehm finden, von den Puppen beobachtet zu werden“, sagt Max Catanese. Doch dazu gebe es keinen Grund. „Wir werden doch ohnehin im öffentlichen Raum permanent beobachtet – und die Puppen rufen ja nicht meine Freundin an, wenn ich an einem Geschäft vorbei gehe.“ Die Kunden interessierten sich schließlich nicht für individuelle Personen, sondern für verallgemeinerte Daten.

Datenschützer halten den Einsatz der Puppen dagegen für bedenklich. Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für Datenschutz, sagte dieser Zeitung: „Den Einsatz derartiger Schaufensterpuppen halte ich rechtlich für mehr als zweifelhaft. Auch bei entsprechendem Hinweis wäre solch eine Überwachung kaum zu rechtfertigen.“

Die Software kann automatisiert erkennen, welches Geschlecht die Kunden haben oder welcher Ethnie sie angehören oder ob sie jung oder alt sind.
Die Software kann automatisiert erkennen, welches Geschlecht die Kunden haben oder welcher Ethnie sie angehören oder ob sie jung oder alt sind.

Zusammen mit der „regulären“ Videoüberwachung im Geschäft, der Identifizierung beim elektronischen Bezahlen, dem aus der Kundenkarte bekannten Einkaufsverhalten und den aus Funketiketten gewonnenen Erkenntnissen ließen sich Schaar zufolge mit den Videodaten detaillierte Kundenprofile anlegen. „Eine solche lückenlose Verhaltenskontrolle wäre datenschutzrechtlich unzulässig.“

Kritisch sieht Marit Hansen vom Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein, dass die Technik auch genutzt werden kann, um unterschiedlichen Kunden auf einen angeschlossenen Bildschirm verschiedene Angebote zu machen. „Grundsätzlich birgt die Technologie die Gefahr der Diskriminierung - etwa, wenn jungen Asiatinnen plötzlich andere Angebote gemacht werden als europäisch ausschauenden Menschen.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Digitalisierung

Das Handwerk vor sich selbst schützen

Von  |

Räumliche Nähe ist kein Wettbewerbsvorteil mehr Mehr...

Arbeitswelt

Schuften bis zum Umfallen

Von  |

Die Bundesbank empfiehlt eine unsinnige Rentenpolitik Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen