Als Léo Apotheker vor einem halben Jahr den Chefposten bei Hewlett-Packard übernahm, war die Verwunderung in der Branche groß. Warum ausgerechnet der Deutsche Apotheker? Der Mann, der im Februar 2010 nach einem mehr oder weniger offenen Streit beim deutschen Software-Riesen SAP vom Chefposten verdrängt worden war. Dem keiner strategisches Denken abspricht, wohl aber Geschick bei der Umsetzung dieser Pläne. Kurz: Der als eine Nummer zu klein galt für den Thron des größten PC-Herstellers der Welt aus Kalifornien.
Die Story hat bislang kein Happy-End. Gestern musste HP vermelden, dass der Konzern einen kräftigen Dämpfer hinnehmen muss. Der Umsatz in diesem Jahr wird um eine Milliarde Dollar niedriger liegen als erwartet, bei bis zu 130 Milliarden Dollar.
Der Aktienkurs von Hewlett-Packard brach in New York bis zum Nachmittag um fast sieben Prozent ein. Noch ist HP natürlich eine formidable Geldmaschine. Den Nettogewinn von Januar bis März bezifferte der US-Konzern auf 2,3 Milliarden Dollar nach 2,2 Milliarden Dollar im Vorjahr. Noch kann sich der Konzern durch schiere Größe die Konkurrenz einigermaßen vom Leib halten.
In Westeuropa werden Marktforschern zufolge aber immer weniger PC verkauft. In den ersten drei Monaten seien hier
18 Prozent weniger Desktops und Notebooks an die Kunden gegangen als noch vor Jahresfrist, teilten die Marktexperten von Gartner am Dienstag mit. Insgesamt wurden von allen Herstellern lediglich 14,7 Millionen Rechner ausgeliefert.
Der Rückgang sei auf die hohen Lagerbestände zum Jahresende zurückzuführen, meinen Analysten. Der Überschuss wurde nur langsam abgebaut, die Nachfrage stocke. In Deutschland fiel der Rückgang nicht ganz so stark aus wie in der Gesamtregion. Allerdings schrumpfte der Markt erstmals seit zehn Jahren mit einer zweistelligen Rate. (js/rtr)
Der Gewinn im zweiten Quartal fällt mehr als zehn Prozent niedriger aus als erwartet. Angesichts der hohen Erwartungen war das eine herbe Enttäuschung. Vom smarten Apotheker, der ein feines Englisch mit deutsch-französischem Akzent spricht, wird mehr erwartet. Er soll den Konzern völlig neu ausrichten.
Meike Escherich, Londoner Expertin des Marktforschungshauses Gartner, hält das wie die meisten Analysten für dringend notwendig: „HP hat große Probleme, sich klar zu positionieren. Die Produkte sind weder teuer noch billig. Sie sind keine Technologie-Vorreiter, aber hinken auch nicht allzu weit hinterher.“ Läuft der Gesamtmarkt schlecht, geht es auch HP nicht gut. Davon, sich wie Apple von der allgemeinen Entwicklung abzukoppeln, kann HP nur träumen.
Beispiel Privatkunden: Der Markt bricht besonders in Europa ein. Die Konsumenten, so Analystin Escherich, schielten bereits auf neue Produkte wie Table-PC und hielten sich daher mit Einkäufen zurück. Deren Marktanteil wird stetig steigen – und das wird zum Problem für HP. „Bei den Tablet-PC hinkt HP hinterher. Das Touchpad von HP ist ein gutes Gerät. Aber es kostet genauso viel wie das ausgereifte iPad von Apple. So kann man keine nennenswerten Marktanteile gewinnen.“
In der Branche ist man mit Apothekers neuer Strategie nicht zufrieden. Ein Absturz von HP sei zwar nicht zu erwarten. Andererseits habe der Konzern aber keine Pläne, um neues Terrain zu erobern. „Das ist langfristig ein Problem und eine Herausforderung für Apotheker. Er muss dem Konzern eine klare Richtung vorgeben“, sagte Escherich. Dafür brauche es aber viel Durchsetzungsvermögen.
Altes Konzept im neuen Kleid
Bedenkt man, dass Apotheker erst im März eine neue Strategie vorgestellt hat, sind solche Einschätzungen nicht schmeichelhaft. Apotheker kündigte damals eine Neuausrichtung des Konzerns an. „Cloud and Connectivity“ standen im Vordergrund von Apothekers Vision: Also das Bereitstellen von effektiven Schnittstellen und die Sammlung großer Datenmengen auf zentralen Servern. In der Branche, die seit zwei Jahren von kaum etwas anderem als „Cloud Computing“ spricht, war die Begeisterung nicht groß. Im Wall Street Journal wurde Apothekers Plan als Versuch verspottet, alte Technologie in neuen Kleidern zu verkaufen.
Am konkretesten ist noch, dass HP versucht, seine eigenes Betriebssystem webOS in den Markt zu drücken. HP liefert pro Sekunde im Schnitt etwa zwei PC und zwei Drucker aus. So kommt man schnell auf eine weite Verbreitung des Systems, das dann die Schnittstelle der Datenwolke werden soll. Das Problem: Selbst HP ist vermutlich nicht groß genug, um webOS gegen die starke Konkurrenz von Microsoft, Apple und vor allem Googles Android-System (für Tablet-PC) in den Markt zu drücken. Apotheker, so wird in der Branche gemunkelt, sei ohnehin nur eine Übergangslösung, bis ein starker Kandidat aus dem Konzern gefunden sei.
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