In Deutschland fürchtet der Stromkonzern RWE das ausstiegsbedingte Ende seiner fünf Atomkraftwerke. Nun will der Energiemulti auf dem ausländischen Nuklear-Markt einsteigen. Ausgerechnet im Erdbebengefährdeten nordbulgarischen Belene will der Essener Konzern sein erstes Atomkraftwerk außerhalb Deutschlands bauen und betreiben. Anfang der Woche gab die bulgarische Regierung offiziell bekannt, dass der deutsche Stromgigant den Zuschlag als Investor für das zweite AKW-Projekt des Landes bekommen hat. Mit 49 Prozent und rund 1,5 Milliarden Euro will sich RWE als Kompagnon des staatlichen Energiekonzerns NEK an Belene beteiligen.
Umweltgruppen bezeichnen das geplante Atomkraftwerk als eines der gefährlichsten Vorhaben, das derzeit in Europa in Angriff genommen wird. "RWE spielt russisches Roulette mit der Gesundheit und Sicherheit von Millionen Europäern", kritisiert Heffa Schücking von der Umweltorganisation Urgewald. Zuletzt hatte 1977 ein starkes Beben die unmittelbare Umgebung des geplanten AKW erschüttert. Mehr als 100 Menschen kamen ums Leben. Vor allem wegen der hohen seismischen Risiken hatte die postkommunistische Regierung Anfang der 90er den zehn Jahre zuvor begonnenen Reaktorbau gestoppt. "Technisch unsicher und ökonomisch nicht tragbar", hatte das bulgarische Kabinett nach Warnungen von Wissenschaftlern geurteilt. Die neue Regierung belebte das Projekt Belene jedoch wieder und suchte dafür auch Finanzhilfe bei deutschen Banken. Ende 2007 signalisierte die EU ihrem neuen Mitglied Bulgarien finanzielle Bürgschaften für das umstrittene AKW-Projekt. Nach dem EU-Beitritt forciert die bulgarische Regierung den Neubau nun mit Hochdruck. Bereits 2009 soll mit Hilfe von RWE Baubeginn sein für einen neuen russischen Reaktortyp, der vom russischen Unternehmen Atomstroyexport konstruiert werden soll. Mit dabei sind auch die deutsch-französischen Anlagenbauer Areva und Siemens.
Umweltschützer warnen, Betrieb und Kontrolle des AKW durch bulgarische Behörden bedeuteten für RWE ein Risiko. "In Bulgarien gibt es keine gewachsene Sicherheitskultur, und der Energiesektor ist von Filz durchsetzt", warnt Jan Haverkamp, Osteuropa-Experte von Greenpeace. "In einem solch korrupten System werden sich keine hochwertigen Sicherheitsstandards realisieren lassen." Zugleich dürfte der Bau von Belene den Staatshaushalt Bulgariens belasten und die Energiepolitik des EU-Neulings in falsche Bahnen lenken. Bulgarien gilt als größter Stromverschwender der EU. Das Land verprasst nach Recherchen von Urgewald acht Mal mehr Energie als der EU-Durchschnitt. Investitionen in ein neues AKW statt in erneuerbare Energien könnten diesen Trend noch verstärken. Korrupte Strukturen, mangelndes Fachpersonal, fehlende Sicherheitskultur - das alles könnte dem Essener Konzern finanzielle Risiken sowie einen Imageschaden bescheren.
Im RWE-Aufsichtsrat sehen einige das erste Auslands-AKW-Projekt deshalb durchaus skeptisch. Auch in der Konzernzentrale registriert man die Kritik von außen. Selbst wenn RWE nun den Zuschlag als Investor bekommen habe, sei die Beteiligung nicht endgültig entschieden, heißt es. Noch müssten mit dem bulgarischen Partner offene Fragen der "Wirtschaftlichkeit, Finanzierung und Entsorgung" geklärt werden, sagt RWE. Und selbstverständlich dürfe es "bei der Sicherheit der Anlage keine Abstriche geben".
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